Frankreich

»Die Täter sind tabu«

»Es ist nicht die Schuld des Gesetzgebers, dass die Terroristen Muslime sind«: Georges Bensoussan Foto: imago/Leemage

Georges Bensoussan stammt aus einer marokkanisch-jüdischen Familie, die nach Frankreich auswandern musste. Als Historiker hat er sich auf die jüdische Geschichte Europas spezialisiert. Darüber hinaus beschäftigt er sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Antisemitismus unter muslimischen Einwandererkindern. Er dokumentierte Frankreichs »verlorene Gebiete«, das heißt die Vorstädte, die hauptsächlich von Migranten bewohnten Sozialbauviertel, den aggressiven Islamismus dort – und dessen Leugnung durch Politik und Medien.

Herr Bensoussan, man hat seit einiger Zeit beim Lesen und Hören französischer Medien das Gefühl, es mit einer neuen postmodernen Sprache zu tun zu haben. Wie kommt das?
Es gibt ein Neusprech, das darauf abzielt, die Wirklichkeit hinter Worten zu verschleiern, die das exakte Gegenteil dessen meinen, was sie sagen. Die neue Sprache möchte den Adressaten an seiner Wahrnehmung zweifeln lassen, damit er zu dem Schluss kommt, dass die Wahrnehmung der Partei, der Organisation, des Überbaus – das, was man die »öffentliche Meinung« nennt – dem gesunden Menschenverstand entspricht.

Können Sie einige Beispiele nennen?
Es gibt neuerdings den Begriff »sensible Viertel«. Damit sind Gegenden gemeint, in denen Recht und Gesetz nicht mehr durchgesetzt werden. Oder »prioritäre Bildungsbezirke«: Damit kommt zum Ausdruck, dass in einem Viertel die Bildung vernachlässigt und die Bevölkerung eben gerade nicht prioritär ist. Man hört von »Facharbeitern«, und alle wissen, dass damit Arbeitskräfte bezeichnet werden, die eben gerade keinerlei fachliche Spezialisierung haben. Oder das Wort »Sozialpläne«, womit genau das Gegenteil gemeint ist: Erwerbslosigkeit und der Übergang in ein antisoziales Prekariat.

Es gibt auch den neuen Begriff »racisé«. Was ist darunter zu verstehen?
Antirassisten propagieren die Vorstellung von »rassisiert« (racisé) und verleihen damit dem schon für obsolet gehaltenen Begriff der Rasse neue Gestalt und neues Leben. Im Ergebnis lebt der Rassismus in neuer Form wieder auf. Man übt sich, was den Antisemitismus anbelangt, in Toleranz und Nächstenliebe, um Juden im Namen des Antirassismus abzulehnen. Dies führt zu dem Paradox, durch Ächtung des Staates Israel als »Lehre aus der Schoa« (kann man in Bezug auf diese Katastrophe von einer Lehre sprechen?) die Juden erneut aus der Menschheit auszustoßen.

Das Neusprech soll also eine beklemmende Realität beschönigen, sie negieren.
Ja, ein Teil der Medien und der Politiker will nicht zugeben, dass die Lage explosiv ist. Aufseiten der Politik wissen das viele zwar, doch fürchten sie, Öl ins Feuer zu gießen, wenn sie das offen aussprechen, und damit die Banlieues, die Vorstädte, zur Explosion zu bringen. Die französische politische Klasse, Linke wie Rechte, fürchtet eine Neuauflage der Ausschreitungen des Jahres 2005, die drei Wochen andauerten und sich 2007 – weniger lang, weniger gewalttätig – wiederholten.

Könnte die nächste Revolte gewalttätiger werden als die letzten beiden?
Den Politikern ist bewusst, dass die nächste Revolte in einen Aufstand ausarten könnte. Man hätte es dann nicht mehr nur mit Molotowcocktails zu tun, sondern mit Kriegswaffen. Der verbreitete Schwarzhandel mit ihnen ist bekannt, er spielt sich parallel zum Drogengeschäft ab. Die politische Klasse und die Sicherheitsdienste sind darüber im Bild, und die daraus resultierende Verunsicherung animiert gerade nicht zur Offenheit, sondern fördert die Verleugnung.

Albert Camus meinte, »Dinge falsch zu benennen, bedeutet, das Unglück der Welt zu vergrößern«. Führt die politische Korrektheit nicht gerade dazu?
Ja, sie wird von der Justiz und von Scharen von »Fehltrittjägern« bedient. Schon die Bezeichnung »Fehltritt« ist sehr beredt, setzt sie doch voraus, dass es so etwas wie eine ausgeglichene und angemessene Denkweise gibt. Diese schleichende Tyrannei, diese Überwachung der Sprache nährt in der öffentlichen Meinung eine Form von kollektiver Depression.

Dies meinen Sie derzeit in Frankreich zu beobachten?
Die dunkle, abgekapselte Seite vieler Franzosen, ihr Pessimismus, um nicht zu sagen ihre Hoffnungslosigkeit, kontrastiert mit der Geisteshaltung vieler ihrer Nachbarn – selbst dort, wo sich die ökonomischen und sozialen Verhältnisse gravierender verschlechtert haben, wie zum Beispiel in Italien. Ich bin überzeugt, dass die stumme Depression, die diese Leute zermürbt, mit dem Schweigen zusammenhängt, das über jedes Wort verhängt wird, das nicht mit den Dogmen des Überbaus konform geht.

Die »UN-Sonderberichterstatterin für die Förderung und den Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten bei der Bekämpfung des Terrorismus« beanstandet das französische Gesetz, das sich gegen Terrorakte richtet. Es würde auf Muslime abzielen, so die New Yorker Kritikerin.
Die Sonderberichterstatterin übersieht, dass es Muslime sind, die diese Terrorakte verüben. Und vor allem übersieht sie, dass sie nicht als Muslime, sondern als Terroristen verfolgt werden. Die widersinnige Schlussfolgerung der Sonderberichterstatterin macht nicht nur die Welt undurchsichtiger und unbegreiflicher, sondern sie stiftet Verwirrung in den Köpfen und stachelt zur Gewalt an. Denn, ich wiederhole es, das Gesetz diskriminiert nicht Muslime, es richtet sich gegen Terroristen. Es ist nicht die Schuld des Gesetzgebers, dass diese Terroristen Muslime sind.

Wie reagieren die Juden, die in den Vorstädten leben und von ihren muslimischen Nachbarn bedrängt werden?
Mit dem, was man die »innere Alija« nennt.

Das heißt, sie verlassen die problematischen Viertel und ziehen in andere Stadtteile oder Départements?
Ja, dort sind sie geschützter. Beispielsweise sind aus dem Département, das die meisten Probleme aufweist – Seine-Saint-Denis im Norden von Paris – in den vergangenen zehn Jahren 80 Prozent der Juden weggezogen.

Die erste Reaktion ist also der Wegzug – nicht zwingend ins Ausland, aber in ruhigere Quartiere?
In Paris ist beispielsweise das 17. Arrondissement im Nordwesten der Stadt in den vergangenen Jahren zum bedeutendsten jüdischen Viertel Frankreichs geworden, mit 40.000 Einwohnern, einer Vielzahl koscherer Lebensmittelläden, Metzgereien und Restaurants.

Die nächste Konsequenz wäre dann möglicherweise die Auswanderung in ein anderes Land?
Zwischen 2000 und 2018 sind 52.000 Juden nach Israel gegangen, und wir wissen nicht, wie viele in das französischsprachige Kanada, nach Québec, ausgewandert sind. Die Ursache, den Antisemitismus, leugnet niemand. Tabu jedoch sind die Antisemiten. Man ehrt die toten Juden, um die lebenden besser vergessen zu können. Es ist die pathetische Show einer angesagten Niederlage, in der sich Leugnung und Feigheit vereinen.

Das Gespräch führte Karl Pfeifer.

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