Zürich

Die Haggada des Mr. Bloom

Es gilt als absolutes Meisterwerk und sein Autor als ein ganz Großer des 20. Jahrhunderts: Ulysses des irischen Autors James Joyce. Vor genau 100 Jahren erschien der Roman des 1882 geborenen Schriftstellers zum ersten Mal.

Für das kleine, aber sehr aktive Museum Strauhof in Zürich Grund genug für eine Ausstellung mit dem Titel Ulysses von 100 Seiten: 100 Exponate, die alle mit dem Roman und dessen Entstehungsgeschichte zu tun haben, sind dort zu sehen.
Vor allem eines der Stücke hat dabei einen starken jüdischen Bezug – eine Pessach-Haggada. Sie befindet sich unter den Exponaten, weil der Sederabend im Ulysses Erwähnung findet.

hauptfigur Leopold Bloom, die Hauptfigur der Geschichte, wird im Lauf des Romans immer wieder auf seine jüdische Herkunft gestoßen. So erinnert er sich auch seines aus Ungarn stammenden jüdischen Vaters. Im Kapitel »Und da nun das Passahfest nahte« beschreibt die weltberühmte Romanfigur Bloom, beziehungsweise sein Schöpfer Joyce, wie Bloom senior seinerzeit versuchte, eine Haggada zu lesen: »Der arme Papa mit seinem Haggadah-Buch, wie er mir immer rückwärts vorlas mit dem Finger.«

Leopold Bloom, die Hauptfigur der Geschichte, wird im Lauf des Romans immer wieder auf seine jüdische Herkunft gestoßen.

Blooms Vater fährt dann fort, seine Meinung über das Lied »Chad Gadja«, das ganz am Ende des Seders gesungen wird, zu äußern. »Chad Gadja« gilt als ein Kinderlied mit einer sehr einfachen und doch wieder tiefgründigen Moral.

So zitiert Bloom im Roman seinen Vater: »Und dann das Lamm und die Katze und der Hund und der Stecken und das Wasser und der Metzger, und dann der Engel des Todes, der den Metzger schlägt, und dieser schlägt den Ochs, und der Hund schlägt die Katze. Klingt ein bisschen albern alles, bis man sich’s mal genauer ansieht. Soll Gerechtigkeit bedeuten, aber heißt bloß, dass alles sich frisst, immer einer den andern. So ist das Leben eben, letzten Endes.« Diese Stelle zeigt nicht zuletzt das Interesse des nichtjüdischen James Joyce an jüdischen Traditionen.

ausgabe Bei der Haggada, die in der Ausstellung zu sehen ist, handelt es sich um eine ältere Ausgabe. Sie wurde im Jahre 1816 in Basel gedruckt, Herausgeber ist ein Salomon Coschels oder Coschelsberg, Mitglied der jüdischen Gemeinde der Stadt. Er war Buchhändler sowie Korrektor in der Druckerei, in der die Haggada damals gedruckt wurde.

Das Exponat ist eine Leihgabe der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Deren Co-Leiter Oded Fluss sagt, die Initiative zur Ausleihe sei von den Verantwortlichen des Museums gekommen: »Wir haben schon mehrfach zusammengearbeitet und dabei sehr gute Erfahrungen gemacht.« Deshalb habe man auch sofort in die Ausleihe eingewilligt.

Das Exponat ist eine Leihgabe der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

Es sei eine Win-win-Situation, sagt Oded Fluss, der sich selbst auch als großen Joyce-Fan bezeichnet. Das Museum erhalte auf diese Weise spannende Exponate, und die Bibliothek könne umgekehrt über den eigenen Kreis hinaus für sich Werbung machen.

beziehung Dass gerade Zürich eine Joyce-Ausstellung organisiert, macht im Übrigen durchaus Sinn, hatte der irische Autor doch eine starke Beziehung zur Limmatstadt: Hier lebte er mit seiner Familie zuerst während und kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, nachdem sie aus dem damals noch österreichischen Triest hatte wegziehen müssen. Und in Zürich ist er, gemeinsam mit seiner Frau Nora, begraben.

Auch den Zweiten Weltkrieg erlebten die Joyces als Flüchtlinge. Nun war es Paris, dem sie den Rücken kehrten, als die Deutschen im Frühsommer 1940 einmarschierten. Von nun an stand für sie fest, dass sie dort nicht mehr bleiben wollten. Mit ein Grund war, dass Joyce seiner berühmten Romanfigur Bloom wegen für »irgendwie jüdisch« angesehen wurde.

Eine (falsche) Einschätzung, der sich aber wohl auch die Schweizer Grenzbehörden anschlossen: Denn sie verweigerten der Familie im Dezember 1940 zunächst die Einreise. Erst als zwei jüdische Freunde eine finanzielle Bürgschaft beibrachten, willigte die Schweiz ein, den Autor tatsächlich über die Grenze zu lassen. In dieser Hinsicht bildete der weltberühmte Joyce leider keine Ausnahme. Ein halbes Jahr später verstarb der Schriftsteller.

Die Ausstellung im Museum Strauhof in Zürich ist bis zum 1. Mai zu sehen.

Pro & Contra

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