Mexiko

Die Spur der verschwundenen Studenten

Erinnern an die Verschwundenen: Teilnehmer eines Gedenkmarschs in Mexiko-City (2020) Foto: picture alliance/dpa

In den Fall der vor acht Jahren verschwundenen und sehr wahrscheinlich ermordeten 43 Studenten von Ayotzinapa kommt Bewegung. Ende August erhob die mexikanische Justiz Anklage gegen den früheren Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam.

Dem 74-Jährigen werden gewaltsames Verschwindenlassen, Folter sowie Behinderung der Justiz vorgeworfen. Die Nachricht sorgte in Mexiko für großes Aufsehen. Das Verbrechen ist eines der dunkelsten Kapitel in der jüngeren Geschichte des Landes und beschäftigt die mexikanische Öffentlichkeit bis heute wie kaum ein anderes.

Schlüsselfigur Nach Murillos Inhaftierung rückt eine weitere Schlüsselfigur in den Fokus: Tomás Zerón de Lucio, der ehemalige Direktor der aufgelösten strafrechtlichen Ermittlungsbehörde Agencia de Investigación Criminal (AIC). Zerón ist in Israel untergetaucht. Die mexikanische Regierung hat Jerusalem um die Auslieferung gebeten. Zwischen beiden Ländern gibt es ein Abkommen über die juristische Zusammenarbeit, aber kein Auslieferungsabkommen.

Zerón könnte maßgeblich zur Aufklä­rung beitragen. Die Studenten eines Lehrerseminars im Bundesstaat Guerrero waren im September 2014 von Sicherheitskräften und Kriminellen angegriffen worden. Sechs Menschen starben, 43 junge Männer wurden verschleppt. Seither fehlt jede Spur von ihnen; nur von dreien wurden die sterblichen Reste identifiziert. Murillo und Zerón leiteten damals die Untersuchungen.

Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador versprach bei seinem Amtsantritt 2018, den Fall Ayotzinapa zu lösen. Vor Kurzem stellte eine staatliche Wahrheitskommission ihren Bericht zu dem Fall vor und kam zu dem Schluss, dass es sich um ein »Staatsverbrechen« handelte, in das die Bundespolizei und Militärs involviert waren.

GESCHÄFTE Demnach sind Murillo und Zerón mitverantwortlich, dass ein mutmaßlicher Tatort manipuliert, Beweise unterschlagen und Folter eingesetzt wurde, um Geständnisse zu erpressen. Mexikos Justiz hat Haftbefehl gegen Zerón erlassen. Zunächst wurde der Flüchtige in Kanada vermutet, später hieß es, er sei in Israel. Im Mai berichteten israelische Medien, Zerón lebe in einem luxuriösen Gebäude in Tel Aviv, wo er unter Schutz des Geschäftsmanns David Avital stehe, dem Seniorpartner des Unternehmens MTRX Technologies, das in Zeróns Amtszeit Spionagesysteme an den mexikanischen Staat verkaufte.

In den mexikanischen Medien taucht immer wieder die Frage auf, warum Israel Zerón nicht ausliefert. Man mutmaßt, dass die israelische Regierung ihn schützt, schreibt die Tageszeitung »La Jornada«. Ein möglicher Grund könnten Zeróns Verbindungen zu israelischen Sicherheits- und Waffenunternehmen sein, so das Blatt.

In einer Pressekonferenz sandte Präsi­dent López Obrador kürzlich »eine respektvolle Erinnerung« an Israels Regierung: »Sie können solche Leute nicht beschützen. Der israelische Premierminister hat sich sehr gut verhalten, er hat mir einen Brief geschickt, in dem er schreibt, dass sie kooperieren und helfen würden, aber es ist viel Zeit vergangen seitdem.«

Karin Prien

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