Südafrika

Dem Virus trotzen

Maskenpflicht in Kapstadt: Passanten mit Mund-Nasen-Bedeckung laufen an einem Wandgemälde des früheren Präsidenten Nelson Mandela vorbei. Foto: dpa

In Südafrika spitzt sich die Lage in der Corona-Pandemie weiter zu. Mit mehr als 500.000 Infizierten liegt der Schwellenstaat weltweit auf Platz fünf der am stärksten betroffenen Länder.

»Gleich zu Beginn wurde Kapstadts jüdische Gemeinde vom Coronavirus heimgesucht. Ein Gemeindemitglied, das von einer Geschäftsreise aus New York zurückgekehrt war, wurde als einer der ersten Südafrikaner positiv getestet«, sagt Gavin Morris.

Der Direktor des Jüdischen Museums der Stadt lobt die schnelle Reaktion der Gemeindeführung. Zehn Tage bevor Präsident Cyril Ramaphosa Ende März eine landesweite Ausgangssperre ausrief, hatten das Museum, Synagogen und jüdische Schulen bereits ihre Tore geschlossen.

Das Jewish Board of Deputies hat für Familien eine Seelsorge-Hotline eingerichtet.

Mehr als zwei Monate lang stand das Leben in der Kaprepublik still. Für viele wurde der Lockdown angesichts der strengen Notverordnungen zur Zerreißprobe. Ins Freie durfte nur, wer zum Einkaufen oder zum Arzt musste; der Verkauf von Zigaretten und Alkohol ist nach wie vor verboten.

Polizeigewalt Die rigorose Durchsetzung der Notmaßnahmen führte in weiten Teilen des Landes zu Polizeigewalt. Mindestens zwölf Südafrikaner kamen bei Einsätzen durch Polizei und Militär ums Leben.

»Einige Entscheidungen der Regierung wirkten merkwürdig auf mich und zeugten von fehlender Empathie. Trotzdem zog ich es vor, mich an die Vorschriften zu halten, anstatt dagegen zu wettern«, sagt der jüdische Kapstädter David Jacobson.

In einem kleinen Zwei-Zimmer-Apartment ohne Garten eingesperrt zu sein, betrachten er und seine junge Familie als vergleichsweise geringes Übel. Ehefrau Heidi-Jane Esakov-Jacobson bestätigt: »Die größte Herausforderung ist das enorme Leid, das die Pandemie so vielen Südafrikanern gebracht hat. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft sind im Alltag spürbar.«

armut Südafrika gilt als Land mit den größten Einkommensunterschieden weltweit. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. In den Townships breitete sich das Virus in den vergangenen Wochen rasant aus, allen voran in Soweto, dem größten Slum des Landes. Die benachbarte Wirtschaftsmetropole Johannesburg wurde zum Corona-Hotspot.

Wie andernorts spielt sich das religiöse Leben der jüdischen Gemeinde auch hier fast ausschließlich virtuell ab. »Wir versammelten uns an Jom Haschoa online, und auch unsere Jahreskonferenz wird über Zoom stattfinden«, sagt David Saks, stellvertretender Direktor des South African Jewish Board of Deputies (SAJBD).

Moderne Technologie habe nicht nur den Betrieb der jüdischen Vertretung aufrechterhalten, sondern auch den von Synagogen und jüdischen Schulen. »Rabbiner verbreiten ihre Schabbat-Predigt jetzt via WhatsApp.« Engpässe bei koscheren Lebensmitteln sind bisher ausgeblieben.

Neuinfektionen »Der Sturm hat uns erreicht«, sagte kürzlich Staatschef Cyril Ramaphosa. Jeden Tag kamen in Südafrika zuletzt zwischen 9000 und 13.000 Neuinfektionen hinzu.

Wie gut das Gesundheitssystem auf den Gipfel jetzt im August vorbereitet ist, werden die kommenden Wochen zeigen. Jüdische Ärzte, die in Südafrikas marodem öffentlichen Gesundheitswesen arbeiten, berichten Horrorgeschichten, wenngleich das Land mit 1,5 Prozent eine geringe Corona-Sterberate verzeichnet.

»Patienten steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Sie fürchten sich davor, ein weiterer Eintrag in der morgigen Todesstatistik zu werden«, sagte die Lungenärztin Carron Zinman der Wochenzeitung »South African Jewish Report«.

Auch jüdische Alten- und Pflegeheime am Kap verschonte das Virus nicht. Das Jewish Board of Deputies in Kapstadt hat eine Seelsorge-Hotline für Familien eingerichtet, deren Mitglieder an Covid-19 erkrankt sind. »Nachbarschaftskomitees statten jedes positiv getestete Gemeindemitglied mit medizinischen Überwachungsgeräten aus und erkundigen sich jeden Tag nach dem Wohlbefinden«, berichtet Vorstand Stuart Diamond.

korruptionsskandale Zu der Krise im Gesundheitswesen kommt eine soziale und wirtschaftliche. Bereits vor dem Ausbruch des Virus war Südafrika durch die Korruptionsskandale der vergangenen Jahre angeschlagen. Die Pandemie forderte weitere drei Millionen Jobs. Knapp die Hälfte der Südafrikaner hatte laut einer Befragung im April nicht genügend Geld, um Essen zu kaufen.

»Die Not der Unternehmen und Arbeitsplatzverluste lösen eine Kettenreaktion aus«, so Saks. Einige Gemeindemitglieder könnten die Schulgebühren ihrer Kinder nicht mehr zahlen. Jüdische Wohlfahrtsorganisationen seien mit so vielen Hilfegesuchen wie selten zuvor konfrontiert.

»Lokal und national wird für den Kampf gegen Covid-19 mobilisiert, und jüdische Kleinbetriebe werden mit Mitteln aus Gemeinschaftsfonds über Wasser gehalten«, sagt Diamond.

Jüdische Ärzte berichten Horrorgeschichten aus Krankenhäusern.


Auch die Redaktion des »Cape Jewish Chronicle« musste lernen, mit der neuen Realität zurechtzukommen. »Viele unse­rer Werbekunden mussten abspringen«, erzählt Chefredakteurin Lindy Diamond. »Als während der ersten Lockdown-Tage sogar die Postzustellung nicht mehr funktionierte, wechselten wir zu einem rein digitalen Format. Das gab uns finanziell Raum zum Atmen.«

Südafrika ist eines der wenigen Länder, in dem Restaurants, Kinos und religiöse Einrichtungen wieder öffneten, bevor die Pandemie ihren Höhepunkt erreichte. Ein fortdauernder harter Lockdown wäre für die Wirtschaft des jungen Schwellenstaats zu zerstörerisch geworden.

normalität Die Normalität scheint dennoch weit entfernt. »Die Wirtschaft am Kap lebt vom Tourismus, und das fordert einen schweren Tribut von Bewohnern und Unternehmen«, sagt Museumsdirektor Gavin Morris. Südafrikas Landesgrenzen bleiben geschlossen, selbst Inlandsreisen sind nur in Ausnahmefällen gestattet. Das Jüdische Museum sei nach viermonatiger Zwangspause gezwungen gewesen, Mitarbeiter zu entlassen. »Um wieder da zu stehen, wo wir vor Covid-19 standen, wird es mehrere Jahre dauern.«

Synagogen und jüdische Schulen am Kap bleiben auf Geheiß von Oberrabbiner Warren Goldstein bis auf Weiteres geschlossen. Die jüdische Dachorganisation arbeitet weiter mit den Gemeinden zusammen, um Aufklärung zu leisten. Die größte Sorge sei, so SAJBD-Vizedirektor Saks, »dass es irgendwann zu einer ›Lockdown-Ermüdung‹ kommt und die Menschen die nötigen Sicherheitsmaßnahmen ausgerechnet dann aufgeben, wenn die Zahl der Infizierten und Toten wieder steigt«.

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