Russland

Der Rubel rollt nicht mehr

Vor einer Wechselstube in Moskau: Vergangene Woche verlor der Rubel innerhalb weniger Stunden 20 Prozent an Wert. Foto: dpa

Dmitri Pawlinski und seine Frau stehen vor einer Bank in Sankt Petersburg. Eigentlich hätten sie Geld für ihren Finnlandurlaub abholen wollen, sagte Dmitri dem russischen Dienst der BBC. »Leute wie ich haben in letzter Zeit jedes Jahr mehr verdient. Ich habe mir eine Wohnung kaufen können und bin jedes Jahr ins Ausland gefahren.«

Damit ist es vorerst vorbei. Dmitri will sein Rubelkonto und auch seine Dollars von der Bank holen, um damit ein Auto zu kaufen. »Ich möchte ein europäisches Fabrikat«, sagt der 33-Jährige, so habe er, wenn der Rubel weiter fällt oder die Preise noch mehr anziehen, wenigstens einen realen Gegenwert. Russlands Geld verliert zusehends an Wert – wer weiß, wie lange die Banken noch Devisen auszahlen?

Diese Art von Panik greift vor allem beim russischen Mittelstand um sich, seit die russische Währung vergangene Woche innerhalb weniger Stunden 20 Prozent an Wert verloren hat und für einen Euro teilweise 100 Rubel bezahlt werden mussten. Die Menschen in Russland sehen sich nicht nur der verfehlten Wirtschaftspolitik der Putin-Jahre gegenüber, sondern auch dem dramatischen Verfall des Ölpreises. Ein Barrel Öl kostet derzeit knapp 50 US-Dollar, im Sommer waren es noch 100.

Spendenrückgang »Es ist schwer für jeden, aber es ist besonders schwer für Wohltätigkeitsorganisationen und religiöse Gemeinden«, sagte Moskaus Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Die Gemeinden könnten vor allem ihre sozialen Aufgaben nicht mehr wie bisher erfüllen, sagt Goldschmidt: »Es gibt überall Einschränkungen.« Viele wohlhabendere Gemeindemitglieder versuchten zwar nach wie vor zu helfen, aber »wir erleben effektiv einen starken Rückgang an Spenden. Etliche Sponsoren geben uns weiterhin denselben Betrag wie früher – aber durch den Absturz des Rubels ist das effektiv natürlich weitaus weniger als früher.«

Ganz besonders zu schaffen mache die Währungskrise Geschäftsleuten, sagt Goldschmidt. »Immer mehr von ihnen, aber auch viele andere Gemeindemitglieder denken inzwischen darüber nach, Russland zu verlassen.« Etliche kommen in die Büros der jüdischen Gemeinde oder gehen zur Jewish Agency, um sich zu erkundigen, wie sie nach Israel auswandern können.

Korruption Bis heute sind die hohe Korruption und die stark ausgeprägte Vetternwirtschaft charakteristisch für Russlands Wirtschaft. Der Mittelstand ist unterentwickelt und wird von der Politik misstrauisch beäugt. Eigenständigkeit, Mitspracherecht und Transparenz bei der Auftragsvergabe sind im Kreml unerwünscht.

Damit hat auch Maxim Puritschinski Erfahrungen gemacht. Er arbeitet als Musiker am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium und organisiert in seiner Freizeit Musikprogramme in der jüdischen Gemeinde. »Zu viel zivilgesellschaftliches Engagement ist in Russland derzeit nicht gern gesehen«, sagt er. Die Behörden wollten die volle Kontrolle auch über die Aktivitäten religiöser Gruppen. Die schlimme Wirtschaftskrise könnte diesen Kurs noch verstärken, befürchtet er. »Putin hat in den vergangenen Jahren eine sehr nationale Politik betrieben, die russischen Besonderheiten betont und ein Schwarz-Weiß-Denken etabliert. Alle, die nicht für ihn waren, werden als Feinde angesehen. Das ist kein guter Trend«, sagt Puritschinski.

Auf die massiven Währungsverluste war offenbar keiner im Kreml vorbereitet, oder wie so oft wurden die Augen vor der Realität verschlossen. Nun verweise man auf die Zukunft. »Putin sagt, in zwei Jahren sei die Krise vorbei, so lange müssten die Russen nun erst mal kürzer treten.«

Für Puritschinski ist dies ein Armutszeugnis: Putin gestehe damit seine verfehlte Politik ein. »Eigentlich müsste er sofort zurücktreten.« Doch sei allen klar, sagt Puritschinski, dass so etwas in Russland nicht passiere. Es sei unüblich, Fehler zuzugeben, weil das immer auch als Eingeständnis von Schwäche empfunden werde. Zudem unterstütze ein großer Teil der russischen Bevölkerung Putins Politik, weiß Puritschinski. »Die wenigsten Menschen gehören bei uns zum Mittelstand, nur wenige haben größere Ersparnisse oder gar Westwährung auf der Bank.«

Er selbst zähle sich zur kleinen Mittelschicht, sagt Puritschinski. Er gebe Privatunterricht und reise regelmäßig ins Ausland. Wer einmal das Leben in Westeuropa gesehen habe, der erkenne, dass Russland nicht nur eine veraltete Wirtschaft habe, sondern auch eine völlig überholte Gesellschaft, so der Musiker. »Wir hinken Europa mindestens 50 Jahre hinterher. Das sei auch einer der Gründe, weshalb sich Russland und der Westen derzeit so sprachlos gegenüberstehen.« Seine Kritik an Putin würde er in Russland aber nur gegenüber Menschen äußern, die er kenne und denen er vertraue, sagt Puritschinski.

Kürzungen Der wirtschaftliche Niedergang zwingt Putin inzwischen dazu, landesweit Krankenhäuser zu schließen und Gelder für soziale Einrichtungen zu kürzen. Doch auch solche Rosskuren werden die Mehrheit der Russen wohl nicht zum Widerstand gegen die Regierung anstacheln, glauben Beobachter. Im Gegenteil: Nach aktuellen Umfragen sprechen sich nach wie vor mehr als 80 Prozent für Putin und seine Politik aus.

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