Studie

Die Angst geht um

Es geht weiterhin ein Gespenst um in Europas jüdischer Gemeinschaft, das Gespenst des Antisemitismus. Eine Online-Umfrage der EU-Grundrechteagentur FRA, bei der Mitte des Jahres 16.395 Juden in zwölf EU-Ländern zu ihren Alltagserfahrungen mit Antisemitismus befragt wurden, macht das deutlich. Denn im Unterschied zu Polizeistatistiken und anderen Studien förderte die Umfrage das subjektive Empfinden von Juden zutage. Und die Dunkelziffer ist groß: Knapp vier Fünftel (77 Prozent) derer, die Opfer antisemitischer Belästigungen werden, melden solche Vorfälle weder der Polizei noch bei anderen Stellen.

Viele Juden verstecken ihr Judentum selbst im Kollegen- oder Freundeskreis, unter anderem aus Angst vor Schikanen und Ausgrenzung. Es ist ein Befund, der gravierende Folgen haben könnte für das jüdische Leben in Europa.

Neun von zehn Befragten gaben an, dass der Judenhass seit der ersten EU-Studie im Jahr 2012 angestiegen sei. 89 Prozent nannten das Internet und die sozialen Netzwerke als den Ort, an dem sich Antisemitismus manifestiere, 73 Prozent den öffentlichen Raum, 71 Prozent die Medien und 70 Prozent das politische Leben.

Mehr als ein Viertel (28 Prozent) aller Befragten sagten der Umfrage zufolge, im vergangenen Jahr mindestens einmal antisemitischen Belästigungen oder Kommentaren ausgesetzt gewesen zu sein, und knapp die Hälfte (47 Prozent) erwartet, dass ihnen genau das in den kommenden zwölf Monaten passieren wird. Ein Drittel vermeidet es zum Schutz der eigenen Sicherheit, jüdische Orte oder Veranstaltungen aufzusuchen.

Die Umfrage zeigt: Gerade in Deutschland gaben besonders viele Befragte an, als Juden unter Belästigungen und Angriffen zu leiden. In den vergangenen fünf Jahren spürte mehr als die Hälfte (52 Prozent) der in Deutschland lebenden Juden den Antisemitismus am eigenen Leib, 41 Prozent der Befragten in Deutschland gaben sogar an, im letzten Jahr mindestens einmal eine antisemitische Erfahrung gemacht zu haben. Im EU-Durchschnitt waren es deutlich weniger.

AUSWANDERUNG Die Konsequenz: In Deutschland, dem einzigen EU-Land, in dem seit 1990 die Zahl der jüdischen Bürger stark anstieg, trauen sich heute drei Viertel der Juden nicht, ihre Religionszugehörigkeit offen zu zeigen. Fast die Hälfte der deutschen Befragten (46 Prozent) gab an, bestimmte Stadtteile zu meiden, und 44 Prozent tragen sich gelegentlich mit dem Gedanken auszuwandern, da sie sich als Juden nicht mehr sicher fühlen.

Und noch eine Zahl lässt aufhorchen: Sieben von zehn der befragten europäischen Juden finden, ihre Regierungen seien ineffektiv im Kampf gegen den Antisemitismus.

Die Ergebnisse zeigen auch, dass Judenhass nicht mehr überwiegend vom rechten Rand der Gesellschaft kommt. Die Teilnehmer nannten als häufigste Tätergruppen radikale Muslime (30 Prozent), gefolgt von Menschen aus dem linken politischen Spektrum (21 Prozent), Arbeits- oder Schulkollegen (16 Prozent), Menschen aus dem Bekanntenkreis (15 Prozent) und erst dann Personen mit rechtsextremen Ansichten (13 Prozent).

Das Echo auf die FRA-Umfrage war europaweit sehr groß – und fiel kritisch aus. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erklärte: »Antisemitismus als Normalfall – das darf Europa als Kontinent der Aufklärung nicht hinnehmen. Die EU-Staaten müssen sich viel stärker als bisher im Kampf gegen Antisemitismus engagieren, um die Sicherheit jüdischen Lebens zu garantieren.«

In Deutschland leiden besonders viele Befragte unter Judenhass.

Bei der offiziellen Vorstellung der Studie im Brüsseler EU-Ratsgebäude am Internationalen Tag der Menschenrechte waren sich zumindest in der Analyse fast alle Redner einig: Die Ergebnisse sind erschreckend.

Der Direktor der EU-Grundwerteagentur, Michael O’Flaherty, konstatierte traurig, dass es für Juden nach wie vor eine »weit entfernte Hoffnung« sei, in Europa frei von Angst zu leben. »Wie würden wir Nichtjuden uns fühlen, wenn wir unsere Gottesdienste nur unter massivem Polizeischutz abhalten könnten?«

Ariel Muzicant, Vizepräsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, sagte, dass seit 1945 ungefähr zwei Millionen Juden Europa verlassen haben. »Wenn das so weitergeht, wird sich in den nächsten 30 Jahren die Zahl der verbleibenden 1,5 Millionen halbieren.«

HANDELN Gefragt, was genau denn getan werden sollte, um dem Problem Herr zu werden, nannte Muzicant drei Punkte: die konsequente Umsetzung der IHRA-Definition zum Antisemitismus, eine engere Sicherheitskooperation zwischen staatlichen Behörden und jüdischen Gemeinden sowie den verschärften Kampf gegen Hass und Hetze im Netz. Gefragt, ob das ausreichend sei, sagte der ehemalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien: »Irgendwo muss man ja mal anfangen.«

Maram Stern, Chefdiplomat des Jüdischen Weltkongresses, fasste es in seinem Schlusswort so zusammen: »Wer hätte es mehr als 70 Jahre nach Auschwitz für möglich gehalten, dass wir heute hier wieder und wieder Veranstaltungen abhalten würden, bei denen wir uns darüber unterhalten, wie wir den Antisemitismus bekämpfen? Unsere jüdischen Schulen und Kindergärten müssen beschützt werden, und wir Juden müssen sogar noch darum bitten, dass das getan wird.«

Antisemitismus sei heute wieder chic, und es müsse der Gesellschaft klargemacht werden, dass das nicht sein darf, so Stern. »Ich habe aber keine Idee, wie wir das bewerkstelligen können.«

Die Studie im Internet: www.fra.europa.eu/en/publication/2018/2nd-survey-discrimination-hate-crime-against-jews

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