Amsterdam

»Eine Kathedrale auf Jüdisch«

Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Wir segnen euch, die ihr vom Hause des Herrn seid», sang der Chor, als vor Kurzem Königin Beatrix die Portugiesische Synagoge in Amsterdam betrat, um an der Feier zum Abschluss der zweijährigen Restaurierung teilzunehmen.

Dieser Besuch war zugleich eine Würdigung der sefardischen Gemeinde, die seit vier Jahrhunderten in der Stadt heimisch ist – auch wenn zu ihr mit 250 Familien nur knapp ein Zehntel der Juden Amsterdams gehören. Die Königin knüpfte mit ihrem Besuch an eine Tradition des Hauses Oranien an.

Bereits 1642 hatte Frederik Hendrik van Oranje, Statthalter der Niederlande, in Begleitung der englischen Königin Henrietta Maria Amsterdams erste Synagoge, Beth Israel, besucht. Sie war drei Jahre zuvor in zwei Häusern an der Houtgracht eingerichtet worden, nachdem sich die nach Jahrhundertbeginn entstandenen drei sefardischen Gemeinden vereint hatten.

Im selben Jahr bildeten auch osteuropäische Juden, die seit den 1630er-Jahren in Amsterdam lebten, erstmals eine Gemeinde, wenngleich wesentlich kleiner – und auffallend ärmer. Doch bereits 1671 konnten sie mit der Grote Sjoel die erste Synagoge in Europa vollenden, die frei stand und – den recht kargen Hinweisen im Talmud entsprechend – die umliegenden Gebäude überragte.

Die Esnoga, die sefardische Synagoge auf der anderen Seite des Kanals, 1671 begonnen, wurde erst 1675 fertig. Weitaus größer und prächtiger bot sie 1.230 Männern und auf der Empore 430 Frauen Platz. Wobei noch heute am Rand der Empore rechts vom Eingang eine Stelle auffällt, die unfertig wirkt. Das ist Absicht, denn dem Menschen ist es nicht gegeben, Vollendetes zu schaffen.

tradition Vorbild der Portugiesischen Synagoge, entworfen von dem christlichen Baumeister Elias Bouman, war ein Modell des Salomonischen Tempels. Es war 1642 von Rabbi Jehuda Jacob Leon rekonstruiert worden – der Rabbi wurde deshalb auch «Leon Templo» genannt.

Davon sprechen außen an der Ostwand die mächtigen barock gewölbten Stützpfeiler, die eher Zier als konstruktives Element sind. Beeindruckend waren – und sind es noch immer – Toraschrein und Bima aus teurem brasilianischen Jacarandaholz. Gespendet hat sie ein Kaufmann, der im Handel mit Brasilien zu Reichtum gekommen war. Die Tradition wird hochgehalten. Deshalb bestreut man noch immer die Dielen mit Sand, verzichtet weiterhin auf Heizung und elektrisches Licht.

«Die Portugiesische Synagoge gleicht nicht etwa der Prager Altneuschul, sie ist keineswegs ein verhutzeltes, sich verstecken wollendes Versammlungshaus von Illegalen, sie ist ein Prunkbau, eine Kathedrale auf Jüdisch. Aufgerichtet ist sie mitten im Fluss, sie steht auf Pfählen oder gar, wie die Sage geht, auf Fässern aus schierem Gold», schrieb Egon Erwin Kisch 1934 in seinen Geschichten aus sieben Ghettos. Die Sache mit dem Gold ist ein hübscher Schmonzes.

Codices Die Gründung erwies sich nämlich jetzt als eine heikle Sache, auch wenn der Kanal längst trockengelegt wurde. Deshalb hat man die Grundmauern nicht nur gefestigt, sondern zusätzlich vertieft. Dadurch dauerte die Restaurierung länger als geplant. Aber so gewann die Synagoge auch ein Gewölbegeschoss, in dem nun ihre Schätze – silbernes Ritualgerät, rare Codices, außergewöhnliche Toramäntel und Vorhänge sowie andere wertvolle Gaben – in einem öffentlich zugänglichen Schaudepot gezeigt werden können.

Denn die Esnoga bildet mit dem Joods Historisch Museum und dem Kindermuseum in den Mauern der vier während der deutschen Besatzung zerstörten aschkenasischen Synagogen auf der anderen Straßenseite und der Hollandsche Schowburg nahebei, wo die Deportationen und die Namen der ermordeten Juden Amsterdams dokumentiert werden, eine der vier Säulen zur Geschichte und Gegenwart des jüdischen Amsterdam.

Die Esnoga ist die einzige Synagoge, die die deutsche Besetzung überstand. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Vermutungen. Angeblich sollte sie als Deportationszentrum dienen. Doch da sich die Fenster nicht verdunkeln ließen, entschied sich die SS 1942 für die nahegelegene Hollandsche Schowburg. Seit 1941 fanden in dem in «Joodsche Schouwburg» umbenannten Theater Konzerte und Aufführungen von Juden für Juden statt, die «Arier» nicht besuchen durften.

Andere meinen, auch in der Portugiesischen Synagoge, in der am 26. Mai 1943 zum letzten Mal ein Minjan zusammenkam, hätte – wie in Prag – ebenfalls ein «Museum einer untergegangenen Rasse» entstehen sollen. Jedenfalls wurde das Haus im Hungerwinter 1944/45 gut bewacht, sodass die historische hölzerne Inneneinrichtung nicht als Brennholz endete. Und bereits am 9. Mai 1945 konnten sich Überlebende wieder zum Gottesdienst zusammenfinden.

Schatz Auch die Besitztümer der sefardischen Gemeinde kehrten zurück. Das Ritualgerät war in der Stadt versteckt und von den Nazis nicht gefunden worden. Die berühmte Bibliothek Ets Haim (Baum des Lebens), die seit 1637 der Jeschiwa diente, hatten die Deutschen jedoch abtransportiert.

Sie sollte dem «Institut zur Erforschung der Judenfrage» in Frankfurt einverleibt werden. Nach Kriegsende fast unversehrt in Offenbach entdeckt, erhielt Amsterdam sie zurück. Nun bildet sie mit 500 Handschriften, etwa 1.500 Unikaten und 30.000 Bänden der wesentlichen theologischen Literatur der folgenden Jahrhunderte einen ganz besonderen Schatz.

In der Portugiesischen Synagoge finden nach wie vor Gottesdienste statt. Auch Konzerte bei Kerzenlicht gehören zum Programm. Und in der übrigen Zeit können Synagoge und Schatzkammer besichtigt werden. Ein neuer Eingang führt den Besucher in den Innenhof. Durch die Glastür ist auf Hebräisch die Inschrift über der Pforte der Synagoge zu lesen: «Ich aber darf dein Haus betreten, dank deiner großen Güte».

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