Nachruf

Das Stricken half ihr, den Krieg zu überleben

Stricken war Profession, Passion und Lebenselixier von Rose Girone Foto: Getty Images/iStockphoto

Die New Yorkerin Rose Girone, die am 13. Januar noch ihren 113. Geburtstag feierte und als älteste lebende Holocaust-Überlebende galt, ist am 24. Februar an Altersschwäche gestorben. Girone, die jahrzehntelang in Queens eine Strickerei betrieb und das Handwerk als Beitrag zur Rettung ihrer Familie während des Holocaust betrachtete, war eine bemerkenswerte Frau und in der New Yorker Strickgemeinschaft sehr beliebt.

Girone teilte immer wieder ungeschminkt ihre Erfahrungen, die sie während des Zweiten Weltkriegs gemacht hatte, mit der Öffentlichkeit. Sie stand auch der USC Shoah Foundation, dem Holocaust Memorial and Tolerance Center des Nassau County und anderen Institutionen als Zeitzeugin zur Verfügung. »Das zeigt, wer meine Mutter wirklich war«, sagt ihre Tochter Reha Bennicasa mit Stolz über sie und verweist dabei auf die Berichterstattung über die Mutter in den letzten Jahren.

»Sie war eine starke Frau, sehr belastbar. Sie hatte aus schrecklichen Situationen das Beste gemacht, war sehr besonnen und vernünftig.« Dann hält die Tochter inne und ergänzt: »Ich bin mir nicht sicher, aber als Gott sie erschuf, hatte er mit allen Traditionen gebrochen.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Flucht nach Shanghai

Rose Girone wurde 1912 als Rose Raubvogel im polnischen Janov geboren und kam als junge Frau nach Hamburg, wo ihre Familie ein Geschäft für Theaterkostüme betrieb. 1938 heiratete sie Julius Mannheim. Noch im selben Jahr zog das Paar nach Breslau, das damals zu Deutschland gehörte. Mannheim wurde in der Reichspogromnacht verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht, während Girone, im achten Monat schwanger, sich aus der Stadt retten konnte.

Rose Girone konnte Nazi-Deutschland noch rechtzeitig verlassen. 1939 erhielt sie von einem Cousin ein auf Chinesisch verfasstes Papier – ein Visum. Shanghai war einer der letzten offenen Häfen der Welt.

Girone legte den NS-Behörden das Visum vor und konnte damit sowie mit Lösegeld die Freilassung ihres Gatten aus Buchenwald erwirken. »Sie ließen meinen Vater nur unter der Bedingung raus, dass wir sie bezahlen und innerhalb von sechs Wochen das Land verlassen. Das taten wir«, erzählte Tochter Reha, heute 86 Jahre alt, gegenüber der »New York Jewish Week« im Jahr 2022.

Kein leichter Anfang in Shanghai

Die Bedingungen in der chinesischen Stadt waren für die Geflüchteten hart. Aber Girone machte das Beste daraus. Da sie bereits als Kind das Stricken von einer Tante gelernt hatte, fing sie im Exil wieder damit an und konnte Wolle auftreiben. Als Erstes entstand Strickkleidung für ihre kleine Tochter. Ihre Strickkünste sprachen sich im jüdischen Shanghai schon bald herum und ein unternehmerischer Wiener Jude half ihr beim Verkauf ihrer Arbeiten und beim Aufbau eines eigenen Geschäfts.

Jede Person durfte China nur mit zehn Dollar verlassen.

Das Geld, das Girone durch den Verkauf ihrer Waren an ein Luxusgeschäft in Shanghai verdiente, sicherte der Familie das dringend nötige Einkommen. Als der Familie 1947 ein Visum für die Vereinigten Staaten erteilt wurde, spielte das Stricken erneut eine entscheidende Rolle für das Wohlergehen der Familie: Jede Person durfte China nur mit zehn Dollar verlassen.

Doch Girone versteckte jeweils 80 Dollar in den wollenen Sachen. Die Familie reiste per Schiff nach San Francisco und landete schließlich in New York, wo sie mit Girones Mutter, Bruder und Großmutter, die alle den Krieg überlebt hatten, wiedervereint wurden.

Erfolgreiche Geschäftsfrau

In New York ließen sich Girone und Mannheim später scheiden. 1968 lernte Rose Jack Girone kennen und heiratete ihn. Das Paar zog nach Whitestone, Queens, wo Rose bald als Stricklehrerin erfolgreich wurde.

Die Girones eröffneten mit einem Partner eine Strickerei in Rego Park. Später expandierten sie mit einem zweiten Standort in Forest Hills. Nachdem der Partner aus dem Geschäft ausgestiegen war, war Girone über ein Jahrzehnt alleinige Eigentümerin von »Rose’s Knitting Studio« in der Austin Street.

Lesen Sie auch

»Mutter war ziemlich stolz auf all ihre Entwürfe«, erzählt Bennicasa. »Die Leute brachten Anzeigen von Vogue und dergleichen mit und sagten, sie wollten so etwas wie auf diesem speziellen Bild. Manche kamen auch mit komplizierten Mustern. Mutter saß da und fand es oft mit Millimeterpapier heraus. Sie hatte es geliebt.«

1980, im Alter von 68 Jahren, verkaufte Girone ihr Geschäft – ans Aufhören mit dem Stricken dachte sie aber noch lange nicht. Dem »Long Island Herald« zufolge lebte Girone nach dem Tod ihres Mannes bis zu ihrem 103. Lebensjahr alleine in ihrer Wohnung. Erst nachdem sie sich vor drei Jahren die Hüfte gebrochen hatte, zog Girone in die Nähe ihrer Töchter.

Für ihr langes Leben hatte Girone folgendes Rezept, das sie an ihrem 113. Geburtstag noch verriet: »Das Geheimnis eines langen, gesunden Lebens ist einfach: Lebe jeden Tag mit einem Ziel, habe tolle Kinder und iss viel dunkle Schokolade« – aber vermutlich gehörte bei Rose Girone auch das Stricken dazu. ja

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026

Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Der jüdische Musikmanager entdeckte und förderte Bands und Künstler wie Earth, Wind & Fire, Chicago, Santana, Whitney Houston, Barry Manilow und Barbra Streisand

 23.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026