Porträt

Elder Statesman

Der frühere Außenminister Henry Kissinger ist 100 Jahre alt – und bis heute ein gefragter Mann

von Sebastian Moll  30.05.2023 09:39 Uhr Aktualisiert

Mischt sich noch immer leidenschaftlich ins Weltgeschehen ein: der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger Foto: picture alliance / Photoshot

Der frühere Außenminister Henry Kissinger ist 100 Jahre alt – und bis heute ein gefragter Mann

von Sebastian Moll  30.05.2023 09:39 Uhr Aktualisiert

Henry Kissinger mag in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden sein, doch der große alte Staatsmann hat sich noch lange nicht von der Welt zurückgezogen. Im Jahrestakt scheint er ein Buch zu schreiben, zuletzt erschien im vergangenen Jahr eine 500 Seiten lange diplomatische Memoire von ihm. Und noch immer mischt er sich leidenschaftlich ins Weltgeschehen ein.

Rund um seinen Geburtstag gibt er unermüdlich Interviews, auch wenn er seit seiner Zeit als US-Außenminister vor rund 65 Jahren ein eher kompliziertes Verhältnis zur Presse hat. Doch wenn es darum geht, seine Meinung kundzutun, schluckt er auch diese Kröte.

Er will, dass man hört, was er zu den großen Themen der Zeit zu sagen hat. Zum Verhältnis zwischen den USA und China, das er seinerzeit als Diplomat entscheidend geprägt hat, beispielsweise. Oder zur russischen Besetzung der Ukraine und der geopolitischen Lage in Mitteleuropa, die daraus entstanden ist.

REALPOLITIKER Bei beiden Themen ist sich Kissinger bis heute treu geblieben. Er ist noch immer der »Realpolitiker«, als der er seine Karriere in den 60er-Jahren begann. Er steht dafür, Interessen und Ziele zu formulieren und pragmatisch das Machbare zu verfolgen. Aus ideologischen oder idealistischen Gründen die Beziehungen zwischen dem Westen und China oder Russland eskalieren zu lassen, ist seine Sache nicht.

Würde er mit Xi Jinping zusammen sitzen, so sagte er etwa jüngst dem »Economist«, würde er ihm sagen: »Schauen Sie, die beiden größten Sicherheitsrisiken unserer Zeit sind Sie und wir.« Damit wäre erst einmal ein gemeinsamer Ausgangspunkt formuliert.

Eines seiner obersten diplomatischen Ziele war die Dominanz der USA im Nahen Osten.

Was Putin angeht, spricht sich Kissinger seit Langem dafür aus, Russland territoriale Zugeständnisse in der Ukraine zu machen, um so schnell wie möglich Frieden zu schaffen. Eine Position, für die Kissinger sich nicht nur in den USA harsche Kritik gefallen lassen muss. Das Magazin »New Yorker« schrieb etwa in einem Porträt im Jahr 2020, betitelt als »Der Mythos von Henry Kissinger«, dass der einstige Außenminister seine Ideale dem Pragmatismus bis zu einem Punkt unterordne, an dem »die Ideale unkenntlich werden«. Als Beleg dafür führt der Artikel unter anderem Kissingers provokative Aussage an, dass, »wenn Juden in der Sowjetunion in Öfen wandern«, das kein Problem von nationalem Interesse für die USA sei. Bestenfalls von humanitärem Belang.

ideale So steht Henry Kissinger für die Linke, wie vielleicht kein anderer Politiker, für die Skrupellosigkeit eines amerikanischen Imperialismus, der sich von seinen Idealen gelöst hat. Mit Leuten wie Kissinger, so das linke Narrativ, sei das weltweite Machtstreben der USA zum Selbstzweck geworden. Die Verbreitung von Menschenrechten und Demokratie seien für Männer wie Kissinger zu Feigenblättern verkommen. Die linke Zeitschrift »The Nation« etwa titelte in der vergangenen Woche: »Kriegsverbrecher Kissinger – Mit 100 noch immer auf freiem Fuß«. In dem Artikel wurden einmal mehr all jene Grausamkeiten aufgezählt, die man Kissinger bereits in seiner Zeit als Außenminister und nationalem Sicherheitsberater zur Last gelegt hatte.

Da ist natürlich zuvörderst das Flächenbombardement von Kambodscha zwischen 1969 und 1973, dem rund 100.000 Zivilisten zum Opfer fielen. Kritiker behaupten, die zunächst geheime Kampagne habe ganz und gar zynische Ziele gehabt. Die USA wollten Nordvietnam zu Zugeständnissen am Verhandlungstisch zwingen, damit man aus Vietnam herauskomme, ohne das Gesicht zu verlieren. Letztlich sei es Kissinger vor allem um die politische Karriere seines Chefs Richard Nixon gegangen.

Weiterhin wird die Unterstützung des pakistanischen Präsidenten Yahya Khan angeführt, der für den Genozid an der bangladeschischen Bevölkerung von Bengalen verantwortlich war. Ziel damals sei es gewesen, gegenüber der Sowjetunion Härte zu demonstrieren. Aus dem gleichen Grund habe Kissinger den Genozid des indonesischen Präsidenten Suharto in Osttimor gebilligt.

doktrin Der damals junge demokratische Senator Joe Biden bezichtigte seinerzeit Henry Kissinger, eine »globale Monroe-Doktrin« zu verfolgen. Die Doktrin, im Jahr 1823 von Präsident James Monroe artikuliert, legitimierte die USA, die gesamte Erdhalbkugel als ihre Einflusssphäre zu betrachten und diese mit allen Mitteln zu verteidigen. Nixon und Kissinger, so Biden, hätten dieses Prinzip auf die ganze Welt ausgedehnt.

Die Philosophie wurde nirgends so deutlich wie bei der Rolle der Nixon-Regierung beim Sturz des chilenischen Präsidenten Allende. Kissinger rechtfertigte das amerikanische Engagement damals mit den Worten: »Wir können nicht still sitzen, wenn ein Land wegen der Verantwortungslosigkeit seiner eigenen Bevölkerung kommunistisch wird.« Dass auf Allende der rechtsextreme General Pinochet folgte, störte Kissinger unterdessen weniger.

Kissingers Philosophie der weltweiten Sicherung amerikanischen Einflusses hatte jedoch nicht nur negative Konsequenzen. Auch sein unumstritten größter diplomatischer Erfolg geht zuletzt auf diese Politik zurück: die Sicherung des Friedens im Nahen Osten.

diplomatie Mithilfe einer Praxis, die später als »Shuttle-Diplomatie« berühmt wurde, brachte Kissinger Israel, Syrien und Ägypten dazu, sich auf einen stabilen Interessenausgleich zu einigen. Die sogenannte Kissinger’sche Ordnung der Region schaffte gut 30 Jahre lang Stabilität und wirkt bis heute nach.

Natürlich verwirklichte Kissingers Anstrengung auch sein oberstes diplomatisches Ziel – nämlich die Dominanz der USA im Nahen Osten. Die Sowjetunion und später Russland zogen sich daraufhin über viele Jahre lang weitestgehend aus der Region zurück. Bei jedem Versuch, zu politischen oder auch militärischen Lösungen der Konflikte in der Region zu gelangen, spielen die USA die zentrale Rolle.

Was Linksliberale an Kissinger bis heute jedoch vor allem aufbringt, ist die Tatsache, dass für ihn die Legitimität des amerikanischen Hegemoniestrebens rund um die Welt niemals infrage stand. »Für Kissinger stand nie die globale Mission Amerikas in Zweifel«, schreibt der »New Yorker«. Eine Tatsache, die sich jedoch leicht aus seiner Biografie erklärt.

BIOGRAFIE Kissinger wurde am 27. Mai 1923 als Heinz Alfred Kissinger in Fürth bei Nürnberg geboren, seine Familie floh kurz vor der Pogromnacht nach New York. 1942, im Alter von 19 Jahren, wurde Kissinger in die U.S. Army eingezogen und landete fünf Monate nach dem D-Day mit der 84th Infantry Division in der Normandie. Kissinger kämpfte in Holland und Belgien gegen die Nazis und war dabei, als das KZ-Außenlager Hannover-Ahlem befreit wurde.

Zur Weltmacht Amerika als Kraft des Guten in der Welt gab es für den jungen Kissinger keine Alternative. Ebenso war eine Rückkehr zum US-amerikanischen Isolationismus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg undenkbar. Amerika war für ihn unverrückbar die einzige Chance der Menschheit auf Frieden, Freiheit und Demokratie.

Fortan beschäftigte er sich beinahe besessen damit, wie Amerika in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg diese Rolle ausfüllen kann. Seine Dissertation an der Harvard University schrieb Kissinger über den Wiener Kongress und die europäische Neuordnung im 19. Jahrhundert. Darin machte er sich explizit den österreichischen Außenminister Fürst Metternich zum Vorbild, auch wenn er ihn letztlich als nicht ausreichend zupackend und entschlossen kritisierte.

Seine berufliche Laufbahn begann Kissinger als Akademiker, öffentlicher Intellektueller und als Außen- und Sicherheitsberater verschiedener Präsidentschaftskandidaten. Doch konnte er es kaum erwarten, selbst in die Rolle des modernen Metternich zu schlüpfen. So zögerte er nicht, sich Richard Nixon als Sicherheitsberater anzubieten, obwohl er noch kurz zuvor Nixon als »gefährlich« bezeichnet und dessen Rivalen Nelson Rockefeller unterstützt hatte. Ein typischer Akt von Kissinger’schem Pragmatismus.

Kissingers Chef Richard Nixon musste schließlich wegen des Watergate-Skandals zurücktreten und ging als einer der problematischsten Präsidenten in die amerikanische Geschichte ein. Nixon wird mit dem Vietnam-Debakel sowie mit politischer Korruption gleichgesetzt. Kissingers Reputation als großer Staatsmann konnte dies verblüffenderweise nichts anhaben, obwohl er sowohl an der Vietnam-Politik als auch nachweislich an Watergate beteiligt war.

AURA Wie Kissinger es schaffte, sich eine Aura der Unantastbarkeit anzueignen, ist auch Gegenstand zahlreicher Würdigungen anlässlich seines bevorstehenden Geburtstags. Kissingers Biograf Barry Gewen hat eine relativ einfache Erklärung: Neben allem anderen war Kissinger sehr begabt darin, sein Image zu pflegen. Kissinger gab sich so überzeugend als welthistorische Figur, dass ihm das sowohl seine Anhänger als auch seine Kritiker abnahmen.

Die Kundenliste seiner Beratungsfirma ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der Welt.

Der Zauber wirkt bis heute. Sowohl Obama als auch Trump beriefen sich auf Kissinger, wenn es darum ging, außenpolitische Entscheidungen zu rechtfertigen. Und bis vor Kurzem hatte Kissinger Wladimir Putin auf seiner Kurzwahlliste. Die Kundenliste von Kissingers politischer Beratungsfirma ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Welt. Man vermutet, dass es kaum einen Mächtigen der Welt gibt, der nicht mit Kissinger spricht. Noch vor zehn Jahren trat Kissinger als Vorsitzender der Untersuchungskommission zum 11. September zurück, weil man von ihm verlangte, die berüchtigte Liste zu veröffentlichen.

Auch jetzt wieder, vor seinem Ehrentag, standen die großen Medien der Welt Schlange, um aus seinem Mund kluge Worte zur Lage der Welt zu hören. Und ein klein wenig ist auf diese Weise der Mythos, den Kissinger bis heute selbst kräftig schürt, Wirklichkeit geworden.

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