USA

Der Rabbi mit der Knarre

Wie ein Irrer oder ein Spinner sieht Rabbi Dovid Bendory eigentlich nicht aus: schmales Gesicht, kurzer grauer Bart, helle Augen. Er spricht, ohne je die Stimme zu heben, und er organisiert seine Argumente gern logisch und nach Zahlen: erstens, zweitens, drittens.

Wir haben uns unten am Hudson verabredet und sitzen auf den Stufen vor dem funkelnagelneuen Finanzzentrum, das dort aus dem Boden gestampft wurde; Ground Zero ist gleich um die Ecke. Rabbi Dovid Bendory hat am 11. September 2001 hier gearbeitet. Er hat den Massenmord, den Osama bin Ladens Getreue verübten, aus nächster Nähe miterlebt. Von diesem Ort aus hat er damals die rettende Fähre hinüber nach New Jersey genommen, wo er zu Hause ist und als Präsident einer Synagogengemeinde vorsteht.

Rabbi Dovid Bendory ist für die Öffentlichkeit das Gesicht einer Organisation, die sich JPFO nennt: Jews for the Preservation of Firearm Ownership. Das Logo der Organisation ist ein Sternenbanner in der Form eines Davidsterns, umrahmt von zwei hübschen Gewehren. Im Hintergrund erkennt man schwach die Verfassung der Vereinigten Staaten. Der zweite Zusatzartikel zu dieser Verfassung bestimmt: »Da eine gut organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht der Leute, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.«

Verfassung Die Eingangsfrage an den Rabbi lautet darum: »Haben Sie Ihre Knarre dabei?« »Nein«, antwortet er, denn trotz des zweiten Verfassungszusatzes regeln die einzelnen amerikanischen Bundesstaaten, unter welchen Umständen man denn wirklich mit Revolver im Halfter ins Büro gehen darf. New York und New Jersey, so Dovid Bendory, haben »launenhafte« Regelungen, die es praktisch beinahe unmöglich machen, ständig eine Waffe mit sich zu führen. Wir sind hier nicht in Arizona, wo man einfach in einen Laden geht und – nachdem man nachgewiesen hat, dass man weder kriminell noch geistesgestört ist – sofort einen Revolver kaufen und ins Halfter stecken kann.

Zu Hause hat Rabbi Bendory aber selbstverständlich eine Pistole. Er könnte auf seinem iPhone einen Film zeigen, wie sein zehnjähriger Sohn auf einem Schießstand mit dieser Waffe auf eine Schießscheibe ballert. Für Bendory gehört zum Recht, Waffen zu tragen, auch ein verantwortungsvoller Umgang damit: Kinder sollen lernen, mit Pistolen umzugehen, damit sie sich bloß nicht – um Gottes willen! – selbst verletzen, wenn sie etwa zufällig über eine solche Metallbeförderungsschiene stolpern und mit ihr herumspielen.

Den allermeisten amerikanischen Juden ist diese Haltung fremd, sie finden sie sogar ein bisschen monströs. Jüdische Amerikaner sind dafür, das Recht auf Waffenbesitz wenigstens stark einzuschränken. Der Rabbi kann sich diese Feindseligkeit nur so erklären, dass Juden die meiste Zeit in ihrer Geschichte eher in Mündungen geschaut haben, als dass sie selbst am Drücker gewesen wären.

Halacha »Es ist seltsam«, meint Bendory, »die Mehrzahl der amerikanischen Juden verherrlicht den israelischen Soldaten, sie schwärmt von bis an die Zähne bewaffneten Juden – aber nur dort drüben, nicht bei uns in Amerika.« Doch die Halacha spreche ausdrücklich vom Recht auf Selbstverteidigung. »Du sollst nicht morden« heißt es in den Zehn Geboten; »Du sollst nicht töten« ist eine christliche Fehlübersetzung.

Darüber hinaus steht geschrieben: »Stehe nicht still bei dem Blut deines Nächsten« (3. Buch Moses 19,16). Jeder Jude, sagt Bendory, wird von der Tora verpflichtet, seinen Mitmenschen bei Lebensgefahr beizustehen, notfalls mit der Waffe in der Hand – übrigens unabhängig davon, ob dieser Mitmensch zum Haus Israel gehört oder nicht. Und diese Vorschrift gilt auch in der Diaspora? »Selbstverständlich!«, sagt der Rabbi. Der zweite Zusatz zur amerikanischen Verfassung sei kein Privileg, das den Menschen von der Obrigkeit gegeben wurde. Es handele sich um ein gottgegebenes Recht.

Einwände pariert Rabbi Bendory mit souveräner Gelassenheit. Trägt die freie Verfügbarkeit von Waffen nicht zur Verbreitung der Kriminalität bei? »Verbrecher haben kein Problem damit, sich Waffen zu verschaffen, wie Sie aus Europa wohl wissen.« Er habe keine Angst vor der Waffe in der Hand des unbescholtenen Bürgers, sagt der Rabbi.

Aufstand Und wenn die Juden in Deutschland anno 1938 bewaffnet gewesen wären ... Selbstverständlich könne man nicht wissen, wie die Geschichte ausgegangen wäre, die Gegenseite war ja viel mächtiger. »Aber beim Aufstand im Warschauer Ghetto ist es ein paar hundert bewaffneten Juden gelungen, die gesamte deutsche Armee wochenlang aufzuhalten!« Allerdings leben wir in Amerika nicht im Deutschland der Nazizeit und nicht in Polen während des Zweiten Weltkriegs.

Ist der Rabbi mit seinem Vorschlag, die Juden sollten sich bewaffnen, nicht ein klein wenig hysterisch? »Es gibt ein echtes Problem mit islamischen Terroristen«, antwortet er. »Fox News hat neulich ein Video ausgestrahlt, auf dem Al-Qaida-Leute zu sehen sind, die mitten in Amerika bewaffnete Terroranschläge trainieren.« Und neben Flughäfen gehörten Synagogen nach Erkenntnissen der Behörden zu den bevorzugten Zielen. Ist das ein Wunder, wenn man sich die aggressiv antisemitische Ideologie der islamischen Fundamentalisten vor Augen führt?

Rabbi Bendory erinnert an den Terrorangriff von Mumbai 2008: Vier Gruppen von Amokläufern seien damals in die indische Stadt eingedrungen. Drei dieser Gruppen seien darauf gedrillt gewesen, in westliche Hotels zu gehen und dort wild um sich zu schießen. Und eine ganze Gruppe von Terroristen nahm sich das Chabad-Haus vor, die Synagoge, obwohl die jüdische Minderheit in Mumbai natürlich winzig war. »Hätten Rabbi Gavriel Holtzberg und seine Frau Rivkah überlebt, wenn sie Pistolen in der Hand gehabt hätten? Ich weiß es nicht«, sagt Bendory. »Aber sie hätten jedenfalls bessere Chancen gehabt.«

Paranoia Er wolle von der Wirklichkeit ja furchtbar gern Lügen gestraft werden, sagt der Rabbi dann noch. Wenn Leute ihm Übertreibung vorwerfen, hoffe er nur, dass sie die Realisten seien, nicht er. Im Zweifel sei ihm aber lieber, die Juden hätten Waffen und dann falle kein einziger Schuss, als wenn das Gegenteil eintreffe: unbewaffnete Juden, die nichts Böses sehen, nichts Böses hören – bis das Desaster sie trifft. Am Schluss erzählt der Rabbi noch: »Nach dem Terrorangriff vom 11. September hörte meine Frau auf, mich für paranoid zu halten. Und nach dem Terrorangriff von Mumbai drehte sie sich zu mir um und sagte: Du hast recht.«

http://jpfo.org

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