Religiöse Fußballfans

Der Bildschirm bleibt schwarz

EM-Poster vor einem Restaurant Foto: dpa

»Der Fernseher bleibt aus. Wir schalten ihn erst wieder am Montagabend an, um nachzuholen, was wir verpasst haben.« Der Oberrabbiner von Bordeaux, Emmanuel Valency, fasst zusammen, was observante Juden während der ersten Tage der Fußball-Europameisterschaft erwartet. Das Eröffnungsspiel Frankreich gegen Rumänien im Pariser Stade de France beginnt kurz vor Schabbateingang. Wenn der wöchentliche Feiertag dann zu Ende ist, fängt sofort Schawuot an, das zweitägige Wochenfest. Insgesamt finden während der Feiertage zehn Spiele statt. Fromme Juden können sie weder im Stadion verfolgen noch live im Fernsehen.

Beter Für Valency gibt es keinen Zweifel daran, was im Vordergrund stehen muss: »Natürlich sind die Feiertage wichtiger als die Fußball-EM. Man muss in die Synagoge gehen!« Der Rabbiner räumt allerdings ein, dass diesmal an Schawuot vermutlich weniger Beter kommen werden als in anderen Jahren, denn »jeder kann von seiner persönlichen Freiheit Gebrauch machen«.

Auch Richard Wertenschlag, der Oberrabbiner von Lyon, unterstreicht, dass die Euro 2016 keinerlei Einfluss auf das religiöse Leben haben sollte: »Auch als eingefleischter Fußballfan muss man den Geist der Feiertage hochhalten. Schawuot zählt zu den wichtigsten jüdischen Feiertagen. Wir müssen erneut erleben, wie wir die Zehn Gebote erhalten haben.«

In Bordeaux und Lyon finden in den nächsten Wochen mehrere Spiele statt. So tritt am Samstag in Bordeaux Wales gegen die Slowakei an, und am 14. Juni spielt Österreich gegen Ungarn. In Lyon begegnen sich am 13. Juni Belgien und Italien, und drei Tage später spielt Nordirland gegen die Ukraine. Am 6. Juli findet dort außerdem eines der Halbfinalspiele statt.

Ihre Gemeinden planen zur Euro 2016 keine besonderen Veranstaltungen, erklären beide Rabbiner. »Jüdische Fußballfans werden einfach die bestehende öffentliche Infrastruktur nutzen«, meint Valency. Die zentralen Plätze beider Städte sind für die EM in riesige Fanzonen verwandelt worden. Die Rabbiner sind überzeugt, dass auch Juden dieses Angebot nutzen werden, zumal sehr strenge Sicherheitsvorkehrungen gelten.

Maccabi Mit einem Ansturm ausländischer jüdischer Touristen, die speziell wegen der Euro nach Frankreich kommen, rechnet keine Gemeinde. »Ich habe nichts davon gehört, dass Juden aus anderen Ländern organisiert anreisen«, meint Richard Wertenschlag. Selbst der jüdische Sportverband Maccabi weicht während der EM nicht von seinem üblichen Programm ab. Wie gewohnt finden zu dieser Jahreszeit Fußballturniere für Kinder und Jugendliche statt.

Insgesamt scheint es kaum Berührungspunkte zwischen der Euro 2016 und dem religiösen Leben der französischen Juden zu geben. Einer, der sich in diesem Thema auskennt, ist Georges Haddad, der Präsident von Maccabi Frankreich: »Streng religiöse Juden werden in die Synagoge gehen. Sport interessiert sie generell kaum. Aber liberalere Juden werden wohl eine Ausnahme machen und sich die Spiele trotz der Festtage ansehen.«

Sicher findet so mancher einen Trick, wie sich Jüdischkeit und Fußball verbinden lassen, vermutet Haddad. Er glaubt, dass einige nach dem Gottesdienst in einem türkischen Café nahe der Synagoge vorbeischauen werden, um sich den Spielstand auf Großleinwand anzusehen – während zu Hause der Bildschirm schwarz bleibt.

New York

Resiliente Einhörner

Während Bürgermeister Zohran Mamdani gegen Premier Benjamin Netanjahu wettert, bekommen israelische Start-ups ein neues Zuhause

von Sophie Albers Ben Chamo  29.07.2026

Toronto

Solidarität nach Angriffen: Lange Schlangen vor jüdischen Bagel-Läden

Nach Angriffen auf zwei Filialen der jüdischen Bäckereikette Kiva’s Bagel Bar kaufen Bewohner dort ein. Zeitgleich feuerte ein Unbekannter Schüsse auf das US-Konsulat ab

 29.07.2026

Jerusalem

Frühere Staatschefinnen fordern Strafen für israelische Siedler

Die frühere Präsidentin Irlands, Mary Robinson, und die frühere Premierministerin Neuseelands, Helen Clark, forderten unter anderem ein Verbot des Handels mit Waren illegaler Siedlungen

 29.07.2026

Judenhass

Antisemitismus weltweit auf Höchststand

Die Untersuchung erfasst die sieben Länder mit den größten jüdischen Bevölkerungen außerhalb Israels, darunter Deutschland

 29.07.2026

Griechenland

Israelische Touristen auf Kreta von israelfeindlichem Mob attackiert

Auf der Insel Kreta soll eine Gruppe israelischer Touristen mit Flaschen und einem Luftgewehr angegriffen worden sein

 28.07.2026

USA

Comedy mit Kriegsbemalung

In ihrer Heimat ist das Stand-up-Naturtalent Iliza Shlesinger gerade auf Tour. Für den Rest gibt es Netflix

von Sarah Thalia Pines  28.07.2026

Toronto

Schüsse auf jüdische Bäckerei – Polizei ermittelt wegen möglicher Hasskriminalität

Innerhalb von 20 Minuten werden in der kanadischen Metropole zwei Anschläge auf die Bäckereikette Kiva’s Bagel verübt

 27.07.2026

Großbritannien

Zwischen Skepsis und Hoffnung

Die jüdische Gemeinschaft sieht den neuen Premier Andy Burnham kritisch – er will die Nahostpolitik des Landes ändern

von Rudolf Hönnige  23.07.2026

Meinung

Ist der neue jüdische Außenminister nur ein Feigenblatt?

Großbritanniens neuer Premier Andy Burnham hat Ed Miliband zum Außenminister ernannt. Dass nun ein jüdischer Politiker für die Nahostpolitik zuständig ist, könnte auch ein Feigenblatt sein

von Michael Thaidigsmann  21.07.2026