USA

Designer-Schtibl

Der kräftige Mittzwanziger, der – ganz in Schwarz gekleidet – am Eingang sitzt, ist nicht der Rausschmeißer. Er checkt die Namen der kreativ‐elegant gekleideten Singles auf seiner Liste. Eine der party‐fertigen jungen Damen eilt auf ihn zu, küsst ihn auf die Wange und tadelt ihn, weil er nicht auf ihre E‐Mail geantwortet habe.

Das Vestibül der neu eröffneten Soho Synagogue wirkt wie eine Hotellobby. Von dort geht es die Treppe hinab in die Betstube, wo Männer und Frauen, wie die Tradition es verlangt, auf getrennten Seiten Platz nehmen – allerdings erst, nachdem ein paar Eingeweihte die großen abstrakten »Gemälde« von den Wänden genommen und sie in Stühle gefaltet haben. Sträuße aus Plastikblumen markieren die Trennlinie.

Spendenaufruf Der Rabbiner betritt den Raum. Er sieht aus, als sei er gerade aus der israelischen Armee entlassen worden. Bevor es richtig losgeht mit dem Gottesdienst, berichtet Rabbi Dovi Scheiner darüber, was er in der vergangenen Woche in seiner »Rabbi’s Inbox«, einer Art Kummerkasten, vorgefunden hat. Es sei unter anderem eine Anfrage zum jüngsten Spendenaufruf gewesen: Kleiderstücke sollen in der Synagoge abgegeben werden – allerdings nicht für frierende Tsunamiopfer, sondern damit Designer Yigal Azrouel sie zu exklusiven Kippot für die Schul verarbeiten kann. Eine junge Asiatin, mit Sicherheit keine Jüdin, berichtet der Rabbi, habe ihm gerade gestern eine solche Designer‐Schmatte vor dem Prada‐Geschäft am Broadway überreicht.

Dann lädt der Rabbi einen jungen Mann, der zum zweiten Mal in der Soho Synagogue dabei ist, ein, seine Kritik am Gottesdienst öffentlich zu äußern. Das Schuldgefühl sei es, was ihm hier fehle, meint dieser sarkastisch. Er sei nicht zurückgekommen, um seinen Eltern einen Gefallen zu tun oder um irgendeiner vagen Forderung nach Jüdischkeit nachzugeben, sondern einfach, weil er selbst Lust dazu hatte.

Partyräume Das Konzept, in Lower Manhattan einen jüdischen Klub aufzumachen, in dem junge Leute ihr Judentum entdecken und leben können, ohne sich in einer der zahlreichen etablierten Gemeinden der Stadt pflichtvoll langweilen zu müssen, scheint zu greifen. Das erklärt auch, warum die Soho Synagogue nach zehn Jahren Wanderung durch diverse Wohnzimmer und Partyräume nun ihr eigenes, durch Teilnehmerspenden finanziertes Domizil an der Crosby Street gefunden hat.

Die Ereignisse des 11. September 2001, jenes Tages, an dem Dovi trotz alledem in Brooklyn seine Esty heiratete, waren es, die ihn und seine Frau davon überzeugten, über die Brooklyn Bridge zu emigrieren und in Soho, das ihnen kulturell völlig fremd war, neuen Raum für jüdisches Leben zu schaffen. In der Tradition der Lubawitscher aufgewachsen, hatten Rabbi Dovi und Esty Scheiner sich auf ein Leben in der Outreach‐Bewegung von Chabad vorbereitet. Aber der Posten in Lower Manhattan war bereits besetzt, und gerade unter der Staubwolke des zerstörten World Trade Centers wollten sie sich jüdisch engagieren.

Die meisten Interessenten – Mitglieder gibt es offiziell keine – sind nicht in New York aufgewachsen, erklärt Scheiner. Das Konzept der Soho Synagogue, das der Rabbi als »Marke« verstanden haben will, die er in den nächsten zehn Jahren in andere amerikanische Metropolen und letztendlich auch international exportieren will, ist es, institutionell heimatlosen jungen Juden eine Plattform zu geben, auf der sie nach ihrem Geschmack und ihren Bedürfnissen ihre eigene jüdische Gemeinschaft aufbauen können.

Kontinuierlich neue junge Leute anzuziehen, ist sein Ziel. Parallel zu den eher klubartigen Freitagabendgottesdiensten mit neu übersetzten Gebetstexten sollen bald auch Schabbatmorgengottesdienste für junge Familien angeboten werden. Ein jüdischer Kindergarten besteht bereits seit zwei Jahren. Und jetzt, wo die Soho Synagogue im Stadtteil fest verankert ist, kommen immer häufiger neugierige Nachbarn aller Altersgruppen vorbei, die wissen wollen, was die neue Gemeinde zu bieten hat.

Schicki‐Micki Von der Straße aus ähnelt die Synagoge einem der zahlreichen Schicki‐Micki‐Geschäfte, die diesen noch nicht von Ladenketten eroberten Teil Sohos bestimmen. In der Tat war Gucci der ehemalige Mieter des Ladengeschäfts. Dank großzügiger Spenden der jungen Leute, die seit Jahren an Veranstaltungen der Soho Synagogue teilgenommen hatten, konnten Dovi und Esty die Architekturfirma Dror Studio engagieren.

Im Laufe der Zeit entstand das Konzept, die Kellerräume mit einzubeziehen. Aus der »weißen Schachtel« – typisch für Boutiquen und Galerien der Gegend – entstand ein grottenartiger Innenraum, der an eine fremde Welt erinnert: teils Altjerusalem, teils geheime Kultstätte, in die man nur durch Kenntnis des Passworts Eingang findet.

Und das alles wurde mit einfachsten Mitteln geschaffen: Die Gemäldestühle sind nichts weiter als bemaltes Sperrholz, die Wände roher Ziegelbau, der Toraschrein mit Stoff bespanntes Aluminium. Das Licht der in die Decke eingelassenen Strahler im Eingangsraum folgt der Silhouette der Menora, die im Betraum bunt an die Wand gemalt ist. Zwei pfauenblaue Megasessel, von den Architekten für die italienische Möbelfirma Cappellini entwickelt, flankieren den Toraschrein, der sich beim Öffnen in eine Ringsequenz verwandelt. Selbst die Mesusa (von Alessi) ist ein Design‐Statement. Vermutlich werden die Scheiners bald ihren eigenen Synagogenshop eröffnen können. Vielleicht lassen sich damit dann auch die hochfliegenden Pläne für ein praktizierendes Judentum des 21. Jahrhunderts finanzieren.

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