USA

Cop mit Mission

Seit 2012 Sheriff von Broward County nördlich von Miami: Scott Israel Foto: imago/ZUMA Press

Diesmal war alles anders: Nachdem am 14. Februar ein Amokläufer 17 Menschen an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, erschossen hatte, trat kein Polizist vor die Fernsehkameras, der lediglich den Tathergang schilderte und zu Gebeten aufrief. Im Gegenteil: Sheriff Scott Israel forderte strengere Waffengesetze und solidarisierte sich mit den Schülern der Highschool. Die kämpfen mittlerweile landesweit sehr erfolgreich gegen die Waffenlobby National Rifle Association (NRA), die eine solche Verschärfung verhindern möchte.

Der letzte große Amoklauf liegt kein halbes Jahr zurück: Im Oktober 2017 tötete ein Mann in Las Vegas 58 Besucher eines Festivals und verletzte 851 zum Teil schwer. Nach jenem Attentat waren 52 Prozent der US-Bürger für eine schärfere Waffenkontrolle, nun sind es bereits 70 Prozent – und entsprechend heftig greifen besonders NRA und die rechtsradikale Alt-Right-Bewegung die Schüler und Scott Israel an.

Seit einigen Tagen wird der Sheriff, der selbst Demokrat ist, auch von republikanischen Regionalpolitikern kritisiert. Der Parlamentssprecher des Bundesstaats Florida, Richard Corcoran, und 73 weitere Republikaner forderten Gouverneur Rick Scott, ebenfalls ein Republikaner, auf, Israel zu suspendieren. Sie werfen ihm Versagen vor und geben ihm die Schuld am Tod der Schüler und Lehrer.

biografie Der erste jüdische Sheriff des Bundestaates Florida reagiert auf die persönlichen Angriffe bislang gelassen. Scott Israel wuchs in New York auf, wo sein Vater als Polizist bei der Mordkommission arbeitete. »Er hatte im Korea-Krieg gekämpft«, erinnert sich der Sohn, »und anschließend wurde er Cop, weil er fest daran glaubte, was im Talmud steht, nämlich dass, wer ein Leben rettet, die ganze Welt rettet.«

Scott machte zunächst am New Yorker Cortland College seinen Abschluss in Politikwissenschaft. 1979 füllte er bei einem Besuch in Florida »aus einer Laune heraus« einen Bewerbungsbogen für das Polizeidezernat von Fort Lauderdale aus – und wurde umgehend angenommen.

Mitte der 80er-Jahre hatte sich Scott Israel vom Streifenbeamten ins Drogendezernat hochgearbeitet – zu einer Zeit, als die Crackwelle ihren Höhepunkt erreichte und Kokain aus Südamerika in die Vereinigten Staaten geschmuggelt wurde. Und er machte weiter Karriere, bis er Leiter eines sogenannten SWAT-Teams, einer taktischen Spezialeinheit, wurde. 2004 schied er jedoch aus dem Dienst aus, um Polizeichef in North Bay Village zu werden, einem mit 7000 Einwohnern überschaubar großen Vorort von Miami.

rechte 2012 wurde Scott Israel in Fort Lauderdale zum ersten Mal zum Sheriff von Broward County gewählt. Dabei ließ er sich ausgerechnet von Roger Stone beraten, dem Spin-Doctor der US-Rechten, der dafür berüchtigt ist, mit schmutzigen Tricks und persönlichen Angriffen zu arbeiten.

Vier Jahre zuvor, als er sich zum ersten Mal zur Wahl stellte, hatte der heutige Sheriff die Methoden des Nixon-Fans ausgiebig kennengelernt. Damals erhielten die Anhänger der Demokraten Anrufe eines extra angeheuerten George.-W.-Bush-Stimmenimita­tors, der ihnen in einer aufgezeichneten Botschaft erklärte, Scott Israel sei ein vorbildlicher Republikaner, der das volle Vertrauen der Familie Bush genieße.

Die Entscheidung, mit Stone zusammenzuarbeiten, war eine pragmatische: Stone wollte nach diversen Skandalen rund um das Sheriff-Department einen Profi im Amt. »Ich erkannte bald, dass ich Israel großes Unrecht angetan hatte, und bat ihn, erneut zu kandidieren.« Israel war sicher, dass er einen guten Job machen würde. »Stone hat keine Gegenleistung von mir verlangt«, betont er, »außer der, dass wir anbieten, Haustiere mit Mikrochips auszustatten – er ist nämlich ein großer Tierfreund.«

Israel sorgte umgehend für Neuerungen: Er rüstete die Polizei mit Bodycams aus und setzte auf Präventionsarbeit. »Unser Erfolg misst sich nicht daran, wie viele Kids wir ins Gefängnis stecken, sondern daran, bei wie vielen wir das verhindern«, lautete einer seiner Wahlkampfsprüche.

Familie Zur Marjory Stoneman Douglas High School hat die Familie Israel eine besondere Beziehung: Die Söhne Brett, Blake und Black, Drillinge, gingen dort zur Schule. Scott Israel ist jüdisch, seine Frau Susan Christin. Das sei nie ein Problem gewesen, betont der Sheriff. »Wie viele Familien, deren Mitglieder unterschiedlichen Konfessionen angehören, erzogen wir unsere Kinder so, dass sie alles kennenlernten, damit sie später als Erwachsene für sich entscheiden können, welcher Religion sie angehören möchten. Die Drillinge hatten allerdings ihre Barmizwa.«

Er gehöre im Übrigen keiner festen Sy­nagoge an, sagt Israel, sondern er besuche den Gottesdienst einmal hier und einmal dort. Auch gehe er manchmal mit seiner Frau in die Kirche. »Dadurch erfahre ich viel über die Probleme der Leute hier vor Ort, und das ist mir wichtig.«

Das vordringliche Problem sieht er allerdings in den laxen Waffengesetzen – und darin, dass Streifenpolizisten gegen Täter, die mit Automatikwaffen hochgerüstet sind, keine wirkliche Chance haben. Deshalb ließ er umgehend solche Gewehre für die Polizei anschaffen.

aktivisten Seine Hoffnung setzt er auf die jungen Aktivisten. Bei einer Podiumsdiskussion des Fernsehsenders CNN, bei der die Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School mit Politikern sprachen, sagte Israel: »Eine halbe Stunde, nachdem der Killer festgenommen worden war, war ich am Tatort. Ich werde nie vergessen, was ich dort sah. Und als ich die Schule wieder verließ, gingen mir die Worte von Elie Wiesel durch den Kopf: ›Never again‹ – niemals wieder.«

Scott rief die Jugendlichen auf, weiter für eine Änderung der Waffengesetze zu kämpfen: »Meine Generation hat es nicht geschafft, aber ihr werdet es schaffen.«

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