Österreich

Eine Legende feiert den jüdischen Zusammenhalt

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Daniel Fuchs kennt diese Gegend, als wäre er hier aufgewachsen. Gern erzählt er von der Geschichte des Fußball-Trainingsgeländes hinter den U-Bahn-Hochgleisen. »Das hat alles dazu gehört«, sagt er. Heute ist da ein Zaun. Dahinter trainiert der Wiener Fußballklub Rapid. Vor dem Zaun liegt der Beachvolleyball-Platz in einer Senke unterhalb der Tennisplätze. Daneben befindet sich der Pool. Und dann ist da noch das Vereinshaus des SC Hakoah.

Fuchs ist der Vizepräsident dieses traditionsreichen jüdischen Sportvereins. Und er kennt diese Gegend nicht nur so, »als wäre« er hier aufgewachsen. Gewissermaßen ist er es auch. »Meine Familie war eng mit der Hakoah verbunden«, weiß er zu berichten. Das ist sogar noch ein wenig untertrieben. Seine Mutter war über Jahrzehnte hinweg im Vorstand aktiv und hat dort die Ski- und Touristik-Klubs geleitet. Sein Onkel Paul Haber war 1964 Staatsmeister im Brustschwimmen und über 35 Jahre Präsident der Hakoah. Auch sein Vater war Schwimmer, Wasserballer und Hakoah-Präsident.

Österreichischer Profimeister

Hakoah ist eine Legende. Und das nicht nur in Wien. Der Klub war in der Zwischenkriegszeit ein Sportverein von absolutem Weltrang. Es war die Hakoah, die britischen Fußballklubs den Nimbus der Unbesiegbarkeit abgerungen hat. Denn 1923 gewann man als erste nicht-britische Mannschaft auf britischem Boden im Upton Park 5:0 gegen West Ham United. 1925 eine weitere Sensation: Da wurde die Hakoah-Fußballmannschaft erster österreichischer Profimeister – also vor genau 100 Jahren. Aber nicht nur das: »1925 gab es ganze fünf Titel für die Hakoah – auch in anderen Sportarten«, erzählt Fuchs. Dieses Jubiläum ist ein guter Grund zu feiern: Am 17. September wird dazu ein Gala-Abend steigen.

Noch heute gilt die damalige Fußballsparte als Begründerin des sogenannten südamerikanischen Stils. Gemeint ist damit eine Mischung aus schnellem Ballwechsel auf technisch hohem Niveau, leidenschaftlichem kreativen Spiel und großer taktischer Flexibilität. Das setze eine Mannschaft voraus, die als Team zusammengewachsen ist und ihre Stärken ausspielen kann, so Fuchs. Genau das war sie. Über Jahre hinweg war Hakoah der richtungsweisende Fußballklub in Österreich. Hinzu kamen Meisterschwimmer, Ringer, Judokämpfer sowie Tischtennis- und Schachspieler. Beim legendären Schwimmwettbewerb »Quer durch Wien« – die Strecke verlief durch den Donaukanal, und zwar von der Nußdorfer Schleuse bis hin zur heutigen Stadionbrücke – waren die Hakoah-Schwimmer immer Medaillenanwärter.

Die Zuschauerränge der Hakoah zogen in den Jahren, als Wien noch eine kosmopolitische Weltstadt war, das Who’s who der jüdischen Intelligenz und Kunst an, darunter der Schriftsteller Friedrich Torberg und der Journalist Fritz Löhner-Beda, der zugleich der erste Präsident der Hakoah wurde.

Torberg verfasste nach dem Krieg einen Essay über die Hakoah. Der Titel lautete: »Warum ich stolz darauf bin«. Darin geht es um das Spiel gegen den Brigittenauer AC, und er beschreibt einen Fan, der sich die Kehle für die Hakoah heiser brüllt. »Nun pflegt man in solchen Situationen den angefeuerten Spieler beim Namen zu rufen – aber den kannte der Anfeuerer nicht. Und die übliche Bezeichnung, die er für Juden allgemein parat hatte – nämlich ›Saujud‹ –, schien ihm in diesem Augenblick doch nicht recht am Platze. ›Hoppauf!‹, brüllte er also, und nochmals ›Hoppauf!‹ – und dann kam ihm eine Erleuchtung. Sein nächster Zuruf lautete: ›Hoppauf, Herr Jud!‹«

Hakoah war Begründer des südamerikanischen Stils: schnelle Ballwechsel und taktische Flexibilität.

Zwischen dieser Beobachtung und ihrer Aufzeichnung liegen Austrofaschismus, Österreichs »Anschluss« an Nazideutschland, die Schoa und der Neuanfang nach dem Krieg. Der Essay erschien 1959, beschreibt aber ein Spiel vor dem Krieg. Nach 1945 gab es keinen Fußball mehr bei der Hakoah – beziehungsweise nur ganz kurz. So wurde 1948 ein Versuch gestartet.

Doch für Fußball braucht man einen Platz, eine Mannschaft sowie Trainer und natürlich ausreichend Geld. All das war so kurz nach 1945 nicht vorhanden. »Wir mussten Sportstätten mieten«, erzählt Fuchs. Denn der alte Trainingsplatz mitten in der Prater-Au war »arisiert« worden. »Mein Großvater hat darum gekämpft, den Hakoah-Platz zurückzugewinnen«, erzählt Fuchs. »Aber da gab es wohl den Grundsatz: Wir warten auf die biologische Lösung. Das war die Einstellung in Österreich.« Vor allem aber: Die riesige jüdische Gemeinde Wiens war zusammengeschrumpft. Von einstmals 200.000 Juden hatten nur etwa 6000 überlebt. »Die meisten aus der Hakoah haben sich retten können«, sagt Fuchs. »Und zwar durch die Gemeinschaft.« Aus Israel und den Vereinigten Staaten hatten geflohene Mitglieder Nachrichten verschickt, um die anderen auf dem Laufenden zu halten, wer sich gerade wo aufhält.

»Hakoah, Chai!« war einer der Schlachtrufe der Anhänger des Sportklubs. Also: Leben. Ein Ruf, der zugleich wie ein Motto klingt. Denn am 13. April 1945 wurde Wien befreit, am 8. Mai kapitulierte Nazideutschland, und nur zehn Tage später gab es wieder die ersten Treffen des Sportvereins. Am 10. Juni kamen die überlebenden Mitglieder von Hakoah zur ersten Generalversammlung nach dem Krieg zusammen.

Mehr als ein Sportverein

Die Hakoah sei immer viel mehr als ein Sportverein gewesen, betont Fuchs. Der Sport habe die Hakoah zwar immer ausgemacht – aber er war eben nur ein Teil. Das Zusammenkommen, also die Gemeinschaft, der andere. Er erinnert sich an die Montagabende in einem der städtischen Wiener Bäder, als dort nur Hakoah-Athleten trainiert haben. Das gibt es nicht mehr. Heute sind es lediglich ein paar Bahnen, die man für den Verein reserviere. Aber genau das sei die Rolle gewesen, die der Hakoah nach dem Krieg zugekommen sei: ein Anknüpfungspunkt für all jene, die überlebt haben. Als Treffpunkt von Menschen, die wissen, was sie außer dem Sport alles verbindet.

Fuchs streift durch das kleine Museum im Klubhaus: überall Pokale, Medaillen und Fotos, beispielsweise von dem lachend posierenden Ringer, den Davidstern, das Symbol der Hakoah, stolz auf der Brust tragend. Andere zeigen kahl geschorene Personen oder solche mit Pomadenfrisur. Die feinen Herren im Anzug stehen dahinter und an der Seite. Die Ringer seien die Sicherheitsleute gewesen, als die Nazis in Wien stark wurden, erzählt Fuchs. Die hätten unter anderem darauf geachtet, dass die Schwimm-Athletinnen nicht belästigt würden von Nationalsozialisten.

2001 hatte Hakoah dann wieder einen eigenen Ort und seit 2008 sogar ein Sportzentrum. Es ist aber nicht die Hakoah, der es gehört, sondern die Kultusgemeinde. Warum? »Das müssen sie die Kultusgemeinde fragen«, so Fuchs. Auch habe man deutlich weniger Platz als früher. Denn da, wo heute Rapid trainiert, war einst Hakoah-Land. Weiter abseits davon trainiert der jüdische Fußballklub SC Maccabi Wien. Der wurde 1995 gegründet.

»Wir haben zwar keine Fußballsparte mehr, aber wir feiern dennoch das Jubiläum.«

Daniel Fuchs

Mit Maccabi stehe man in gutem Austausch, so Fuchs weiter – auch wenn ein wenig Sentimentalität mitschwingt. »Wir trauern dem Fußball schon ein bisschen nach – aber der Schmerz ist verarbeitet.« Er habe sich mit vielem abgefunden. Mehr Fläche könne man mit derzeit 600 Mitgliedern ohnehin kaum nutzen. Trotzdem hegt man große Pläne: eine aufblasbare Halle, damit die Tennisplätze auch im Winter genutzt werden können, ein längeres Schwimmbecken, einen Veranstaltungsbereich, um den Zusammenhalt stärken zu können. Letzterer würde ebenfalls die Finanzierung des Vereins sicherstellen.

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So hat der für den 17. September geplante Gala-Abend vor allem ein Ziel: Geld für den Ausbau der Infrastruktur zu sammeln. Zu Gast ist die Hakoah an diesem Abend bei einem anderen Wiener Urgestein des Sports mit jüdischen Wurzeln: dem FC Vienna, dem ältesten Fußballverein Österreichs, dessen Gründung eng mit den Rothschilds verknüpft ist. Der Legende nach soll einer ihrer Gärtner nach einem England-Aufenthalt in deren Garten unentwegt Fußball gespielt haben. Die Rothschilds zeigten sich davon genervt, untersagten es ihm, finanzierten aber die Gründung eines entsprechenden Klubs. Das war die Geburt des FC Vienna.

»Wir haben zwar keine Fußballsparte mehr, aber wir feiern dennoch das Jubiläum des Sieges von vor 100 Jahren«, sagt Fuchs. Auf eine Sache freue er sich dabei ganz besonders. So soll der Pokal aus dem Jahr 1925, eine Leihgabe des Makkabiade-Museums in Israel, eigens zum Fest nach Wien kommen. Mit von der Partie wird ebenfalls jemand vom aktuellen Meister sein, dem Sturm Graz, ebenso der Meisterteller. »Dann werden wir den ersten und den 100. Pokal, also den jetzigen Teller, auf der Bühne haben. Das wird cool. Das wird ein historischer Moment.«

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