USA

Der geborene Diplomat

Außenminister Antony Blinken ist seit 100 Tagen im Amt – und durchaus offen für Unkonventionelles

von Katja Ridderbusch  08.05.2021 22:05 Uhr

Erklärt Grobi aus der »Sesamstraße«, was Flüchtlinge sind: der heutige US-Außenminister Antony Blinken 2016 in einem Video Foto: imago/ZUMA Press

Außenminister Antony Blinken ist seit 100 Tagen im Amt – und durchaus offen für Unkonventionelles

von Katja Ridderbusch  08.05.2021 22:05 Uhr

Nachdem die Nachrichtenagenturen Ende November 2020 vermeldet hatten, dass der gewählte US-Präsident Joe Biden seinen langjährigen Vertrauten Antony Blinken für das Amt des Außenministers nominieren würde, kursierte in den sozialen Medien ein Video aus dem Jahr 2016, produziert von der Sesamstraße.

Darin erklärt Blinken, damals Vizechef des State Department, dem blauen, pelzigen und stets etwas tollpatschigen Sesamstraßen-Bewohner Grobi, was Flüchtlinge sind. »Alle möglichen Leute sind Flüchtlinge, und obwohl sie aus verschiedenen Orten kommen, sind sie wie du und ich«, sagt Blinken. »Wie meine Freunde aus der Sesamstraße«, ergänzt Grobi. Darauf Blinken: »Genau. Und wir können alle etwas voneinander lernen.«

vielfalt Mittlerweile ist Antony – genannt Tony – Blinken 100 Tage im Amt. Das Gespräch mit Grobi, wenngleich einige Jahre her, wirft ein spielerisches, aber durchaus treffendes Schlaglicht auf Stil, Politik und Rezeption des neuen US-Außenministers. Blinken steht für Vielfalt und Multilateralismus statt »America First«, für einen höflichen und gelassenen Ton statt bulliges Pöbeln. Kurz: Blinken erscheint wie die lebende Antithese zur Trump-Administration.

Blinken (59) ist eines von derzeit elf jüdischen Mitgliedern im Kabinett von Joe Biden und der zweite jüdische Außenminister der USA nach Henry Kissinger. »Allein die Tatsache, dass eine derart große Zahl von jüdischen Kabinettsmitgliedern in den USA nicht als eine riesige Nachricht gehandelt wird, ist schon bemerkenswert«, findet Geoffrey Levin, Professor für Jüdische Studien an der Emory-Universität in Atlanta.

Er steht für Vielfalt und Multilateralismus statt »America First«.

Blinkens politische Karriere verlief ebenso geradlinig wie lehrbuchhaft und auch nicht ohne gelegentliche Kontroversen. Er studierte Sozialwissenschaften an der Harvard University in Boston und Rechtswissenschaften an der Columbia University in New York.

stabschef Unter dem ehemaligen Präsidenten Bill Clinton arbeitete er im State Department und im Nationalen Sicherheitsrat. Während der Amtszeit von Clintons Nachfolger George W. Bush war Blinken als Stabschef im Außenpolitischen Ausschuss des Senats tätig. Dessen Vorsitzender war zu jener Zeit Joe Biden, die beiden arbeiteten eng zusammen.

Im Jahr 2003 entwarfen Biden und Blinken gemeinsam eine Erklärung zur Unterstützung des Kriegs im Irak. Blinken bezeichnete die Zustimmung des Senats für den Waffengang damals als »ein Votum für harte Diplomatie«. Eine Entscheidung und ein Statement, die Blinken später noch oft bereut hat.

Im Jahr 2008 unterstützte Blinken Biden als außenpolitischer Berater bei dessen Präsidentschaftswahlkampf. Biden gewann damals zwar nicht die Nominierung, wurde aber Running Mate, Vizepräsidentschaftskandidat, von Barack Obama.

obama-biden-administration Mit dem Antritt der Obama-Biden-Administration wurde Blinken nationaler Sicherheitsberater des Vizepräsidenten und war maßgeblich an der Erarbeitung der außenpolitischen Strategien in Afghanistan, in Pakistan und später in Syrien beteiligt. 2014 wurde er stellvertretender Außenminister. Er gilt als einer der Architekten des Atomabkommens mit dem Iran aus dem Jahr 2015.

Blinken hat sich immer wieder selbstkritisch zur Außenpolitik der Obama-Jahre geäußert, zur zögerlichen Syrien-Politik zum Beispiel, wo Obama imaginäre rote Linien zog. »Wir sind gescheitert«, sagte Blinken.

Nach dem Ende der Obama-Administration wechselte Blinken für einige Jahre in die Privatwirtschaft, gründete mit ehemaligen Weggefährten die politische Beratungsfirma WestExec Advisors. Zu den Kunden zählen Bank of America, Facebook, Uber und Boeing. Blinken hat sich mittlerweile aus der Firma zurückgezogen. Zuvor hatte ein Artikel in der »New York Times« im Dezember Fragen über mögliche Interessenkonflikte aufgeworfen.

LEBENSLAUF Blinkens Biografie ist die eines interkulturell breit aufgestellten Globetrotters. Geboren wurde er in der Stadt Yonkers unweit von New York City. Er stammt aus einer prominenten jüdischen Diplomaten- und Intellektuellenfamilie. Sein Vater Donald Blinken, ein Investmentbanker, diente unter Bill Clinton als US-Botschafter in Ungarn.
Sein Großvater Meir Blinken war ein renommierter jiddischer Buchautor.

Blinken lebte als Kind einige Jahre bei seiner Mutter und ihrem zweiten Mann in Paris. Später arbeitete er auch für kurze Zeit als Anwalt in der französischen Hauptstadt. Blinkens Stiefvater war Samuel Pisar, ein in Polen geborener Jurist und Schoa-Überlebender mit einer schillernden Biografie.

Pisar beriet mehrere hochrangige Politiker und Geschäftsleute in Europa und den USA, unter anderem auch Präsident John F. Kennedy, arbeitete bei den Vereinten Nationen, schrieb ein Libretto im Auftrag des legendären Komponisten Leonard Bernstein, und seine Memoiren Das Blut der Hoffnung wurden zum Bestseller.

amerika-bild Immer wieder erzählt Blinken eine Geschichte aus der Vergangenheit des Stiefvaters. Pisar war gegen Ende des Holocaust als Jugendlicher auf einem der Todesmärsche entkommen und stieß bei seiner Flucht auf einen Panzer der US-Armee. »Er ging auf die Knie und sagte die einzigen drei englischen Worte, die seine Mutter ihm beigebracht hatte: God bless America.« Die Soldaten hoben den Jungen in den Panzer – »in die Freiheit, nach Amerika«, sagt Blinken. Diese Geschichte habe sein eigenes Amerika-Bild tief geprägt, was es bedeuten könne, »wenn die USA eingreifen, sich engagieren, eine positive Führungsrolle übernehmen«.

Privat lebt der weltläufige Chefdiplomat in einer interreligiösen Beziehung. Seine Frau Evan Ryan ist katholisch, das Paar heiratete im Jahr 2002 in einer Zeremonie in Washington D.C., bei der ein Rabbiner und ein Priester anwesend waren. Die beiden haben zwei Kinder. In seiner eng bemessenen Freizeit spielt Blinken Rockgitarre, und unter dem Namen ABlinken hat er mehrere Songs auf der Streaming-Plattform Spotify veröffentlicht.

Vieles an Blinken ist bemerkenswert unumstritten – er ist unumstritten kompetent und souverän, dabei aber nicht provokant oder überheblich; unumstritten interessant, aber nicht exzentrisch; unumstritten gut aussehend, ohne zu glamourös daherzukommen. Und er trägt das kreative und moralische Gütesiegel eines Besuchers in der Sesamstraße.

Nominierung Der Senat, wo Demokraten und Republikaner zahlenmäßig gleichauf liegen, bestätigte Blinkens Nominierung zum Außenamtschef mit 78 gegen 22 Stimmen. Zum Vergleich: Trumps Kandidaten für das State Department, Rex Tillerson und Mike Pompeo, nahmen die Hürde im Senat mit 56 zu 43 beziehungsweise 57 zu 42 Stimmen.

Blinken will das angeschlagene Ansehen der USA reparieren, die Rolle Amerikas wieder stärken. Die Biden-Administration kehre bescheiden, aber selbstsicher auf die internationale Bühne zurück, betont Blinken. »Wir können die Probleme der Welt nicht allein lösen, wir müssen mit anderen Ländern zusammenarbeiten.« Aber er sagt auch Dinge wie: »Amerikanische Führung zählt.« Dem können selbst Republikaner schwer widersprechen.

Allerdings sei Blinken unter vielen Amerikanern noch immer ein weitgehend Unbekannter, sagt Jewish-Studies-Professor Levin. »Das heißt auch: Er ist keine polarisierende Figur, und das ist durchaus eine gute Sache.«

absichten Das könnte sich ändern, wenn der freundliche Herr Blinken politische Kante zeigt – und er hat alle Absichten, das zu tun. Einen Vorgeschmack davon bekamen chinesische Diplomaten, mit denen er sich vor Kurzem traf. Er warf der Regierung in Peking vor, »Ordnung und Stabilität« in der Welt zu gefährden, verurteilte die Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Uiguren, den wachsenden Druck auf Hongkong und Cyberangriffe auf die USA. Einen ähnlich scharfen Ton schlug Blinken gegenüber Russland an.

Die Nahost-Politik ist für Blinken auch ein persönliches Anliegen, doch selbst unter jüdischen Amerikanern ebenso wie in Israel sei Blinken bislang ein »Politiker ohne allzu scharfes Profil, zumindest in der breiteren Öffentlichkeit«, sagt Levin.

Die jüdische Gemeinschaft in den USA wählt traditionell demokratisch. Laut einer Umfrage der linksliberalen Lobby-Organisation JStreet stimmten im vergangenen November 77 Prozent der amerikanischen Juden für Biden und 21 Prozent für Trump. Die Mehrheit dürfte deshalb kaum Einwände gegen einen langjährigen Vertrauten des Präsidenten haben, betont Levin.

Israel In Israel hat sich Blinken bei seiner Arbeit hinter den Kulissen in den vergangenen Jahren den Respekt vieler Politiker und Diplomaten erworben, selbst dann, wenn es politische Differenzen gab. Der konservative Historiker, Buchautor und ehemalige israelische Botschafter in den USA, Michael Oren, pries Blinkens »herausragende Intelligenz und Wärme«.

Seine politische Karriere verlief geradlinig – doch nicht ohne Kontroversen.

In der Nahostpolitik ist Blinken ein Mann der Mitte, seine Politik ist pragmatischer und teilweise härter als die vieler demokratischer Parteifreunde. So wies er die Forderung des linken Parteiflügels unter Bernie Sanders zurück, Militär- und Finanzhilfe für Israel an politische Entscheidungen der israelischen Regierung – in kontroversen Fragen wie dem Siedlungsbau beispielsweise – zu knüpfen. Die Biden-Administration werde Israel außerdem im UN-Sicherheitsrat künftig stärker stützen, betonte Blinken.

Einige umstrittene außenpolitische Initiativen der Trump-Ära, wie die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, will die Biden-Administration nicht rückgängig machen. Ferner lobte Blinken die Abraham-Ankommen, die unter Trump ausgehandelten Friedensverträge zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Bahrain.

atomabkommen Allerdings will die Biden-Regierung das Atomabkommen mit dem Iran, aus dem Trump 2018 ausgetreten war, wiederbeleben. Zwar versicherte Blinken, es werde noch eine ganze Weile dauern, bis die USA dem Abkommen wieder beiträten; außerdem strebe Washington »einen robusteren und langfristigeren« Vertrag an und plane bis dahin, »nicht-nukleare Sanktionen« gegen den Iran aufrechtzuerhalten.

Während knapp die Hälfte der jüdischen Amerikaner das Atomabkommen mit dem Iran befürwortet, überwiegt in Israel die Skepsis – gegenüber dem Abkommen selbst ebenso wie gegenüber Blinkens Versicherung, die Verhandlungen würden sich noch lange hinziehen.

»Im letzten Monat haben sich die Dinge jedenfalls ziemlich schnell entwickelt«, sagt Nahost-Experte Levin. Im April fanden in Wien Gespräche zwischen dem Iran und den europäischen Vertragspartnern statt, in die die amerikanische Delegation indirekt eingebunden war – bislang jedoch ohne greifbare Ergebnisse.

chemie Neben vielen Kontinuitätslinien zur Nahost-Politik der Obama-Administration gebe es einen entscheidenden Unterschied, betont Levin. Obama und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu verabscheuten einander so sehr, dass sich die persönliche Antipathie auf die Politik niederschlug. »Biden und Blinken sind zwar aus Netanjahus Sicht nicht perfekt, aber die Chemie passt deutlich besser als bei Obama und seinem Team«, sagt Levin.

Und Blinken werde eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der Nahost-Politik spielen – »weil er versteht, wie wichtig das Verhältnis zwischen Israel und den amerikanischen Juden ist«.

Und falls die konventionellen Mittel der Diplomatie scheitern, bleibt immer noch ein Besuch in der Sesamstraße.

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