USA

Die Diplomatin

Durch und durch Diplomatin: Wendy Sherman (72) Foto: imago images/ZUMA Wire

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Die Diplomatin

Vize-Außenministerin Wendy Sherman verfügt über besonderes Verhandlungsgeschick. Wird es ihr gelingen, einen Angriff Putins auf die Ukraine zu verhindern?

von Michael Thaidigsmann  23.01.2022 15:29 Uhr

Sie gilt als eine der mächtigsten Frauen auf dem internationalen Parkett, und auf ihren Schultern lasten große Erwartungen – nicht nur die ihres Präsidenten, sondern auch die vieler Europäer. Vergangenes Jahr ist Wendy Sherman an ihre alte Wirkungsstätte, das State Department, zurückgekehrt.

Von 1993 bis 1996, in der ersten Amtsperiode Bill Clintons, war die heute 72-Jährige dort unter Außenminister Warren Christopher als Unterabteilungsleiterin und Beraterin tätig. Barack Obamas Chefdiplomaten Hillary Clinton und John Kerry diente Sherman zwischen 2011 bis 2015 als politische Direktorin des Ministeriums sowie die letzten beiden Jahre kommissarisch bereits als stellvertretende Außenministerin. Diesen Posten hat sie jetzt unter Antony Blinken erneut übernommen.

In den 80er-Jahren leitete die studierte Sozialarbeiterin ein staatliches Jugendamt.

Zu altbekannten Herausforderungen wie dem iranischen Atomprogramm oder dem Gebaren des Regimes in Nordkorea sind neue hinzugekommen. Vergangene Woche war Wendy Sherman zu Gesprächen in Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten – bei den meisten ihrer Gespräche drehte sich alles um die Frage, ob und wie der durch Russlands Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze entstandene Konflikt entschärft werden kann.

WELTPOLITIK Zunächst deutete wenig darauf hin, dass es Wendy Sherman einmal in die Weltpolitik verschlagen würde. Sie wuchs als eines von drei Kindern in Baltimore auf und machte zunächst als Sozialarbeiterin und »Community Organizer« Karriere. Nach einem Studium der Sozialarbeit half sie bedürftigen Kindern bei der Suche nach Pflegeeltern. In den 80er-Jahren wurde sie dann Leiterin eines staatlichen Jugendamtes.

Wendy Sherman stammt aus einer jüdischen Familie. Ihr 2009 im Alter von 87 Jahren verstorbener Vater Malcolm (»Mal«) diente im Zweiten Weltkrieg als Soldat bei den Marines, den Streitkräften der US Navy. Später arbeitete er im Immobiliengeschäft in Baltimore und wurde in der Stadt zu einem der wichtigsten jüdischen Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung. Er versuchte vor allem, das in den 60er-Jahren noch bestehende Prinzip der »Rassentrennung« in der Wohnungsbaupolitik zu beenden.

Unterstützt von seiner Frau Miriam (»Mimi«) Heller (1924–2005) und ermutigt vom Rabbiner seiner Gemeinde, machte sich Mal Sherman daran, Wohnraum in bis dahin ausschließlich von Weißen bewohnten Gegenden Baltimores auch an Schwarze zu verkaufen. Seine Tochter Wendy berichtete später, der Widerstand dagegen habe ihrem Vater nicht nur wirtschaftliche Not, sondern der Familie auch handfeste Morddrohungen eingebracht.

Doch Mal Sherman ließ sich nicht beirren. Ab 1967 plante er gemeinsam mit James Rouse eine Stadt aus der Retorte, in der verschiedene Communitys harmonisch zusammenleben sollten. Auf einem Hügel zwischen Baltimore und Washington entstand Columbia – heute hat der Ort rund 90.000 Einwohner.

FRONTAL Auch Wendy Sherman schreckt nicht vor Herausforderungen zurück, sondern geht sie lieber frontal an. Versuchte sie in den 90er-Jahren, den damaligen nordkoreanischen Diktator Kim Jong-il zum Stopp seines Atombombenprogramms zu bewegen, gehörte sie zwei Jahrzehnte später zu den Chef­unterhändlern für das Atomabkommen zwischen dem Iran einerseits und den USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien andererseits. Erstmals seit der Machtübernahme der Ajatollahs im Jahr 1979 verhandelten die USA direkt mit den iranischen Machthabern.

Sherman sagte, es sei für sie als Frau kein Problem gewesen, den konservativen Unterhändlern des Iran gegenüberzusitzen. »Vielleicht kann ich als Frau einige Dinge sagen, die nicht ganz so hart wirken. Aber wenn ich hart werde und die Beherrschung verliere, macht das großen Eindruck, weil es unerwartet kommt.«

Im politischen Washington wird Sherman regelmäßig als »hard-nosed«, »tough«, »intensive« und »fearless« bezeichnet. Doch zieht sie auch Pfeile auf sich. So sagte der frühere Außenminister James Baker, das Nordkorea-Abkommen sei nichts anderes als »Appeasement« eines Diktators gewesen.

IRAN-DEAL Auch der Deal mit dem Iran wurde und wird von vielen Amerikanern abgelehnt. 2018 erklärte Obama-Nachfolger Donald Trump, seine Regierung fühle sich nicht länger an das Iran-Abkommen gebunden. Stattdessen führte Trump wieder knallharte Sanktionen gegen Teheran ein. Über die Auswirkungen dieser Politik scheiden sich seitdem die Geister, denn der Iran forcierte von da an die Anreicherung von Uran und kam so dem Ziel der Atomwaffenfähigkeit ein großes Stück näher.

So stand Trump-Bezwinger Joe Biden vor gut einem Jahr vor einem Dilemma: Sollte er angesichts der Stimmung im eigenen Land und den Entwicklungen in Nahost zum Atomabkommen zurückkehren? Oder lieber den unter Trump eingeleiteten Rückzug Amerikas aus einigen Konfliktherden weiterführen?

»Wenn ich hart werde, macht das großen Eindruck – denn es kommt unerwartet.«

Biden entschied sich, neben – dem ebenfalls jüdischen – Antony Blinken (59) als Außenminister Wendy Sherman als dessen Stellvertreterin zu nominieren. Im Senat erhielt sie nach ihrer Anhörung die Zustimmung von 56 von 98 Senatoren – darunter auch einige Republikaner.

PUTIN In den Verhandlungen mit dem Iran erwarb sich die Diplomatin nicht nur wegen ihres Äußeren, sondern auch wegen ihrer Verhandlungsführung den Titel eines »Silver Fox«, einer »Silberfüchsin«. Ob ihr Geschick ausreicht, auch Russlands Staatschef Wladimir Putin auszufuchsen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Klar ist: Sherman ist durch und durch Diplomatin und scheut sich nicht vor schwierigen, direkten Verhandlungen. Auf den Mund gefallen ist sie deswegen nicht. An die Adresse Moskaus sagte sie im Sender MSNBC: »Sie könnten den Weg der Invasion, der Nötigung, der Subversion einschlagen. Wer weiß, was sie tun werden.« Falls es dazu komme, würde Russland einen sehr hohen Preis bezahlen.

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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