Grossbritannien

Ein Rabbi für alle Fälle

Rabbiner und Psychoanalytiker: Guy Hall Foto: Daniel Zylbercstajin

Der rundliche Mann im Anzug und mit der schwarzen Brille, der da in einem Café eines Londoner Bahnhofs sitzt, sieht elegant und intellektuell aus. Auf die Tatsache, dass er Psychoanalytiker ist, hätte man sicherlich kommen können. Aber so ganz ohne Bart und Kopfbedeckung, geschweige denn Kippa, hätte wohl kaum jemand geahnt, dass er auch Rabbiner ist.

Guy Hall ist einer der wenigen Rabbiner in Großbritannien, die vollkommen unabhängig arbeiten und keiner der größeren oder kleineren Gruppen angehören. Ohne Gemeinde reagiert er auf Anfrage und ist inzwischen zu einer bekannten Adresse vor allem für interreligiöse und gleichgeschlechtliche Hochzeiten sowie für andere Zeremonien geworden, bei denen ein Rabbiner benötigt wird.

Halls Unabhängigkeit ist eine Folge seiner Einstellung zu solchen Trauungen. Seine Ansichten dazu gingen der Vereinigung liberaler Juden, der er bis vor 20 Jahren angehörte, zu weit. Rabbi Hall wurde gebeten, seine Meinung zu ändern – oder auszutreten. Er wählte Letzteres. Seitdem macht er allein weiter – nach eigenen Angaben mit bis zu 60 Zeremonien pro Jahr.

Im Laufe der Zeit hat das britische Reformjudentum jedoch seine Einstellung gegenüber interreligiösen und gleichgeschlechtlichen Trauungen geändert und zu einer Position gefunden, die nahezu mit der von Hall übereinstimmt. »Theoretisch könnte ich jetzt wieder liberaler Rabbiner werden, aber man hat mich bis heute nicht zurückgerufen«, erklärt Hall mit einer Stimme, aus der sowohl Bedauern als auch ein wenig Verärgerung spricht.

Nachfrage Auf die vergangenen zwei Jahrzehnte seiner Arbeit blickt Hall durchweg positiv. »Auch heute wollen die meisten Rabbiner immer noch ihre Mitglieder ändern, um sie bestimmten Formen des Judentums anzupassen. Ich hingegen versuche, das Judentum den wahren Anforderungen der Menschen und ihrem Leben anzugleichen.« Zu dieser Haltung mag auch der Psychotherapeut in ihm beigetragen haben. Denn als er noch als Gemeinderabbiner amtierte, habe ihn kaum jemand nach Talmudzitaten gefragt, sondern viel häufiger sei es um Scheidungen, Arbeitslosigkeit oder den Tod gegangen, so Hall.

Auf die Frage, weshalb er Ehen zwischen Juden und Nichtjuden unterstützt, erinnert er sich an seine Kindheit: Er wuchs mit Eltern aus der Schweiz und dem Elsass in England zweisprachlich auf. »Die Schulleitung versuchte jedoch, meine Mutter dazu zu bewegen, mit mir nicht mehr Französisch zu sprechen, denn das würde mich behindern – so die damalige Auffassung.« Hall erklärt, dass er damals wie heute der Meinung ist, man müsse zu allem stehen, was man ist. Das Gegenteil bedeute Unterdrückung. Das sei auch der Grund, weshalb er im Alltag keine Kippa trage, denn sein Glaube sei eine innere Angelegenheit und nichts Äußerliches. »Bei den Zeremonien bin ich jedoch gemäß den Erwartungen gekleidet«, sagt der Rabbiner.

Bräuche Hall betont, dass er, wenn beide Partner jüdisch sind, die Trauungen nach traditionellem Ritus durchführt. »Ist aber einer der beiden nicht jüdisch, dann wird es eher eine Zeremonie mit einigen jüdischen Bräuchen, einer modifizierten Ketuba, den sieben Brachot und einer Chuppa«, erzählt er. Die Abänderungen nehme er unter anderem vor, weil man heute niemandem mehr zumuten könne, bis zur Ehe enthaltsam zu leben, oder dass ein Partner wegen der Heirat zum Judentum konvertieren müsse.

Hall führt diese Zeremonien auch gemeinsam mit progressiven Imamen, Pfarrern oder Priestern durch und verfügt dabei über ein internationales Netzwerk von Kollegen anderer Religionen. Auch Atheisten und Agnostiker verheiratet er so mit jüdischen Partnern. Eine Situation, in der er eine Trauung hätte ablehnen müssen, hätte es bis heute nicht gegeben, sagt er.

Gebete »Wichtig ist, dass die Orte, an denen die Zeremonien stattfinden, neutral sind – also weder Synagoge noch Kirche«, empfiehlt Hall. Im Gegensatz dazu könne man den Angehörigen jedoch durchaus ein Gebet der anderen Seite zumuten. »So viel Toleranz müssen alle aufbringen«, darauf besteht Hall. Unflexibel ist er hingegen, wenn ein Paar am Schabbat getraut werden möchte. »Das tue ich nicht; ich fühle mich der Tradition verpflichtet.«

Hochzeiten außerhalb des Stammes der Israeliten sind auch dem Tanach nicht unbekannt. Hall nennt als Beispiele die biblischen Frauen Esther und Ruth. Wie sich ein Ehepaar genau sieht und definiert, überlässt Hall den zukünftigen Ehepartnern, denn, so sagt er, »es muss echt sein«. Das Schlimmste sei, »wenn sie etwas verheimlichen, weil sie meinen, der Rabbi würde das nicht gestatten«.

Ein Ehepaar aus Österreich, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, spricht in höchsten Tönen von ihrer Trauung, die Rabbi Hall vor etlichen Jahren zusammen mit einem freien Theologen durchgeführt hat. Die Frau ist jüdisch, der Mann war früher Katholik. »Die Anwesenheit von Rabbi Hall war für die Familie meiner Frau sehr wichtig, denn sie hängt sehr an Traditionen«, erzählt der Mann. Ihr gemeinsamer Sohn sei beschnitten und besuche eine jüdische Schule. Laut Hall ist dies keinesfalls das Ziel seiner Arbeit, sondern es gehe ihm vor allem um die momentanen Bedürfnisse der beiden Partner.

Erfahrungen Neben seinen Aufgaben als Rabbiner und Psychoanalytiker verbringt Hall seine Tage unter anderen mit einigen »seiner Ehepaare«, die inzwischen zu Freunden geworden sind. Manchmal muss er trotz der vielen glücklichen Geschichten seine Begeisterung jedoch zügeln.

Zum ersten Mal geschah dies etwa drei Jahre, nachdem er begonnen hatte, Menschen den Segen für ihr gemeinsames Leben zu erteilen: Hall musste damals erleben, dass sich eines der Paare scheiden ließ. Trotzdem will der Rabbiner seine Erfahrungen aus 27 Jahren als jüdischer Heiratsgehilfe demnächst in einem Buch weitergeben.

Alice Zaslavsky

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