Costa Rica

Der Enkel des ersten Mohels

Das Protokoll lässt Luis Liberman Ginsburg (63) auch am Vortag seiner Amtseinführung als Vizepräsident von Costa Rica wenig Zeit. Treffen mit Kabinettskollegen und Amtsvorgängern, Gespräche mit Staatsgästen aus dem Ausland: Der spanische Thronfolger, Prinz Felipe, ist in die zentralamerikanische Republik gereist ebenso der georgische Staatschef Micheil Saakaschwili sowie seine Amtskollegen aus Mexiko und Honduras, Felipe Calderón und Porfirio Lobo.

Aber trotz des dicht gedrängten Kalenders und der neuen Verpflichtungen nimmt sich Luis Liberman Zeit. Wie an fast allen Freitagabenden besucht er den Schabbatgottesdienst in der Shaarei-Tzion-Synagoge. Vergangenen Samstag legte das Mitglied des orthodoxen Centro Israelita Sionista in der Hauptstadt San José den Amtseid des Vizepräsidenten ab.

Libermans Chefin, Präsidentin Laura Chinchilla Miranda (51), ist die erste Frau im höchsten Staatsamt und wie er Mitglied der sozialdemokratischen Partei der Nationalen Befreiung (PLN). »Ich habe gern akzeptiert, mich mit ihr zusammen um die Führung des Landes zu bewerben«, erzählt Liberman. Für die nächsten vier Jahre hat er klare Ziele vor Augen. Wenn im Mai 2014 sein Amt als Vizepräsident von Costa Rica zuende geht, möchte er die Zahl der Arbeitslosen auf mindestens fünf Prozent gesenkt und die wirtschaftliche Situation des Landes stabilisiert haben.

Als einer der beiden stellvertretenden Staatspräsidenten des lateinamerikanischen Landes ist Liberman für ökonomische Fragen zuständig. »Wir müssen die Wirtschaft ankurbeln«, sagt er. Dafür will er durch gezielte staatliche Investitionsanreize Bauunternehmer stimulieren, Wohnhäuser und den Straßenbau zu fördern. Gleichzeitig sollen in der Landwirtschaft und im Tourismussektor neue Arbeitsplätze geschaffen werden. »Das Land braucht eine sozial gerechte und wirtschaftliche konsolidierte Politik, die sich am Menschen orientiert.«

koscherer haushalt Soziale Verantwortung, betont der frühere Banker, sei ihm wichtig. Libermans Vater stammt aus Polen, die Familie floh vor der Schoa, sein Großvater war der erste Mohel Costa Ricas. Der Vizepräsident ist verheiratet, Vater von einem Sohn und einer Tochter. Seine Kinder wurden in der Schule der jüdischen Gemeinde erzogen. »Mein Glaube ist mir wichtig«, sagt der 63-jährige Wirtschaftswissenschaftler. »Ich lebe in einem koscheren Haushalt, unsere Familie ist traditionell orthodox.«

Liberman hat in Costa Rica und den USA Wirtschaftswissenschaften studiert, war Ökonomieprofessor und später Mitarbeiter der Weltbank. Von 1974 bis 1978 bekleidete er schon einmal das Amt des Vizepräsidenten und fungierte als Finanzminister. Gemeinsam mit Geschäftsfreunden gründete er die Banco Interfin, die inzwischen von einer kanadischen Großbank übernommen wurde und für die er bis zu seiner Rückkehr in die Politik die Geschäfte geführt hat.

staatsämter Die Juden Costa Ricas sind eine kleine Gemeinde von rund 3.000 Mitgliedern. Die meisten sind orthodox, ein kleiner Teil ist liberal und konservativ orientiert. »Juden in führenden Staatsämtern sind bei uns keine Seltenheit«, sagt Salomón Aizenman, der Präsident des Israelitisch-Zionistischen Zentrums. Von 2002 bis 2006 war Luis Fishman von der konservativen Unidad Social Cristiana Vizepräsident, er sitzt jetzt für die Opposition im Parlament. Und Rebecca Grynspan, die heute Verwaltungschefin des UN-Entwicklungsprogramms ist, bekleidete das zweithöchste Staatsamt zwischen 1994 und 1998.

»Wir sind zwar eine kleine Gruppe«, sagt Luis Liberman, »aber seit in den 70er-Jahren zum ersten Mal eine Jüdin Gesundheitsministerin wurde, haben sich viele Juden politisch engagiert. Aber niemand wählt uns oder verweigert uns die Stimme, nur weil wir Juden sind.«

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