Ungarn

Chapeau!

Trifft man in Jerusalem, New York oder London ein Mitglied einer chassidischen Gemeinde, ist es gut möglich, dass ein Hut der Manufaktur Sunemár seinen Kopf schmückt. Der Betrieb in der Kleinstadt Göd, gut 30 Kilometer nördlich von Budapest, ist auf die Herstellung traditioneller jüdischer Hüte spezialisiert – und einer der wenigen Hersteller in der Welt, die nichts anderes produzieren.

Zoltán Százados, der Gründer, hat das Hutmacherhandwerk in den 60er-Jahren in der staatlichen Hutfabrik erlernt. Später machte er sich selbstständig, und der Anfang seines Unternehmens klingt ähnlich legendär wie der von Microsoft. Statt in einer Garage begann es in den 70er-Jahren in einer Miniwerkstatt von gerade einmal elf Quadratmetern.

»Viel Handarbeit, großes Geschick, viel Geduld und präzises Augenmaß.«

Csaba Százados

Nach der friedlich verlaufenen Revolution und der politischen Wende gründete er im Jahr 1992 endlich seine eigene Firma und begann, mit eigener Technologie verschiedene Herrenhut-Modelle herzustellen. Dabei kombinierte er industrielle und handwerkliche Verfahren, die seine Hüte so besonders machen. Und so fanden diese langsam den Weg auf den Weltmarkt, unter anderem auch zu Händlern für jüdische Hüte in den USA und Israel.

»Am Anfang waren es nur etwa 1000 Stück im Jahr, heute verkaufen wir 16.000 bis 18.000«, erzählt sein Sohn Csaba nicht ohne Stolz. Er hat vor einigen Jahren die Geschäftsführung vom Vater übernommen. Inzwischen produzieren sie ausschließlich für jüdische Kunden. Der größte Teil findet in Israel, den USA und in Großbritannien neue Besitzer. »Dieses Jahr werden es wegen des Nahostkrieges leider weniger«, fügt er mit ernstem Blick hinzu. Und der Konflikt bereite ihm nicht nur geschäftlich Sorgen, sondern auch, weil er in Israel viele Bekannte und Freunde habe.

Schwarz ist nicht gleich schwarz

Es werden grundsätzlich zwei Formtypen hergestellt: einer für die chassidischen Gemeinden und einer im Stil von Chabad, die den herkömmlichen Fedora-Hüten ähneln. Die importierten schwarzen Rohlinge, im Fachjargon »Stümpfe« genannt, sind aus Kaninchen- oder Schurwollfilz. Der Laie braucht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass daraus einmal Hüte werden sollen. Denn die Form erinnert in diesem Stadium eher noch an Eimer.

Und auf den Ton komme es an: »Wir haben einen speziellen Farbcode, den nur wir haben, denn schwarz ist nicht gleich schwarz«, gibt der Hutmachermeister einen Einblick in die Herstellung. Je nach Wunsch des Käufers unterscheiden sich die einzelnen Hüte zudem bereits in dieser Urform in Gewicht, Dicke und Härte. Aber der Fachmann weiß jetzt schon ganz genau, wie das Endprodukt später aussehen wird.

Das passiert alles per Hand

Bis zur fertigen Kopfbedeckung sind es allerdings noch fast 100 Arbeitsschritte. Begeistert fährt Százados fort: »Natürlich setzen wir Maschinen ein, aber die Herstellung erfordert viel Handarbeit, die ohne großes Geschick, viel Geduld und präzises Augenmaß nicht möglich ist. Das sind Prozesse, mit denen große Fabriken nicht konkurrieren können.« Weil sie nur mit natürlichem Material arbeiten, können die einzelnen Stümpfe unterschiedlich ausfallen. Der eine Hut ist vielleicht etwas dicker und muss geschliffen werden, der andere hat eine unschöne Kante, die mit der Schere ausgebessert werden muss. Das passiert alles per Hand.

In der Produktionshalle trifft man auf wahre Methusalems, Geräte, die teilweise mehr als 60 Jahre alt sind. Doch sie funktionieren trotzdem einwandfrei, so der 53-Jährige. Und das dank der Wartung in Eigenregie. »Not macht erfinderisch«, heißt die Devise. Denn spezialisierte Mechaniker gebe es im Land nicht. Und das gelte auch für das Huthandwerk selbst. Eine formale Ausbildung existiere nicht. Er habe bei seinem Vater alles von der Pike auf gelernt, so Százados. Die meisten der zwölf Mitarbeiter seien bereits über 50 Jahre alt. Es sei nicht einfach, junge Leute anzuwerben.

Die Unternehmer-Familie ist nicht jüdisch, mit Ausnahme des ältesten der vier Söhne, Ricsi. Der habe den Vater als Teenager auf einer Geschäftsreise nach Israel begleitet, und Land, Leute und Religion hätten es ihm damals so sehr angetan, dass er sich kurzerhand für das Judentum entschied. Er wechselte auf das jüdische Scheiber-Gymnasium in Budapest und konvertierte im Alter von 19 Jahren. Dafür musste er viel lernen, denn von zu Hause kannte er die Bräuche und Gebote nicht. »Bei Familientreffen macht er uns das Leben etwas schwer«, neckt der Vater den Sohn. »Denn für ihn müssen wir extra kochen.«

180 bis 200 Euro

Ein chassidischer Mann hat in der Regel zwei oder drei Hüte: einen für den Alltag und einen für die Feiertage, manchmal auch noch einen separaten nur für den Schabbat, weiß der Hutmacher. Zu besonderen Anlässen wie Rosch Haschana oder einer Hochzeit kaufen sich viele einen neuen Hut.

In Israel, wo es heiß und staubig ist, werden sie schneller schmutzig. Da die Reinigung sehr aufwendig ist, kaufe man sich lieber eine neue Kopfbedeckung, sagt Százados. Billig sind sie dabei nicht, im Geschäft kosten sie etwa 180 bis 200 Euro.

Zudem habe jede Gemeinde ihren eigenen Hut-Stil. Williamsburg in in Brooklyn habe eine andere Ausdrucksform als zum Beispiel Borough Park. Für das ungeschulte Auge seien diese Unterschiede jedoch meist nicht erkennbar. Doch wer sich auskenne, wisse genau, woher der Träger kommt, und auch, welchen Rang er in der Gemeinde innehat. Ein älterer Rabbiner trage einen Hut mit einer breiteren Krempe, was ihm Autorität verleiht.

Es komme auch vor, dass der Rabbiner einer dezenten Neuerung zustimme, zum Beispiel einer blauen statt einer schwarzen Schleife oder einem dünnen Goldfaden. Und schon muss ein neuer Hut her! Qualität sei besonders wichtig, denn die Käufer seien sehr anspruchsvoll. Koscher-Zertifikate würden zwar nicht verlangt, aber es gebe dennoch Vorschriften. So dürfe für das Innenband nur Rinds- oder Ziegenleder verwendet werden, und der Filz dürfe nicht aus gemischten Rohstoffen bestehen.

Die Hut-Hauptsaison ist um Pessach, da läuft die Produktion auf Hochtouren.

Insgesamt gebe es insgesamt wohl sechs Hersteller von jüdischen Hüten in der Welt, so Százados weiter. Doch kaum einer von ihnen habe sich ausschließlich auf jüdische Herrenhüte spezialisiert, wie es bei Sunemár der Fall ist. Im Jahr würden weltweit schätzungsweise bis zu einer halben Million dieser Hüte verkauft. Und der Markt wächst kontinuierlich, da die Gemeinden, in denen sie getragen werden, sehr kinderreich sind. Dabei bestellen die Kunden alles nach dem jüdischen Kalender, so der Hutmacher. Die Hauptsaison ist um Pessach, das heißt, die Produktion läuft um diese Zeit auf Hochtouren.

Die dritte Generation des Familienbetriebes stehe bereits in den Startlöchern. Ricsi arbeitet seit etwa fünf Jahren mit, lernt von der Pike auf wie der Vater. »Irgendwann wird er den Laden übernehmen«, hofft Csaba Százados. Um die Zukunft des Geschäfts macht er sich jedenfalls keine Sorgen, denn eines ist sicher: »Juden werden immer ihren Kopf bedecken!«

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