Prinzessin Alice von Battenberg

Eine vergessene Helferin

Prinz Philip ist inzwischen 95 und steht immer noch im Rampenlicht. Doch von der Mutter des Ehemanns von Königin Elizabeth ist herzlich wenig bekannt. Sollte doch jemand über Kenntnisse ihrer Biografie verfügen, sind es meist uncharmante Züge, etwa dass sie »in der Klapsmühle saß« oder »als Nonne bei der Krönung Elizabeths auftrat«. Nur wenige wissen, dass sie eine Gerechte unter den Völkern war, weil sie im Zweiten Weltkrieg eine jüdische Familie gerettet hatte.

Alice von Battenberg, die spätere Prinzessin von Griechenland und Dänemark, kommt 1885 in Anwesenheit ihrer Urgroßmutter Königin Victoria im Windsor Castle zur Welt, im gleichen Zimmer wie ihre Mutter bei deren eigener Geburt. Sie ist das erste von vier Kindern von Prinzessin Victoria von Hessen und Prinz Ludwig Alexander von Battenberg. Die Familie ist größtenteils deutsch mit starker Anbindung ans britische Königshaus. Alice heißt sie nach ihrer verstorbenen Großmutter mütterlicherseits.

Taub geboren, entwickelt sich Alice zur perfekten Lippenleserin. Unter den vielen Verwandten ist für Alice besonders »Tante Ella«, Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt, ausschlaggebend. Nach der Ermordung ihres Mannes, des russischen Großfürsten Sergei, im Jahr 1905 widmet Ella den Rest ihres Lebens der Fürsorge anderer. So gründete sie etwa das griechisch-orthodoxe Martha-Maria-Kloster in Moskau, samt Kranken- und Waisenhaus. Vorbild ist ihre Mutter Alice, Großmutter von Prinzessin Alice, die in Darmstadt das im deutsch-französischen Krieg wichtige und heute noch bestehende Alice-Hospital gründete. Bei einem Besuch in Moskau im Jahr 1907 überzeugt sich Prinzessin Alice bei Tante Ella persönlich von deren Arbeit.

Athen Zuvor heiratet Alice 1903 in Darmstadt Prinz Andreas, Sohn des dänischstämmigen Königs von Griechenland, Georg I., und dessen russischer Ehefrau, der Großfürstin Olga, und lebt zusammen mit ihm schon bald in Griechenland auf dem königlichen Gut Tati, nahe Athen. Hier gründet Alice bald eine Stickereischule für Frauen. Zwischen 1905 und 1911 bekommt das Paar seine ersten vier Kinder, Margarita, Theodora, Cecilia und Sophie.

Mit Ausbruch des Balkankrieges begibt sich Alice ohne zu zögern in ein Militärhospital, wo sie verletzte Soldaten pflegt. Danach zieht sie an die Front und organisiert dort ein notdürftiges Lazarett, in dem sie unermüdlich im Einsatz ist. Auch an weiteren Kampforten wie Saloniki macht sie sich später nützlich und reorganisiert die Pflege in den wegen der Kämpfe kaum zurechtkommenden Krankenhäusern, unter anderem auch im jüdischen Krankenhaus. Für all das erhält sie bald den britischen Orden des Roten Kreuzes.

Am Ende des Balkankrieges und vor dem Ersten Weltkrieg wird Alices Schwiegervater in Saloniki erschossen. 1917 muss ein Großteil der königlichen Familie ins Schweizer Exil. Auch anderswo ist es nicht sicherer. In Russland wird im darauffolgenden Jahr Tante Ella zusammen mit anderen von der russischen Tscheka ermordet. Seit 1921 liegt Ella zusammen mit einer gleichzeitig mit ihr ermordeten Nonne im Maria-Magdalenen-Kloster in Jerusalem begraben. 1981 wurde sie von der russisch-orthodoxen Exilkirche zur Heiligen erklärt, seit 1992 auch mit Segen des Patriarchats der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau.

Als die Familie 1921 nach Griechenland zurückkehrt, erwartet Alice ihr fünftes und letztes Kind. Vater Andreas kann der Geburt Philips wegen des Griechisch-Türkischen Krieges nicht beiwohnen. So aussichtslos scheint ihm die Situation auf dem Schlachtfeld, dass er einen Angriffsbefehl seiner Truppen verweigert. Die Männer werden dennoch in die Schlacht geschickt, mit den von Andreas prophezeiten Verlusten. Nach Schuldigen suchend, klagt Oberst Nikolaos Platiras Prinz Andreas ein Jahr später der Befehlsverweigerung und des Landesverrats an. Ein Todesurteil scheint gewiss, doch der Prinz entgeht diesem Schicksal durch den Einsatz des britischen Königs. Das neue Urteil lautet: Verbannung aus Griechenland mitsamt seiner Familie.

Sigmund Freud Alice vertieft in dieser Zeit ihr Interesse an christlich-religionsphilosophischen Werken. Sie tritt der griechisch-orthodoxen Kirche ihres Mannes bei. Gleichzeitig beginnt sie, zunehmend unter psychischen Störungen zu leiden, und glaubt 1929 vehement, die Braut Jesu zu sein, mit ihren Händen heilen zu können und der Welt eine Botschaft mitteilen zu müssen. 1930 wird sie, psychisch krank, in Ernst Simmels Sanatorium Schloss Tegel in Berlin von diesem und Sigmund Freud untersucht. Die beiden stellen eine »paranoide Schizophrenie« fest und glauben, dass der Erkrankung auch sexuelle Frustration zugrunde liegt. Die Psychoanalytiker beschließen, mit starken Röntgenstrahlen einen vorzeitigen Einsatz der Wechseljahre zu erreichen, um Alice zu beruhigen, ohne dass das erwünschte Resultat eintritt.

Alice verlässt kurz darauf auf eigenen Wunsch die Klinik, ohne indes stabiler geworden zu sein. Unter der Leitung ihrer Mutter wird Alice mit einem Getränk betäubt und gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik nach Kreuzlingen in die Nähe von Konstanz gefahren. Briefe und ärztliche Notizen aus dieser Zeit bezeugen, wie sie in ihren zwei Jahren in dieser Klinik ständig versuchte, ihre Freiheit wiederzuerlangen. Letztendlich erreicht sie dies durch Appelle an die Familie.

In den Jahren darauf lebt Alice zuerst getrennt von ihrer Familie in verschiedenen Pensionen und Heilanstalten, bevor sie ab 1936 langsam wieder zu sich findet. Während ihrer Zeit in Kreuzlingen hatte Victoria die Obhut über Alices Kinder und verheiratete drei ihrer Töchter an deutsche Prinzen, die alle später hohe Stellungen im Dritten Reich einnehmen werden.

1937 ist ein weiteres tragisches Jahr für die Familie. Cecilia, die Tochter von Alice und Andreas, und ihre junge Familie kommen bei einem Flugzeugunglück ums Leben. 1938 sterben Andreas’ Bruder Nicholas und Alices Bruder Georgie. Während Alice durch diese Schicksalsschläge zurück in die Realität geholt wird, erleidet diesmal Prinz Andreas einen psychischen Zusammenbruch. Schon während Alices Krankheit hatte er sich nach Paris und Monte Carlo zurückgezogen, ohne sich um seine Frau oder seine Kinder zu kümmern. Bis zu seinem Tod im Jahr 1944 lebt er in relativer Einsamkeit, begleitet von Alkoholkonsum und einer Liebhaberin. Er und Alice bleiben getrennt und sehen sich nur noch einmal kurz in Athen.

Askese Ende 1938 ist Prinzessin Alice nichts mehr von ihren früheren mentalen Problemen anzumerken, auch wenn ihre Familie sie bis zu ihrem Tode niemals mehr ernst nahm. Alice kehrt 1938 nach Athen zurück, wo sie sich eine bescheidene Bleibe sucht. Auch sonst lebt sie fast asketisch. Ein Versuch, verlorene Zeit mit ihrem Sohn Philip nachzuholen, währt nicht lange, denn Philip beginnt getreu der Familientradition eine Karriere in der britischen Marine.

Als Athen 1941 unter der deutschen Besatzung eine Hungersnot erleidet, organisiert Alice eine Suppenküche für Kinder. Sie nutzt erfolgreich ihre Kontakte und Reiseprivilegien, um aus Schweden und Großbritannien Hilfsrationen zu erhalten. Alice kümmert sich außerdem um zwei Waisenhäuser und organisiert Krankenschwesterbesuche in Armenvierteln.

In dieser Zeit lernt sie die Familie Cohen aus Saloniki kennen, die auf der Flucht vor den Deutschen ist. Vor vielen Jahren hatte Hamaki Cohen ein Haus an König Konstantin vermietet. Konstantin wollte Cohen dafür auszeichnen lassen, doch der wies die Ehrung zurück. Aber der König ließ nicht locker: Sollte Cohen je seine Hilfe benötigen, brauche er nur darum zu bitten.

1943 flieht Cohen mit seiner Familie nach Athen, doch kurz darauf stirbt er dort. In ihrer Not wenden sich seine Frau Rachel und ihre fünf teilweise erwachsenen Kinder an Prinzessin Alice, die die Familie ohne zu zögern bei sich versteckt. Einmal wird Alice sogar von einem Gestapo-Offizier befragt, doch der hält ihre Taubheit für Dummheit und gibt die Fragen auf. Trotz des Geheimnisses in ihrem Haus reist Alice weiterhin ins Herz des Dritten Reichs, nach Deutschland, um ihre dort lebenden Töchter und Bekannten zu besuchen.

Pflicht In Athen verlässt sie ihr Haus oft während der Ausgangssperren, um Soldaten mit Zigaretten und Süßigkeiten zu versorgen. Ihrem Bekannten Gerald Green erklärt sie: »Es ist meine Pflicht! Zu was sonst bin ich geboren worden?« Auch Jacques Cohen, einem der geretteten Söhne, gibt sie nach dem Krieg die gleiche Antwort auf die Frage, warum sie seiner Familie geholfen hat.

1947 heiratet Prinz Philip die britische Kronprinzessin Elizabeth. Ein Höhepunkt für Alice, auch wenn ihre Töchter bei der Hochzeitsfeier fehlen, denn eine Einladung der Prinzessinnen, die den Nazis nahestanden, ist so früh nach dem Krieg nicht gestattet. Die fürstliche Hochzeit ist das letzte Mal, dass Alice in prunkvoller Kleidung in der Öffentlichkeit steht.

1949 besucht sie das Grab ihrer Tante Ella in Jerusalem. Anschließend versucht sie, in Athen ein Kloster aufzubauen. Von dieser Zeit an trägt sie nur graue Nonnenkleider, selbst bei der Krönungszeremonie von Elizabeth II. Trotz großen Einsatzes schafft es Alice allerdings nicht, das Kloster überlebensfähig zu machen, und erklärt zehn Jahre später ihren Ruhestand. Hätte sie noch Kraft und Ressourcen, lässt sie wissen, wäre ihr an einem Kolleg für Frauen gelegen.

Wunsch Den Rest ihres Lebens verbringt Alice mit Besuchen bei Familienmitgliedern. 1967 muss sie nach dem Militärputsch Griechenland endgültig verlassen und zieht auf Einladung von Königin Elizabeth II. in den Buckingham-Palast ein, wo sie bis zu ihrem Tod 1969 lebt.

Alice hinterlässt nichts anderes als drei Morgenmäntel und einen nicht fertig geschriebenen Brief. Ihr letzter Wunsch ist es, in Jerusalem auf dem Ölberg in der Nähe ihrer Tante Ella begraben zu werden. Religiös und politisch prekär, kann dieser Wunsch erst beinahe 20 Jahre nach ihrem Tod erfüllt werden. Sechs Jahre später, 1994, nehmen Prinz Philip und Prinzessin George von Hannover (Prinzessin Sophie) Alices Ehrung als Gerechte unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entgegen.

So liegt sie als Gerechte, neben ihrer heiligen Tante, in der Stadt des Friedens. Alices Biograf Hugo Vickers sagt der Jüdischen Allgemeinen, dass er sogar Königin Elizabeth das Leben der Prinzessin erklären musste. »Prinzessin Alice war eine sehr private Frau. Hätte sie gewusst, wie viel ich über sie herausgefunden habe, sie wäre entsetzt gewesen«, glaubt Vickers. Vielleicht hätte sie sich aber auch gefreut. Denn nur aufgrund seiner akribischen Forschungsarbeit widerfährt der vergessenen Prinzessin wenigstens nach ihrem Tod Gerechtigkeit.

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