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Coole Saftas

Im Kino sind Großmütter meist eher Teil der Hintergrunddeko und dürfen nur im Notfall aktiv werden. Gutmütig, wärmend und vor allem weise geben sie dann Rat und ganz viel Liebe. Oscars gewinnen ihre Rollen allerdings keine. Häufig treten sie vage auf, oft sogar namenlos bewegen sie sich am Rande des Geschehens, sitzen auf geflochtenen Verandastühlen oder auch plüschigen Sesseln, lauschen Geheimnissen, runzeln die Stirn, schnalzen missbilligend mit der Zunge oder tätscheln liebevoll die bebende Schulter. »Bis zur Hochzeit wird alles wieder gut …«

Jüdische Großmütter leben auf der Leinwand klassischerweise in New York City oder in Florida. Sie sind klein und tragen winzige Schuhe. Ihre Haare sind meist toupiert, die Lippen geschminkt, ihre Hände fein und schwer beringt. Sie kommen zu uns mit Geschichten, die verstören und trösten, sind eine Brücke zur Vergangenheit, die Familien und Generationen miteinander verbindet.

»Darling«

Jüdische Großmütter weinen nicht, sind unfassbar stark und furchtlos, so viel haben sie er- und überlebt. Wenn sie sich ärgern, fluchen sie auf Jiddisch und sagen Worte wie »verkackt«. Sie nennen Menschen unter 60 generell »Darling« und drücken in Supermärkten ihre Nasen prüfend an Äpfel oder Orangen, bevor sie sie kaufen. Ihr Wissen scheint unendlich, ihre Kommentare sind schonungslos.

Jetzt gibt es im Kino tolle Bubbes zu sehen, die alles andere als still auf ihren Einsatz warten.

Nun endlich bekommen auch Frauen dieser Altersklasse mehr von dem Scheinwerferlicht, das sie verdienen. In jüngster Zeit gibt es tolle, laute alte Frauen in Filmen und Serien zu sehen, die alles andere als namenlos und still am Rand stehen und auf ihren Einsatz warten.

Hollywoodstar Scarlett Johansson (Black Widow, Jojo Rabbit) hat gleich ihr Regie-DebütEleanor The Great ihrer Großmutter gewidmet. Eleanor Morgenstein wird von der wunderbaren June Squibb (Thelma, Nebraska) gespielt, und Kern der Geschichte ist die Freundschaft zwischen Alt und Jung. Außerdem geht es um einen Neuanfang in New York City und eine Holocaust-Lüge.

Eleanor ist 94 Jahre alt und geht am Stock. Nachts trägt sie pinke Lockenwickler und zu große Nachthemden. Sie sagt mit humorvoller Schärfe, was sie denkt, und zeigt auch mal den Mittelfinger, wenn ihr etwas nicht in den Kram passt. Sie war nie besonders religiös, möchte aber vor ihrem Tod noch ihre Batmizwa feiern.

Mit aufgetürmten Haaren im senfgelben Brokatbett

Oder nehmen wir Sylvia (die grandiose Kathy Bates) in der Judy-Blume-Verfilmung Are You There God? It’s Me, Margaret. Die Großmutter aus der großen Stadt nimmt ihre Enkelin heimlich mit in die Synagoge. Sylvia trägt Blumenblusen zu Hosen mit Tierdrucken oder gleich einen Kaftan. Nachts schläft sie mit aufgetürmten Haaren im senfgelben Brokatbett, die eingecremten Hände stecken in Handschuhen. Und sie trägt Schlafmaske, wie Eleanor. Und Sylvia lacht am liebsten über sich selbst.

Auch Lena Dunham hat für ihre Netflix-Serie Too Much die Magie der Großmutter entdeckt. Rhea Perlman, die zuletzt als Ruth Handler im Barbie-Kinokassenhit zu sehen war, spielt so etwas wie die Quintessenz der jüdischen Großmutter. Mutig alternd sitzt Dottie auf ihrem goldenen Chintzsofa mit Plastiküberzug in einem mit Lebenskrempel vollgestopften Wohnzimmer. Ihre Sprache ist so elegant wie voller Liebe. Ihre Tochter und zwei Enkelinnen sind bei ihr eingezogen und allesamt Single. Und Dottie wünscht sich für sie vor allem eines: jüdische Ehemänner.

Jüdische Großmütter kommen aus einer anderen Zeit. Manche haben die Schoa überlebt, aus der Ferne erlebt, andere sind vielleicht erst danach geboren. Sie kommen zu uns mit ihren Geschichten, aus denen wir lernen können. In Marc Forsters White Bird wird Enkel Julian von der Schule geworfen, weil er einen anderen Jungen gemobbt hat. Auch auf der neuen Schule gibt es Schwierigkeiten. Oma Sara, gespielt von Helen Mirren (The Queen, 1923) beschließt, ihm zu helfen, erklärt ihm, worin die Schwere seiner Tat liegt, und was es bedeutet, Güte zu zeigen.

Den Holocaust mithilfe eines gehbehinderten selbstlosen Jungen überlebt

Dazu erzählt sie ihm von der eigenen Jugend in Frankreich im Jahr 1940, davon, wie sie den Holocaust mithilfe eines gehbehinderten selbstlosen Jungen überlebt hat, der für sein Anderssein in der Schule ausgegrenzt wurde – so wie sie für ihr Jüdischsein –, und der immer die große Liebe ihres Lebens war. »Wir haben beide gesehen, zu wie viel Hass die Menschen fähig sind, und wie viel Mut es braucht, gut zueinander zu sein«, sagt Sara, und Julian beginnt langsam zu verstehen.

Carol & Joy, produziert von Natalie Portman (Black Swan, Thor) und von Nathan Silver inszeniert, ist ein 38-minütiger Kurzfilm. Die Heimdoku vervollständigt die Reihe über jüdische Mütter und Töchter, nach Cutting My Mother und Between the Temples. Die Schauspielerin Carol Kane (Hester Street, Der Stadtneurotiker) lebt zusammen mit ihrer 98-jährigen eigenwilligen Mutter Joy auf der Upper West Side in einer vollgestellten, winzigen Wohnung. Auf den Tasten des Klaviers sind Zahnabdrücke von Joy zu sehen, die Musiklehrerin ist und immer noch Piano und Gesang unterrichtet. Joy ist eine Freude, das Filmchen auch.

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In dieser Wohnung habe er das alte New York gefunden, sagte Nathan Silver im Interview. Wie in der KultserieSeinfeld kommt auch hier ständig jemand unangemeldet vorbei, um Joy und Carol zu besuchen, immer wird irgendwie mit irgendjemandem geschwatzt, gelacht, jemand macht immer Musik oder tanzt ein bisschen, meist ist es sogar Joy selbst. Denn ohne ihre Musik werde sie schnell zur »trockenen alten Birne« werden, stellt sie fest. Dann erzählt sie von ihrem Aufwachsen, den Erwartungen an junge Frauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Sie habe einiges selbst entscheiden dürfen, erinnert sie sich, außer die großen Dinge. »Alle wichtigen Entscheidungen wurden mir gestohlen.« Von Frauen ihrer Generation wurde erwartet, dass sie gut heiraten, einen Arzt oder Anwalt, und Kinder kriegen, zwei, drei oder vier. Das habe sie alles getan. Irgendwann aber habe sie sich befreit und sei mit 55 Jahren nach Paris gegangen. Und das, so Joy, sei ihre Botschaft, und die Botschaft dieses Films an Frauen: Auch wenn man sich gefangen fühlt im Leben und nichts so ist, wie man es sich wünscht, da, wo man ist, ist man nicht für immer.

Wie bei »Seinfeld« kommt in »Carol & Joy« ständig jemand unangemeldet vorbei.

Und dann ist da noch A Friend of Dorothy, ebenfalls ein Kurzfilm, in dem die Kino-Granden Miriam Margolyes (Harry Potter, Zeit der Unschuld) und Stephen Fry (The Sandman, Gosford Park) sich die Ehre geben und das Leben und Sterben am Schopf packen, was gerade für eine Oscar-Nominierung gesorgt hat. Auch Lee Knights 22-Minüter über Einsamkeit und die Freundschaft einer Großmutter mit einem Nachbarsjungen hat eine Botschaft: niemals aufgeben.

Und wer könnte das besser rüberbringen als Margolyes, die mit 84 Jahren bekanntermaßen mehr Feuer im Hintern hat als der Großteil von Hollywoods A-List. Angucken und von den Alten lernen, möchte man da sagen.

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