Österreich

Der Dienstälteste

Kommen Sie rein, das Tor ist offen.» Mit einladender Geste bittet der kleine, drahtige Mann seine Gäste einzutreten. Er drückt den Türöffner für das Gartentor und führt in sein Reich: die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Marko Feingold ist seit 1979 ihr Präsident. Diese Woche feiert er seinen 100. Geburtstag. Aufrechter Gang, gerade Haltung, kräftige Stimme, wacher Geist. Den Mann mit dem grauen Bärtchen und den Lachfalten um die Augen würde man auf knapp 70 schätzen. «Ich bin heute allein. Meine Frau führt gerade Besucher über unseren Friedhof, sie kommt später», sagt er. «Wir machen hier alles selbst. Es ist ja sonst niemand da.»

Die Mozartstadt ist Feingold zur Heimat geworden – aus Zufall, wie so vieles in seinem Leben offenbar zufällig passiert ist. Im Sommer 1945 stieg er in Salzburg aus einem Bus, der österreichische Juden aus dem KZ Buchenwald nach Hause brachte. Er ist geblieben, hat sich hier ein Leben aufgebaut. Heute steht er wie kein anderer für die jüdische Gemeinde in der Stadt, ist weit über die Grenzen des Bundeslandes bekannt und geachtet. Erzbischof Alois Kothgasser begrüßt ihn bei Treffen als seinen «jüngeren Bruder». Die beiden schätzen einander. Stadt und Bundesland ehrten ihn zu seinem Geburtstag mit einem großen Festakt in der Salzburger Residenz.

Studium Salzburgs jüdische Gemeinde ist klein. «Offiziell sind wir 70 Leute», sagt Feingold, der als liberal gilt und von sich selbst sagt, nicht sonderlich religiös zu sein. Der Gemeinde fehlt der Nachwuchs. Die Jungen sind in den 70er-Jahren zum Studium weggegangen und kamen nicht zurück. «Ich bin gezwungen, hier zu sitzen», scherzt Feingold. «Das hat’s noch nie gegeben, dass jemand so lange Präsident ist. Aber wir haben niemanden, der’s sonst machen könnte.»

Feiner Humor ist einer der Wesenszüge dieses Mannes, der vier Konzentrationslager überlebt hat. Er war in Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald, ehe er 1945 befreit wurde. Die Erinnerung wachzuhalten, versteht er als Lebensaufgabe. Nach wie vor ist er in Österreich und Bayern als Zeitzeuge unterwegs. Zwei, drei Stunden redet er jedes Mal. «In vielen Schulen haben sie Videos von mir gedreht, aber sie wollen trotzdem, dass ich selbst komme», erzählt er. «Ich sehe mich verpflichtet, weiterzumachen, solange es geht.»

Es ist auch Pflichtbewusstsein, das ihn antreibt. Stets an seiner Seite: seine zweite Frau Hanna. Rund 6000 Schulen hat Marko Feingold bisher besucht, kein Vortrag gleicht dem anderen. Er erzählt aus dem Stegreif, seine Erinnerungen sprudeln nur so: Daten und Fakten, Jahreszahlen und Namen – alles hat er im Kopf.

Geschwister Geboren wurde Marko Feingold am 28. Mai 1913 in Neusohl, dem heutigen Banská Bystrica in der Slowakei. Er wuchs in Wien auf, wo er nach der Schule eine Lehre zum kaufmännischen Angestellten machte. Die Zeit, als er und sein älterer Bruder Ernst in Italien als Vertreter arbeiteten, nennt er «die fettesten Jahre meines Lebens». Doch die gute Zeit fand ein Ende, als die Nazis 1938 die Macht übernahmen. Die Feingold-Brüder wurden verhaftet, Marko überlebte als Einziger von vier Geschwistern.

Manchmal wird er gefragt, warum er nach dem Krieg nicht nach Amerika oder Israel auswanderte. «Mein Boden ist Österreich, ich gehöre hierher», sagt er dann. In Salzburg wurde er unmittelbar nach seiner Ankunft Leiter der Versorgungsstelle für politisch Verfolgte. «Wir haben täglich 500 Personen Essen gegeben», erzählt er. Über die Untergrundorganisation Bricha half er nach 1945 Tausenden Juden bei der illegalen Auswanderung nach Palästina. Gemeinsam mit anderen organisierte er die Flucht über die Alpen.

Was wünscht er sich zum 100. Geburtstag? «Dass ich gesund bleibe und noch ein bisschen so weitermachen kann», sagt Marko Feingold. Das Geheimnis seines hohen Alters sei eine spezielle Diät: «I friss alles, i sauf alles – nur nicht zu viel», scherzt er. Geschenke will er keine: «Wer 100 Jahre alt ist und noch nicht alles hat, der braucht es auch nicht.» Lieber sind ihm Spenden für drei Institutionen, die er unterstützen möchte: das Zentrum für jüdische Kulturgeschichte an der Uni Salzburg, das jüdische Kulturzentrum Salzburg und den Jüdischen Nationalfonds KKL.

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