Belgien

Ein Farbfoto für Lina Ripp

Das Foto zeigt eine Frau in ihren Dreißigern, ein volles, weiches Gesicht mit einem offenen, nicht ängstlichen Blick. Das Bild von Lina Ripp stammt aus dem Jahr 1939 und wurde für die Aufenthaltsgenehmigung der belgischen Ausländerbehörde gemacht. Heute hängt es in der Gedenkstätte »Kazerne Dossin«, dem ehemaligen SS-Sammellager Mechelen.

Passfotos In dem Museum und Mahnmal wird mit den Passfotos an die Insassen des Gestapo-Gefängnisses in der belgischen Stadt erinnert. Die damals 36-jährige Lina Ripp war in dem Sammellager inhaftiert, bevor sie nach Ausschwitz deportiert wurde.

Rund 26.000 Fotos sind im Museum an den Wänden über vier Stockwerke hinweg zu sehen. Insgesamt wurden 25.800 zumeist ausländische, aber auch belgische Juden sowie 354 Sinti und Roma im Lager Dossin festgehalten. In 26 Transporten wurden die Inhaftierten zwischen Juli 1942 und dem 31. Juli 1944 gen Osten verschleppt.

Alle Transportlisten sind erhalten, weil es Häftlingen in der Schreibstube gelang, eine der vier Kopien bei Kriegsende vor der Vernichtung zu retten. Diese Aufstellung ist heute Grundlage für die dokumentarische Arbeit der im Dezember 2012 eröffneten Gedenkstätte »Kazerne Dossin« im historischen Zentrum von Mechelen.

Karteikarte Wer die interaktiven Informationsstationen nutzt, bekommt nur wenige Daten über Lina Ripp, die mit Geburtsnamen Ritter hieß und so auch in Belgien registriert war, auf Flämisch präsentiert – Geburtsdatum: 30. Oktober 1906, Geburtsort: Köln, Geschlecht: Frau. Über dem Schwarz-Weiß-Foto auf sepiafarbener Karteikarte steht auf Flämisch: »omgekomen«, umgekommen. Ihr Porträt findet sich im ersten Stock der Fotogalerie in der Reihe 16, Spalte 53.

Jedes Schwarz-Weiß-Foto steht für einen auf dem Transport oder in Auschwitz umgekommenen einstigen Kaserneninsassen. Farbig sind die Abbildungen der Überlebenden gehalten. Silhouetten symbolisieren, dass deren Schicksal nach wie vor ungeklärt ist, erläutert Dorien Styven. Die 29-jährige Historikerin dokumentiert das Schicksal der Inhaftierten. »In den Tagen vor den Transporten wurden Massenrazzien in Belgien durchgeführt«, sagt Styven.

Biografie Lina Ripp lebte, bevor sie in Brüssel festgenommen wurde, im sauerländischen Lüdenscheid. Zusammen mit ihrem Ehemann Julius betrieb sie ein gut gehendes Textilgeschäft in der Innenstadt. Nach der Pogromnacht 1938 wurde Julius Ripp inhaftiert und nach Polen abgeschoben. Er kehrte zurück und floh illegal nach Belgien. Knapp ein Jahr später folgte seine Frau Lina mit dem neugeborenen Sohn Uriel mithilfe eines Schleppers, der die beiden über die belgische Grenze brachte.

Nach der Besatzung Belgiens versteckten sich die Ripps in Brüssel. Im Stadtteil Schaerbeek wurde Lina Ripp am 7. Oktober 1942 festgenommen und nur zwei Tage später mit dem 13. Transport verschleppt. Auf Seite 48 der Liste findet sich unter der Positionsnummer 472 ihr Name.

Die wenigsten Menschen dieses Transportes haben überlebt. Lina Ripp gehört zu ihnen. Sie war noch in Belgien aus einem Fenster des Zuges geklettert, abgesprungen und nach Brüssel ins Versteck der Familie zurückgekehrt. Nach dem Einmarsch der Alliiertentruppen wurde die Familie aus ihrem Kellerversteck in der Rue Masui befreit. Der Sohn Uriel jedoch war bei einem Bombenangriff in seinem Versteck getötet worden.

Archiv »Bei uns war Lina Ripp als ›umgekommen‹ registriert«, sagt Archivarin Dorien Styven bei der Übergabe von neuem Archivmaterial in Mechelen. Aber Matthias Wagner, Mitglied des Lüdenscheider Ge-Denk-Zellen-Vereins, einer Gedenkstätte für NS-Opfer, hatte von Lina Ripp und ihrer Familie erfahren und daraufhin in deutschen Archiven über sie recherchiert. 1990 war die damals in New York lebende, inzwischen verstorbene Ripp noch einmal in Lüdenscheid zu Besuch.

Jedes Jahr Anfang Dezember gedenkt das 2012 eröffnete Museum der Inhaftierten. Dann werden auch neue Daten und Fotos veröffentlicht, die im Laufe des Jahres zusammengetragen wurden. Aufgrund der neuen Informationen wurde vergangene Woche an der Wand der Gedenkstätte das Schwarz-Weiß-Porträt von Lina Ripp gegen ein koloriertes Foto ausgetauscht: Sie hatte überlebt.

www.kazernedossin.eu

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