Ernährung

»Doch das dürft ihr essen ...«

Mit spitzen Fingern: ein Charedi beim Heuschreckensammeln Foto: Flash 90

Daniel Müller (Name von der Red. geändert) beißt herzhaft in seinen Burger – den hat er eben bei einem fliegenden Händler in der Basler Innenstadt gekauft. Der Burger enthält allerdings kein Fleisch und auch kein vegetarisches Tofu oder Soja, sondern: Heuschrecken. Dass dieses Insekt auf der Speisekarte steht, hat Daniel Müller im doppelten Wortsinn nicht abgeschreckt, im Gegenteil. Ihn, der eine aus Israel stammende Mutter hat, erinnert der Geschmack der Heuschrecke an Falafel, wie er sagt: »Ein ganz ähnliches, fast etwas nussiges Aroma.«

Solche Szenen spielen sich neuerdings in der Schweiz immer häufiger ab. Denn seit einigen Monaten sind im Land der Import und Verkauf dreier Insektenarten erlaubt: Mehlwürmer im Larvenstadium, Grillen und Wanderheuschrecken.

Insekten Möglich gemacht hat dies die Totalrevision des Schweizer Lebensmittelrechts, das seit Mai in Bezug auf Insekten liberaler ausgestaltet ist – liberaler jedenfalls als das Recht innerhalb der Europäischen Union.

Gastronomen sind bereits auf diesen aktuellen Trend aufgesprungen und bieten »Insekten-Dinner« an. Und spätestens, als der Schweizer Großverteiler Coop im Sommer zwei Insektenprodukte, nämlich den Insekten-Burger und die Insekten-Bällchen, in sein Sortiment aufgenommen hat, ist das Thema in vieler Munde.

Andere Grossisten und Lebensmittelgeschäfte überlegen sich
ebenfalls, auf den Zug aufzuspringen. Die meisten werden aber vermutlich zuerst abwarten, ob Mehlwürmer & Co. wirklich einem echten Bedürfnis entsprechen oder nur eine Modeerscheinung sind, die rasch wieder verschwindet.

Weil die Anbieter davon ausgehen, dass sich viele potenzielle Konsumenten vor dem neuen Angebot ekeln, wird es vorläufig nicht roh, sondern nur in verarbeiteter Form verkauft.

Veganer Immerhin hat das Ganze einen durchaus ernsthaften Hintergrund: Die Welternährungsorganisation FAO nämlich glaubt, dass die proteinreichen Insekten dereinst als Fleischersatz durchaus eine Rolle spielen könnten. Strikte Vegetarier und Veganer können dem Verzehr von Insekten allerdings nichts abgewinnen.

Auch in koscheren Haushalten werden die Kleintiere wohl nie auf dem Speisezettel landen, zumindest nicht in jenen Küchen, die sich an aschkenasische Traditionen halten.

Ganz anders hingegen – und das dürfte viele überraschen – sieht es manche sefardische Tradition: Hier ist die Wanderheuschrecke nämlich teilweise durchaus ein akzeptiertes Lebensmittel. Vor allem bei den Jemeniten, die zum Teil auch in anderen Dingen eine eigene Auslegung der Halacha haben.

Die Erlaubnis, Wanderheuschrecken zu genießen, wird aus der Tora abgeleitet, wo es im 3. Buch Mose 21 heißt: »Doch das dürft ihr essen von allem fliegenden Gewürm, das auf Vieren geht; was Gelenke hat oberhalb der Hinterbeine, damit zu springen auf der Erde.« Dann nennt die Tora vier Insektenarten: den Arbe, den Solom, den Chargol und den Chagav – »je nach ihrer Art«.

Die Arbe wird heute als Wanderheuschrecke betrachtet, vier spezifische Arten gelten als koscher – aber eben nur für Sefarden. »Vor allem, weil im aschkenasischen Raum nicht klar ist, was ein Chagav ist und wie die Konstellation von Kopf und Schwanz ist, wurde es hier verboten«, erklärt der Basler Gemeinderabbiner Mosche Baumel, der sich mit der Frage auseinandergesetzt hat.

Pharao Der Grund, warum Heuschrecken, im Gegensatz zu anderen Insekten, prinzipiell als koscher gelten können, liege in den Zehn Plagen, mit denen Gott die Ägypter gestraft habe, erklärt Baumel weiter. Die jüdische Überlieferung bezeichne die biblischen Heuschreckenschwärme als eine Art »göttliche Luftwaffe«, also als kleine Vollstrecker der göttlichen Strafmaßnahmen gegen Pharao und die Ägypter. Das dürfte vermutlich auch der Grund sein, warum nur jene Heuschrecken als koscher gelten, die auch heute noch in großen Schwärmen auftreten.

Nun muss sich zeigen, ob die Schweiz reif ist für Insekten auf den Tellern. Falls ja, könnte es passieren, dass sie eines Tages auch israelische Heuschrecken importiert – mit Koscherstempel.

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026