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Der Letzte seiner Art

Er hat den Country jüdisch gemacht. »Kinky« Friedman ist auf seiner Ranch in Texas gestorben

von Helmut Kuhn  08.07.2024 10:55 Uhr

Kinky Friedman passte in kein Genre – also hat er eines für sich selbst erfunden. Foto: IMAGO/TT

Er hat den Country jüdisch gemacht. »Kinky« Friedman ist auf seiner Ranch in Texas gestorben

von Helmut Kuhn  08.07.2024 10:55 Uhr

Macht und Hinterlassenschaft der Spezies »weißer alter Mann« abzuschaffen, ist ein Menschheitsunterfangen, das es uneingeschränkt zu unterstützen gilt. Außer im Falle von Kinky Friedman. Schließlich hat der vielleicht bekannteste texanische Jude der Welt bereits früh Einsicht gezeigt und gesungen: »I’m proud to be an asshole from El Paso.«

Natürlich ist die berühmte Zeile von ihm in Zusammenarbeit mit Billy Joe Shaver mit Vorsicht zu genießen, wie immer bei diesem Countrysänger, den man getrost als Agent Provocateur bezeichnen und in seinen Lyrics am ehesten noch mit seinen Zeitgenossen Frank Zappa oder Hunter S. Thompson vergleichen kann. Aber Richard Samet »Kinky« Friedman passt in kein Genre, es sei denn, er hätte eines für sich selbst erfunden – was er auch tat.

Leidenschaft für Musik und Schach – und ein Studium der Psychologie.

Schon seine frühen Countrysongs mit der Truppe »Kinky Friedman and the Texas Jewboys« hatten von Anfang an einen satirischen Anstrich, und sowohl als Sänger wie später auch als Autor, Politiker und Kultfigur machte er immer sofort klar, was ihn ausmachte: Texaner und Jude gleichzeitig zu sein. Niemals trat er ohne Stetson, Cowboystiefel und Zigarre auf, und es wird überliefert, er habe es verstanden, mit Bill Clinton und George W. Bush gleichzeitig befreundet zu sein.

Geboren wurde der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in Chicago, Illinois. Die Familie zog bald auf eine Ranch nach Texas. Friedman entwickelte früh eine Leidenschaft für Musik und Schach und studierte Psychologie an der University of Texas. Ein eher ungewöhnlicher Ausbildungsweg für einen Country-Sänger und Autor von rund 20 »Hard-Boiled«-Krimis à la Raymond Chandler mit dem rein fiktiven Helden »Kinky Friedman, früher Countrysänger, heute Detektiv«.

»Kinky« heißt sowohl »verdreht« als auch »pervers«

1971 gegründet, verknüpften er und die »Texas Jewboys« das Genre mit bissigen, zeitkritischen und humorvollen Texten. Ihr bekanntester Song ist längst ein Klassiker: »They Ain’t Makin’ Jews like Jesus anymore.« Den Beinamen »Kinky«, was sowohl »verdreht« als auch »pervers« heißen kann, erhielt Friedman einst in Anspielung auf seine Locken von dem Musiker Nick Changa. Dass er mit seinen Texten sowohl in der amerikanischen Gesellschaft als auch im Judentum gelegentlich aneckte, nahm Friedman gelassen. Über die antisemitischen Hasskommentare setzte er sich schweigend hinweg. Die Auszeichnung »Male Chauvinist Pig of the Year« der National Organization for Women 1974 konterte er entsprechend politisch unkorrekt mit einem Lied: »Yes, I’m the sexiest«.

Kinky Friedman behauptete wohl zu Recht, »der einzige Vollblutjude« gewesen zu sein, der jemals in der legendären Radioshow Grand Ole Opry in Nashville auftrat. Er tourte mit Bob Dylan, Nelson Mandela hört seine Musik in der Haft, und er kiffte mit Willie Nelson. Friedman avancierte so eigenwillig wie unbescheiden zum bunten Hund, und als der Country in die Krise kam, schrieb der »Kinkster« deftige Krimis über sein Alter Ego im New Yorker Greenwich Village mit Titeln wie Elvis, Jesus and Coca-Cola oder Sachbücher wie What Would Kinky Do? How to Unscrew a Screwed Up World.

Seinen palästinensischen Friseur würde er zum texanischen Botschafter in Israel ernennen.

Und ähnlich wie Hunter S. Thompson, der sich in Texas als Sheriff bewarb, und Frank Zappa, der als US-Präsident kandidierte, entdeckte auch Friedman seine Leidenschaft für die Politik und trat 2006 bei der Wahl zum texanischen Gouverneur an. »Vote Kinky« stand bei seinen Auftritten auf Plakaten sowie auf der Motorhaube eines dunklen Flitzers. Seine Positionen waren durchaus gemischt: Katzen sollte man nicht die Krallen amputieren, Cannabis und die homosexuelle Ehe müssten legalisiert werden, und seinen palästinensischen Friseur würde er zum texanischen Botschafter in Israel ernennen. Dieser solle Oliven anbauen und mit dem Gewinn israelischen wie palästinensischen Kindern helfen. Immerhin kam er auf knapp 13 Prozent der Wählerstimmen.

Ranch für misshandelte Tiere

Im Anschluss an seine Politikerkarriere fand er zurück zur Musik. 2018 und 2019 veröffentlichte er die Alben Circus of Life und Resurrection. Dabei ist seine Musik nicht nur Verballhornung, sie spiegelt auch eine sanfte Melancholie und Verletzlichkeit, wie sie streitbaren Haudegen manchmal zu eigen ist. Zuletzt teilte Friedman sein Leben zwischen New York und seiner Ranch bei Medina in Texas auf, wo sich der Katzenliebhaber mit seiner Organisation »Utopia Animal Rescue Ranch« um alte und misshandelte Tiere und später auch Kinder gefallener Soldaten kümmerte.

Friedman litt unter Parkinson und fehlte im vergangenen Jahr bei der Gala zum 90. Geburtstag seines Freundes Willie Nelson. Am vergangenen Donnerstag starb er mit 79 Jahren auf seiner Ranch im Kreise von Familie und Freunden. Sein letztes Album, The Poet of Motel 6, muss posthum erscheinen. Juden wie er werden heute definitiv nicht mehr gemacht.

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