Der Red-Hot-Chili-Pepper Bassist Flea weint, als er von Hillel Slovak spricht. Seine Frau habe ihn gewarnt, »fang nicht wieder an zu heulen, sei nicht so emotional«, habe sie gesagt. Doch er kann er nicht anders.
»Er war mein Bruder«, wird Flea sich immer wieder zwischen Tränen und Glück erklären. Die Netflix-Dokumentation »The Rise Of The Red Hot Chili Peppers: Our Brother, Hillel« erzählt von der Werdung einer der erfolgreichsten Rockbands aller Zeiten und einem Mann, den heute kaum noch jemand kennt, aber ohne den es die Rocker möglicherweise gar nicht gäbe.
In seinem viel zu kurzen Leben hat Hillel Slovak dafür gesorgt, dass Flea Bassist wurde und dass Anthony Kiedis sich in einem warmen Zuhause ausruhen konnte, er hat Bands gegründet und verlassen, und die Musik vorangetrieben, von der er immer genau wusste, wie sie klingen sollte. Mit seinem einzigartigen Gitarrensound hat Slovak einen eigenen Stil geprägt, der die Band bis heute weiterträgt. Jahrzehnte über seinen Tod hinaus.
»Juden springen nicht«
Bis heute besucht Flea regelmäßig Slovaks Grab auf dem Mount Sinai Memorial Park Cemetery in den Hollywood Hills, so tief fühle er den Dank und die kosmische Verbindung des Sounds, die er mit ihm geteilt habe.
Das Dreiergespann hatte in der Schulzeit zusammengefunden. Wenn man aus so dysfunktionalen Familien stammt wie Flea und Kiedis, kann Freundschaft zum Substitut werden. Slovak wusste die überdrehten Jungs zu nehmen, sie zogen in den 70ern zusammen durch Los Angeles, machten mal mehr mal und mal weniger gefährlichen Unsinn und bestanden Mutproben gegen das öde Leben, dem sie unbedingt entkommen wollten.
Nur Slovak setzte manchmal Grenzen. Flea berichtet lachend davon, wie er »Juden springen nicht!« gesagt habe, als Flea und Kiedis sich immer wieder von einer besonders hohen Brücke ins Wasser stürzten.
In Slovaks Zuhause wartete Mutter Esther, eine alleinerziehende Künstlerin, die den jungen Rebellen Wärme und Geborgenheit anbot, die diese zuweilen verwundert annahmen. Auch Slovak zeichnete und malte. Mit diesen Bildern, Fotos, Amateurfilmen, Animationen sowie Interviews mit Freunden und Familie zeichnet die Doku den Weg nach, auf dem die Jungs, die die Musiker damals waren, voran stürmen. Wie sie fallen und wieder aufstehen, wie sie berühmt werden und wie der Ruhm und sicher auch persönliche Probleme schließlich Tribut fordern.
Slovak steht in der tragischen Reihe früh verstorbener Musikgrößen wie Jimi Hendrix, Jim Morrison oder Kurt Cobain. Der in Haifa geborene Sohn von Holocaustüberlebenden, die in die USA immigrierten, als er vier Jahre alt war, überlebte die Sucht nach harten Drogen nicht. Er wurde nur 26 Jahre alt.
Nach der Scheidung seiner Eltern wuchs Hillel Slovak bei der Mutter auf. Zu seiner Barmizwa schenkte sein Onkel ihm die erste Gitarre. Musik und Kunst füllten sein Leben, und die Freundschaft zu Anthony Kiedis und Michael Peter Balzary, wie Flea damals noch hieß. Die besondere Freundschaft findet im Film vor allem in ausführlichen Gesprächssequenzen Ausdruck.
Flea berichtet begeistert davon, wie Hillel nicht einfach Gitarre spielte, sondern in der Lage war, sein tiefstes Selbst damit auszudrücken. Hillel war es, der in Fleas wilder Energie musikalisches Talent sah und der ihm die Grundlagen des Bassspiels beibrachte.
Im narrativen Geflecht der filmischen Erzählungen wird Los Angeles als eigener Kosmos der Kunst und der Subkultur greifbar. Und dann ist er da, dieser magische Moment: Gary Allen – damals eine Ikone des Musik-Undergrounds – beschließt, eine improvisierte Session zu veranstalten mit Jack Irons am Schlagzeug, Flea am Bass, Hillel an der Gitarre und - erstmals - Kiedis am Mikrofon, nachdem Allen dessen poetisches Talent aufgefallen war.
Und Kiedis singt mit aller Wucht. Die unglaublich rohe Energie zwischen Funk und Punk und Performance versetzt das Publikum in Ekstase. Allen sah die musikalische Initiation zu etwas Neuem, Ungehörtem. Im Interview funkelt er geradezu vor Begeisterung, als er davon berichtet. Alles fügte sich. Das Fluidum der Freundschaft verwandelte sich in Sound.
Crossover aus Funk, Rock, Jazz und Unbeschreibbarem
Und der lässt sich nicht »schubladisieren«. Die ungebändigten Energien oszillieren im Genre des Crossover. Neben Funk, Punk und Rock ist auch Jazz ist zu hören, psychedelische und melodiöse Elemente, wie im frühen Hit »Behind the Sun«. Und immer wieder stechen Slovaks Spiel und Ideenreichtum hervor. 1984 erscheint das ersten Album »The Red Hot Chili Peppers«.
Es folgen das von der Funk-Legende George Clinton produzierte »Freaky Styley« (1985), »The Uplift Mofo Party Plan« (1987) und die EP »The Abbey Road« (1988). Slovaks Gitarrenspiel ist auch in dem Cover von Hendrix‘ »Fire« auf dem Album »Mother’s Milk« (1989) zu hören. Da war er bereits tot.
Regisseur Ben Feldman geht dem tragischen Abstieg nicht aus dem Weg. Dass der Drogenkonsum ein Teil der Subkultur war, ist die eine Seite der Geschichte. Das düstere Gegenstück ist der besonders exzessive Heroinkonsum. Während Kiedis überlebt, gerät Slovak immer tiefer in den selbstzerstörerischen Strudel der Sucht. Bilder und Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit bewegen sich am Rande des Mitteilbaren.
Man könnte es als konzeptuelle Schwachstelle sehen, dass Slovaks Stimme diese Texte mit Hilfe von AI vorträgt. Dabei wäre Stille und Schweigen so viel passender gewesen.
»My lovely Man«
Kiedis und Flea fällt es bis heute schwer, über Slovaks Tod zu sprechen. Auch John Frusciante, der noch als Teenager dessen Nachfolge an der Gitarre antrat, war sich der Tragik der von ihm zu füllenden Leerstelle von Anfang an bewusst und setzte sich in extremis mit Slovaks Stil auseinander – auch zum eigenen Schaden.
Manchmal lässt es an einen Dibbuk denken, wie sehr Slovak in der Musik der Chili Peppers weiterlebt, oder wenn Flea den Erzählfaden zur Genese des genialen Albums »Blood Sugar Sex Magic« (1991) spinnt, der in dem Song »My lovely Man« voll Trauer endet.
Aber es darf mit einem Lichtblick weitergehen: Freudestrahlend erzählt Flea davon, wie er eines Tages eine junge Frau an Slovaks Grab getroffen habe, die wohl geboren sei, als dieser längst nicht mehr lebte. Als er sie gefragt habe, warum sie hier sei, habe sie geantwortet: »Weil seine Musik mich berührt.«
»The Rise Of The Red Hot Chili Peppers: Our Brother, Hillel«, 1 Stunde 35 Minuten, exklusiv auf Netflix
