Glaubensstreit

Der Rebell von Riverdale

Sieht so ein Rebell aus? Weiße Haare, bartlos, volles Gesicht, weiches Kinn? Hat ein Rebell dermaßen entwaffnend sanfte Augen? Pflegt er die Angewohnheit, alle Leute zu umarmen, die ihm unterwegs begegnen? »Hallo, Jim«, sagt Avi Weiss zu dem schwarzen Hausmeister der Synagoge, als der ihm gerade mit einem Feudel in den Hand entgegenkommt. »Wie geht es dir? Was macht die Familie?« Und Jim antwortet »Hi, Rabbi« und drückt ihn kurz ans Herz.

Aber dieser Avi Weiss ist eben doch ein Rebell, trotz seiner Sanftheit; oder vielleicht bildet der Umstand, dass er sanft ist, sogar einen notwendigen Bestandteil seines Rebellentums. So kann er sich noch gut erinnern, wie er gegen Kurt Waldheim demonstriert hat – damals, in den 80er‐Jahren. Einen »Mamser« nennt er Waldheim noch im Rückblick, einen Bastard. In jedem Fall war jener ehemalige Oberleutnant der Wehrmacht, den die Österreicher 1986 zum Präsidenten wählten, ein Lügner mit praktikablen Gedächtnislücken.

staatsempfang Avi Weiss gelang es, sich 1990 in Salzburg bei einem Staatsempfang einzuschmuggeln: »Ich beschloss, dass es für mich als Rabbiner ethisch vertretbar war, wenn ich mir einen Journalistenausweis ausstellen ließ«, erzählt er grinsend. Václav Havel, der tschechische Präsident, sollte mit Waldheim zusammentreffen. Als er den Raum betrat und den sanften Rebellen sah, war es schon zu spät: »Rabbi Weiss – oh shit!«, entfuhr es Havel. Eine Sekunde später erschien Waldheim auf der Bildfläche. Avi Weiss ergriff die Gelegenheit, ihm in seinem ungelenken Deutsch ins Gesicht zu sagen, was er von ihm hielt.

Schlagzeilen hatten ein Jahr zuvor schon die Demonstrationen in Bergen‐Belsen gemacht. US‐Präsident Ronald Reagan hatte sich damals von Bundeskanzler Kohl bei einem Staatsbesuch auf einen Soldatenfriedhof in Bitburg locken lassen; dort lagen auch Angehörige der Waffen‐SS begraben. Jüdische Organisationen in Amerika ließen sich diesen Affront nicht bieten. Avi Weiss erinnert sich, wie er und seine Freunde am Schabbat das Dokumentationszentrum von Bergen‐Belsen besetzt hielten. Sie alle wussten genau: Sobald der Schabbat vorbei war, würde die deutsche Polizei kommen und sie hier herausschleppen. Weiss, der sich in seinem Büro in der New Yorker Bronx auf einem Drehstuhl hin‐ und herwiegt, denkt mit einem Lächeln an die Unterstützung, die er von deutschen Protestanten erfuhr. Vor allem war da dieser eine Pastor, wie hieß er noch …?

betreuung »Moment bitte. Entschuldige mich.« Das Handy des Rabbiners klingelt, sein Enkel ist dran. Jeden Freitag sprechen die beiden miteinander. Der Enkel lebt in Israel; er dient in der Armee. »Ich bin so stolz auf dich«, sagt Avi Weiss, zusammengekrümmt auf seinem Bürostuhl, in sein Handy hinein. »Das ist eine Eliteeinheit! Nein, die Élite der Élite! Das bedeutet mehr für dich, als wenn du in Harvard oder Yale studieren würdest.« Und fügt hinzu: »Gib auf dich acht. Du musst dich ausruhen. Geh nicht zu viele Meilen am Stück.« Und: »Nein, darüber reden wir jetzt besser nicht. Nicht am Telefon.« Und: »Du musst deine Leute wie ein Schafhirte führen. Ein Hirte geht hinter seiner Herde. Ein Schafhirte, das ist etwas Heiliges.« Und: »Ich liebe dich.« Dann klappt Avi Weiss sein Handy zu; 20 Minuten sind vergangen. Wo waren wir stehen geblieben?

Vielleicht sollten wir über Jonathan Pollard reden, der zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt im Gefängnis sitzt, weil er für Israel spioniert hat – obwohl Israel doch ein Verbündeter der USA und kein Feindstaat ist. Aber Avi Weiss hat Pollard lange nicht gesehen. Ungefähr seit zehn Jahren nicht mehr. Als Pollard sich entschloss, die israelische Staatsbürgerschaft anzunehmen, hat er auch den Rabbiner gewechselt; er wollte fortan einen israelischen Seelsorger. »Ich verstehe diese Entscheidung und ich respektiere sie«, sagt Weiss.

Früher hat er Jonathan Pollard alle paar Wochen in seinem Hochsicherheitstrakt besucht, und dann verbrachte er jedes Mal sechs Stunden mit ihm. »Es ist komisch«, sagt der Rabbi. »Als 1992 das Urteil gegen ihn von einem Gericht überprüft wurde, da haben die zwei jüdischen Richter den Schuldspruch gegen ihn aufrechterhalten. Die abweichende Rechtsmeinung stammte von einem Nichtjuden. Er nannte das Urteil gegen Pollard eine Rechtsbeugung. Ich stimme ihm zu.«

halacha Eine Sekunde Schweigen. Dann sagt Weiss: »All die Jahre des politischen Aktivismus haben mich seelisch nicht so belastet wie dieser Streit jetzt.« Warum? Weil er heute von Juden harsch angegangen wird, also von den eigenen Leuten? »Ja«, sagt der Rabbi nach einer kleinen Pause. »Ja, das trifft mich sehr.« Er klopft sich mit der Hand an die Hemdbrust. »Hier.«

Die Sache ist nämlich die: Avi Weiss hat angefangen, Frauen zu ordinieren. Das wäre nichts Ungewöhnliches, wäre er ein Reformrabbiner oder konservativ. Aber Rabbi Weiss ist orthodox. Er betrachtet die Halacha als verbindlich. Ihm ist wichtig, dass der Schabbat gehalten wird, die Kaschrut in all ihren Verästelungen, die Gesetze der Familienreinheit.

Wie kann man da Frauen zu Rabbinern erklären? Weil die Halacha nicht stehen bleibt, sagt Weiss, weil sie mit der Zeit geht. Weil Frauen genauso gut Toragelehrte sein können wie Männer. Weil es keine halachische Vorschrift gibt, die ihnen verbietet, Rabbiner zu werden. So wie übrigens auch keine halachische Vorschrift –nicht eine einzige! – Frauen verbietet, sich in einen Tallit zu hüllen. »Ich sehe gern, wenn Frauen einen Tallit tragen«, sagt Avi Weiss. »Der Tallit ist ein Ausdruck dafür, dass Gottes Liebe uns einhüllt.« Weit weist der Rabbi die Unterstellung von sich, er sei Feminist. Es geht ihm nicht um Ideologie; eigentlich argumentiert er beinahe pragmatisch. »Wir durchleiden im Moment eine spirituelle Krise. Warum sollten wir uns freiwillig von dem geistigen Potenzial von 50 Prozent der Menschheit abschneiden? Das ist nicht klug.«

rabba Im Februar 2010 kündigte Avi Weiss an, dass Sara Hurwitz – eine Frau, die er zuvor ordiniert hatte – künftig als »Rabba« tituliert werden solle. Seither gehörte Rabba Hurwitz gleichberechtigt zu den Rabbinern des »Hebrew Institute of Riverdale«, der Synagogengemeinde in der Bronx, deren Hauptrabbiner Avi Weiss ist. »Das war ein Fehler«, sagt er heute. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es einen solchen Aufstand geben würde.« Seine orthodoxen Rabinerkollegen drohten Weiss allen Ernstes mit dem Rausschmiss. Zehn Familien verließen die Gemeinde, ein Spender, der schon eine Million Dollar zugesagt hatte, ebenfalls.

Findet Weiss’ »Hebrew Institute of Riverdale« seinen spirituellen Ort jetzt da, wo früher das konservative Judentum in Amerika war? »Genau«, sagt der Rabbiner. Das Jewish Theological Seminary, die traditionelle Kaderschmiede der konservativen Juden, rücke immer weiter nach links, die Yeshiva University, die Bildungsstätte der Orthodoxie, wandere theologisch nach rechts. »In der Mitte sind wir. Wir fangen jene auf, die sich weder da noch dort zu Hause fühlen.«

Avi Weiss erzählt von seiner Herkunft aus Brooklyn; beide Eltern waren polnische Juden, er ist religiös und zionistisch aufgewachsen – und beide Elternteile haben Verwandte im Holocaust verloren. »Das hat mich von Anfang an tief geprägt.« Seine Emunah, zu Deutsch Glaubensstärke, sei sehr groß. Und er glaubt wirklich, dass die Halacha den Weg zu Frieden und Gerechtigkeit weist. War Avi Weiss jemals versucht, der Religion den Rücken zu kehren? »Doch«, sagt er. »Meine Frau und ich, wir haben ein Kind verloren. Danach war ich für mehrere Monate in einer tiefen Glaubenskrise. Doch am Ende dieser Krise war meine Emunah eher stärker als vorher.«

betraum Plötzlich sagt der Rabbiner: »Komm mit, ich zeige dir etwas.« Er führt den Gast in den großen Betraum des Hebrew Institute of Riverdale. Es gibt eine Mechitza, eine Trennwand zwischen Frauen‐ und Männersektor, sie ist aber so niedrig, dass man über sie hinweg schauen kann. Der Aron Hakodesch, der Toraschrein, hat die Form einer stilisierten aufgespannten Torarolle, der Raum bietet Platz für 600 Beter. »Wenn du hier hereinkommst und es findet gerade keine Tefilah, kein Gebet statt, dann weißt du nicht, auf welcher Seite die Frauen und auf welcher Seite die Männer beten«, sagt der Rabbi.

»Und in der Mitte gibt es einen neutralen Raum, der weder männlich noch weiblich ist – die Bima. Sie kann von beiden Seiten aus benutzt werden. Sie ist auch für Rollstuhlfahrer zugänglich. Große Fenster zu beiden Seiten, sodass das Licht hereinkommt. Transparenz. Es gibt keinen Stuhl für mich, denn ich erwarte von der Gemeinde nicht, dass sie für mich aufsteht. Nein, ich erhebe mich, wenn die Gemeinde hereinkommt. Ich erweise ihr meinen Respekt. Ich finde, das gehört sich so.«

Insgesamt symbolisiert diese Synagoge für Rabbi Weiss das, was er »offene Orthodoxie« nennt. »Ein innerer Widerspruch, nicht wahr? Denn Orthodoxie kann nicht offen sein; und Offenheit niemals orthodox. Aber gerade aus dieser Spannung, dieser Dialektik, entsteht etwas Neues.« Übrigens mag Avi Weiss den Titel »Rabbi« überhaupt nicht. »Rabbi«, das bedeute: Distanz, Autorität. Und dieser Rebell mit den sanften, braunen Augen und den weißen Haaren hat keine Lust, sich zu distanzieren. »Ich bin Raw Avi«, sagt er am Ende. »Komm her. Lass dich umarmen.«

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