USA

Ein Tag Funkstille

Jom Kippur ist bekanntlich nicht nur der Tag, an dem jeder Jude, der auch nur einen Funken jüdische Religion im Leib hat, fastet, betet und Gott um Generalpardon bittet, nachdem er sich mit seinen Mitmenschen ausgesöhnt hat. Jom Kippur ist auch der Tag, an dem der fromme Jude sein Handy ausschaltet, seinen Klappcomputer zugeklappt lässt und das Zwitschern (auf Englisch: tweeten) den Vögeln überlässt. Vor allem dieser letzte Aspekt des Versöhnungstages scheint Eric Yaverbaum und Mark DiMassimo eingeleuchtet zu haben. Yaverbaum ist ein 49 Jahre alter jüdischer New Yorker, der eine Public-Relations-Firma leitet (Ericho Communications). Er gesteht freimütig, dass er mit seinem Blackberry ins Bett geht und überhaupt alle Symptome einer pausenlosen Kommunikationssucht zeigt. Mark DiMassimo, der kein Jude ist, ist Geschäftsführer der Werbeagentur DIGO – laut Eigenwerbung hat sie sich vornehmlich der Verbreitung des Wahren, Guten und Schönen verschrieben.

Idee Yaverbaum und DiMassimo hatten eine Idee: Warum sollte man Jom Kippur nicht auch für die, pardon, Goijm attraktiv machen? Also taten sich die beiden PR-Spezialisten zusammen und gründeten die Initiative »Offlining«. Sie wollen Menschen jeder Herkunft und jeder Religion dazu überreden, am 18. September offline zu gehen, also für technische Kommunikation jeder Art nicht zur Verfügung zu stehen. Außerdem soll man sich dazu verpflichten, zehn Abendessen mit der Familie zu verbringen, bei denen man sich weder von Handygeklingel noch von SMS-Nachrichten vom Eigentlichen und Wesentlichen, das heißt von den nächsten und liebsten Menschen, ablenken lässt.
Yaverbaum und DiMassimo erklären den Hintergrund ihrer Kampagne so: »Wir haben den größeren Teil der vergangenen Jahrzehnte damit verbracht, Sie zu überzeugen, dass Sie sich einloggen, hier klicken, jetzt anrufen, surfen, suchen, ihre Rechnungen in Unterhosen bezahlen, am Strand mit Aktien handeln, ihrem digitalen Netzwerk ›Freunde‹ hinzufügen und ... ihre Kinder per Handy ins Bett bringen sollen. Dann haben wir eines Tages einen Fehler gemacht: Wir schauten auf. Wir lösten die Augen gerade lange genug vom Bildschirm, um uns umzuschauen. Uns fiel auf, dass wir Frauen und Kinder hatten. Wir nahmen in uns auf, wie Blätter ihre Gesichter der Sonne öffnen. Wir machten uns wieder mit jenem Geräusch vertraut, das Vögel von sich geben. Und wir stellten fest, dass diese Dinge nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Wir Verkäufer hatten gewonnen!«

Sie beide, fügen Eric Yaverbaum und Mark DiMassimo hinzu, seien Kinder der Silikonrevolution – Yaverbaums Mutter schrieb ihre Doktorarbeit in Computerwissenschaften, Marks Vater war ein Designer von Mikrochips. »Wir sind keine Fundamentalisten«, betonen die beiden. »Wir sind nicht gegen das Marketing ... Und wir sind nicht antitechnologisch eingestellt – im Gegenteil, wir lieben die Technik und alles, was sie für uns tun kann. Aber wir werden diese Vorzüge nur genießen können, wenn wir lernen, den Aus-Knopf zu betätigen.« Und dann wandeln die beiden (bewusst oder unbewusst) ein berühmtes Talmud-Zitat ab: »Nicht wir sind dazu da, der Technik zu dienen, sondern die Technik ist dazu da, uns zu dienen.« Mehr als 10.000 Menschen, so melden Yaverbaum und DiMassimo stolz, hätten sich ihrer Kampagne schon angeschlossen.

Prominente »Offlining« wirbt im Internet mit Bildern von drei berüchtigten Berühmtheiten. Da ist der Popstar Lindsay Lohan – sie hat gerade einen Aufenthalt in einer Reha-Klinik für Alkoholkranke absolviert, nachdem sie sich auf Twitter mit einer Pistole im Mund abgelichtet hatte. Da ist der Tennisspieler Tiger Woods – er setzte seine Ehe und seine Karriere in den Sand, als die SMS-Nachrichten publik wurden, die er im Zuge seiner außerehelichen Affären hinterließ. Da ist der Hollywoodschauspieler Mel Gibson – er ließ, als er mit der Mutter seiner Tochter telefonierte, eine wütend-besoffene Suada ab, die diese kühl auf Band mitschnitt. »Man muss nicht jüdisch sein, um am Jom Kippur für seine Nachrichten auf Twitter zu büßen«, lautet der Slogan unter dem Foto von Lindsay Lohan. Ein schwer bedröpselter Tiger Woods lässt uns wissen: »Man muss nicht jüdisch sein, um am Jom Kippur für seine SMS-Nachrichten zu sühnen.« Und unter dem Foto eines breit lächelnden Mel Gibson steht dann: »Man muss nicht jüdisch sein, um am Jom Kippur besoffene Telefonanrufe zu unterlassen.«
Wir entnehmen dieser Werbekampagne folgende Botschaft: Offenbar ist es völlig okay, wenn man ein rabiater Antisemit und Rassist ist, solange man am 18. September nur sein Handy ausgeschaltet lässt.

Die Pointe bei alldem besteht aber darin, dass Eric Yaverbaum vor Jahren ein Buch mit dem Titel Ich werde Sie zurückrufen geschrieben hat. Er verrät dort 156 Tricks, wie man an Bürodrachen vorbeikommt, einen Fuß in die Tür klemmt, furchtbar wichtig klingt, damit der gesuchte Gesprächspartner (der Papst, der amerikanische Präsident, der Kaiser von China, Steve Jobs) auch wirklich zum Hörer greift und sich meldet. Von nun an wissen wir: Am Jom Kippur müssen Sie es nicht versuchen, da ist Herr Yaverbaum nicht zu sprechen. Chatima towa.

www.offlininginc.com

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