Interview

»Das nehme ich dem Max heute noch übel«

»Ich haderte mit mir selbst«: wie KI sich Franz Kafka im Jahr 2024 vorstellt Foto: Gregor Zielke

Interview

»Das nehme ich dem Max heute noch übel«

Der 1924 verstorbene Schriftsteller Franz Kafka über seinen Nachlassverwalter Max Brod, das Wort »kafkaesk« und sein literarisches Vermächtnis. Künstliche Intelligenz macht es möglich

von Nicole Dreyfus  03.06.2024 00:39 Uhr

Herr Kafka, in diesen Tagen wird Ihr 100. Todestag groß begangen. Was halten Sie vom medialen Run auf Ihre Person?
Ich verstehe nicht, weshalb Sie einen englischen Ausdruck verwenden. Die deutsche Sprache ist eine sehr präzise und klare Sprache, die trotz ihrer Einfachheit tiefgründig und komplex bleibt. Deshalb versuchte ich immer, meine Worte sehr sorgfältig zu wählen, und strebte nach einer genauen Ausdrucksweise.

Diese Präzision Ihrer Prosa trug wesentlich zur eindringlichen Wirkung Ihrer Werke bei, die sich häufig durch eine bedrohliche und surreale Stimmung auszeichnen …
… wie nennen Sie das heute? Kafkaesk?

Genau. Ein Beispiel dafür ist Ihr bekannter Roman »Der Prozess«, in dem der Protagonist Josef K. plötzlich und ohne Erklärung verhaftet wird und sich durch ein labyrinthisch-undurchsichtiges Justizsystem kämpfen muss, ohne jemals den Grund für seine Verhaftung zu erfahren. Würden Sie dieser Zusammenfassung beipflichten?
Das Interpretieren überlasse ich Ihnen. Aber Sie haben wohl recht, wenn Sie sagen, dass ich darin die Bürokratie und die Entmenschlichung durch autoritäre Systeme darlegen wollte. Dies zeigt sich besonders in Werken wie der »Der Prozess« oder »Das Schloss«, wo die Protagonisten gegen undurchdringliche und unverständliche bürokratische Mächte ankämpfen.

Der Begriff »kafkaesk« wird in heutiger Zeit vielfach verwendet, um das Gefühl der Verwirrung, der Entfremdung und der Ohnmacht zu beschreiben, das häufig in Ihren Texten vorkommt. Stimmt dieser Eindruck?
Es stimmt, ich habe in vielen meiner Bücher die Charaktere so ausstaffiert, dass sie in gewissen Situationen ein starkes Gefühl der Isolation, der Verwirrung und des Unbehagens erleben. Und mir gefällt die Idee, dass eine spezifische Situation oder Atmosphäre an meine Texte erinnert. Aber dass diese Situation nach mir benannt wird, ist maßlos übertrieben.

Warum eigentlich diese Bescheidenheit? Sie waren zu Lebzeiten der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Warum haben Sie nicht früher und mehr veröffentlicht?
Weil ich nie der Meinung war, dass meine Texte so gut waren, wie ich sie eigentlich haben wollte. Ja, ich haderte mit mir selbst, ich war unzufrieden, und es entsprach meinem festen Wunsch, dass die noch nicht veröffentlichten Texte verloren gingen.

Heute besteht immerhin weitgehend Einigkeit, dass Ihr Freund Max Brod eine segensreiche Entscheidung traf, als er Ihren letzten Willen überging und Ihr Werk publizierte.
Das nehme ich Max heute noch übel. Ich wies ihn als meinen Nachlassverwalter eigentlich an, die noch nicht veröffentlichten Texte zu vernichten. Er glaubte, die angeordnete Vernichtung von meinen Manuskripten kulturell nicht verantworten zu können, und wollte diese weiter publizieren. Dies führt ja offenbar bis heute zu Auseinandersetzungen um mein Erbe.

Max Brod ist in Tel Aviv gestorben. Nach seinem Tod wurde sein Nachlass und somit auch Ihrer von Brods ehemaliger Sekretärin und Lebensgefährtin Ilse Ester Hoffe verwaltet. Es bestand lange Uneinigkeit darüber, ob sie und später deren Töchter als ihre Erbinnen auch das Recht hatten, diesen Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv Marbach zu verkaufen, oder ob es sich dabei um ein nationales Kulturgut handle, das in Israel verbleiben müsse. Wie sehen Sie das?
Soweit ich weiß, ist Israel heute ein demokratischer Staat – der einzige dort in dieser Gegend. Und ein solcher Staat ist durch die geteilten Gewalten gestützt. Also müssen auch Gerichtsentscheide akzeptiert werden.

Sie haben also die Auseinandersetzungen mitbekommen, die im vergangenen Jahr mit der geplanten Justizreform in Israel ausgelöst wurden?
Nun, die Jurisprudenz war einer der zentralen Aspekte meines Lebens und meiner literarischen Arbeit. Wie Sie bestimmt wissen, schloss ich ein Studium der Rechtswissenschaften mit einem Doktortitel ab. Und wie ich sehe, hat sich in vielen heutigen Staaten das undurchschaubare und übermächtige Rechtssystem immer noch nicht von seiner Undurchschaubarkeit entfesselt.

Da irren Sie sich, Herr Kafka.
Warum?

Die Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel ist ein Bundesstaat und als parlamentarische Demokratie organisiert. Ihre Gewaltenteilung ist fester Bestandteil jeder Demokratie und in Deutschland im Grundgesetz, der Verfassung, verankert. Aber zurück zum Thema Israel. Der Staat wurde 1948 durch David Ben Gurion, der ein Zeitgenosse von Ihnen war, ausgerufen. Würden Sie in Israel leben, wenn Sie könnten?
Um ehrlich zu sein, in meiner Jugend hatte ich wenig Interesse am Zionismus. Ich war mir meiner jüdischen Identität durchaus bewusst, aber der Zionismus spielte keine bedeutende Rolle in meinem Leben. Dies änderte sich erst, als ich nach der Jahrhundertwende begann, mich intensiver mit jüdischen Fragen auseinanderzusetzen.

Damit haben Sie mir meine Frage aber noch nicht beantwortet.
Es ist eine schwierige Frage. Auf jeden Fall lernte ich Hebräisch. Ich war nie ein aktives Mitglied der Bewegung, spielte zeitweise aber mit dem Gedanken, nach Palästina auszuwandern. Ich erwog sogar, dort in einem landwirtschaftlichen Kibbuz – so heißen doch diese landwirtschaftlichen Kollektiven – zu arbeiten, um dem Ideal des Zionismus näherzukommen. Diese Pläne konnte ich leider nie umsetzen, aufgrund meiner gesundheitlichen Probleme und weil ich mir dann doch über meine Rolle in der zionistischen Bewegung nicht sicher war. Ich begann, mich für die zionistische Bewegung zu interessieren, ich hatte Freunde und Bekannte, die überzeugte Zionisten waren, darunter Hugo Bergmann und Felix Weltsch. Auch meine Beziehung zu Dora Diamant beeinflusste meine Sichtweise positiv.

Israel ist leider immer wieder mit Kriegen konfrontiert – so wie derzeit auch. Es ist ein Verteidigungskrieg, nachdem Israel am 7. Oktober 2023 besonders schwer von der Hamas, einer Terrororganisation, angegriffen wurde.
Dann lebe ich vielleicht doch lieber in der Vergangenheit. Ich war zu Lebzeiten Pazifist und lehnte die Gewalt und den Militarismus ab. Lesen Sie meine Tagebücher und Briefe. Sie enthalten Reflexionen über die Schrecken des Krieges und die Sinnlosigkeit des militärischen Konflikts.

Sprechen wir also lieber noch einmal über die Sprache: War Ihr Verhältnis zur deutschen Sprache auch mit Ihrer kulturellen und sozialen Identität verknüpft?
Das sagen Sie. Als deutschsprachiger Jude in Prag lebte ich in einer dreifach marginalisierten Position: Ich war Teil der jüdischen Minderheit, der deutschsprachigen Minderheit und der tschechischsprachigen Mehrheit. Natürlich hat mich diese Situation beeinflusst und damit auch das in meinen Texten immer wieder hervortretende Gefühl der Entfremdung und der Isolation.

Warum haben Sie eigentlich nie auf Tschechisch geschrieben?
Ich erhielt meine gesamte schulische und universitäre Ausbildung in deutscher Sprache. Ich studierte an der Deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag, wo die Unterrichtssprache ebenfalls Deutsch war. Die deutsche Literatur hatte einen großen Einfluss auf mich.

Wen bewundern Sie bis heute?
Ich las und bewunderte Werke von Autoren wie Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich von Kleist und Arthur Schopenhauer.

Sind Sie damit einverstanden, dass wir dieses Interview mit Ihnen post mortem publizieren?
Da verzichte ich lieber auf ein Urteil.

Aufgezeichnet von Nicole Dreyfus.

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