Nachruf

»Der Konsensschaffer«

Nelson Mandela (1918–2013) Foto: Reuters

Nelson Mandela ist tot. Der Anti-Apartheid-Kämpfer und frühere südafrikanische Präsident starb am Donnerstagabend in Johannesburg im Alter von 95 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. »Er hatte immer eine enge Beziehung zu den Juden des Landes«, sagt Mervyn Smith, der Vorsitzende des Afrikanischen Jüdischen Kongresses.

»Während seines Gerichtsprozesses von 1956 bis 1961 und auch danach wurde er von mehreren jüdischen Anwälten verteidigt. Und nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis traf er sich häufig mit der Führung der jüdischen Gemeinschaft.« Er habe viele südafrikanische Juden zu seinen Freunden gezählt. »Die jüdische Gemeinde hat ihn bewundert und verehrt.«

Jüdische Erinnerungen an Nelson Mandela lautet der Titel eines Buches, welches das South African Jewish Board of Deputies (SAJBD) vergangenes Jahr herausgebracht hat. Damals und auch heute, nach dem Tod der Anti-Apartheid-Ikone, will das Board an Mandela und seine enge Bindung zur jüdischen Gemeinde in Südafrika erinnern. Die Freiheitsaktivistin Helen Suzman und Minister Joe Slovo waren nur zwei der vielen Juden, die Mandela auf seinem Lebensweg begleiteten.

Anwalt Um vor einer arrangierten Hochzeit zu fliehen, war Mandela 1941 vom Land in die Großstadt Johannesburg gezogen. Hier lernte er seinen späteren Parteikollegen und Mitstreiter Walter Sisulu kennen. Sisulu stellte Mandela einem jüdischen Anwalt vor, in dessen Kanzlei »Witkin, Sidelsky and Eidelman« er seinen ersten Job als Rechtsanwalt fand.

»Nelson Mandela hatte eine sehr lange und enge Beziehung zur jüdischen Bevölkerung«, sagt auch Gavin Morris, der Direktor des Jüdischen Museums in Kapstadt. Er denkt mit Stolz daran zurück, wie Mandela im Jahr 2000 persönlich das Museum eröffnete. Zudem erinnert er daran, dass eine »unverhältnismäßig große Zahl« weißer Anti-Apartheid-Aktivisten jüdischer Herkunft war. Eine von ihnen war Helen Suzman, die sich als einzige Frau im Parlament für das Wahlrecht für Schwarze und für die Legalisierung des African National Congress (ANC) einsetzte.

Später sollte die Solidarität zwischen Juden und schwarzen Widerstandskämpfern schwer bestraft werden: In den frühen Morgenstunden des 1. Juli 1990 beschmierten Rechtsextremisten eine Synagoge in Johannesburg und bewarfen sie mit Sprengkörpern.

Nachbar 1990, in den letzten Monaten des Apartheid-Regimes, kam Nelson Mandela frei. Zwei Jahre später wurden Gesetze abgeschafft, die schwarze Südafrikaner aus den Städten verbannten. Umgehend zog Mandela nach Houghton, einen Vorort von Johannesburg, in dem viele Juden leben. Der jüdische Parlamentarier Tony Leon begrüßte seinen neuen Nachbarn mit einem Schokoladenkuchen.

Begegnungen mit der jüdischen Bevölkerung durchzogen Mandelas ganzes Leben. Einen Tag, nachdem Mandela 1994 zum Präsidenten gewählt worden war, besuchte er in Kapstadt einen Schabbatgottesdienst. Zwei Jahre später erhielt er einen Brief von Craig Joseph. Der jüdische Junge lud den Präsidenten zu seiner Barmizwa ein. Craigs Eltern schmunzelten über die Aktion – doch staunten sie, als der Präsident tatsächlich kam. »Die Magie, die den Raum erfüllte, war unbeschreiblich. Weder ich noch meine Familie konnten glauben, dass Nelson Mandela vor uns stand«, so Craig später.

Arafat Doch es gab auch Momente, in denen die Juden des Landes Mandela kritisierten: zum Beispiel, als er den Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Yassir Arafat, umarmte oder Israel als »Terrorstaat« bezeichnete. David Jacobson, der Direktor des SAJBD, machte darauf aufmerksam, dass die anti-israelische Lobby im Land dem früheren Präsidenten einige fragwürdige Zitate untergeschoben hat. »Die langen Beziehungen des ANC zur PLO sind verständlich angesichts der jahrzehntelangen Kameradschaft«, räumt Jacobson ein. Während Mandela den Kontakt zur PLO aufrechterhielt, habe er sich jedoch immer bemüht, der jüdischen Gemeinde Anerkennung und Schutz zukommen zu lassen.

In Erinnerung bleibt den Juden im Land Mandelas ideelles Wirken: Nach fast drei Jahrzehnten politischer Haft suchte der neue Präsident keine Rache, sondern Versöhnung. »Mandela war ein großer Konsensschaffer«, sagt Museumsdirektor Morris. »In unserem Haus lehren wir Schulklassen, dass alle Religionen denselben Kern haben, dieselbe moralische Basis und dieselben Werte. Mandela hat dies verstanden und die Ähnlichkeiten und gemeinsamen Beweggründe religiöser Gruppen immer betont.«

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Großbritannien

»Roo the Jew«: Wayne Rooney enthüllt jüdische Wurzeln

Der frühere englische Fußballstar Wayne Rooney (40) hat in einer TV-Doku enthüllt, dass seine Großmutter mütterlicherseits jüdisch war

 24.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  23.09.2026

Buenos Aires

Argentinien: Richter ordnet Prozess wegen Terroranschlags von 1994 an

Über 32 Jahre ist es her, dass Terroristen einen Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires verübten. 85 Menschen wurden ermordet. Nun entschied ein Richter, den Prozess gegen die Verdächtigen zu eröffnen

 22.09.2026

Kanada

Schüsse vor Synagoge: Polizist und mutmaßlicher Angreifer schwer verletzt

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, während sich rund 25 Menschen in der Sons of Jacob Synagogue zum Jom Kippur versammelt hatten

 22.09.2026

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026