Polen

Beschützer der Kinder

Janusz-Korczak-Denkmal in Warschau Foto: picture alliance/AP Images

Polen

Beschützer der Kinder

Vor 80 Jahren kam der Warschauer Arzt und Pädagoge Janusz Korczak in einem Deportationszug oder im Lager Treblinka ums Leben

von Gabriele Lesser  01.08.2022 08:43 Uhr

»Janusz Korczak« steht auf dem symbo­lischen Grabstein im Vernichtungslager Treblinka. Alle anderen Steine ragen scharfkantig und schwarz, mal kleiner, mal größer in den Himmel. Auf vielen ist der Name eines Ortes eingraviert, dessen jüdische Gemeinde von den Nazi-Deutschen ausgelöscht wurde. Der größte steht für Warschau, die Hauptstadt Polens, dessen jüdische Gemeinde vor dem Zweiten Weltkrieg rund 350.000 Mitglieder zählte. Die meisten kamen in Treblinka um, rund 120 Kilometer nordöstlich von Warschau.

»Raus, raus!«, schrien SS-Männer am 5. August 1942, als im jüdischen Waisenhaus in der Sienna-Straße knapp 200 Kinder und ihre Erzieherinnen beim Frühstück saßen. Korczak, der berühmte Arzt und Pädagoge, der eigentlich Henryk Goldszmit hieß, hatte diese Situation in seinem Ghettotagebuch vorhergesehen. In der Hast fiel seine Brille zu Boden und zerbarst. Er vergaß, das Tagebuch in seinem Zimmer zu holen – so wurde es für die Nachwelt gerettet.

Güterwaggon Auf den Tischen blieb der Tee dampfend stehen. Der 64-Jährige setzte sich an die Spitze des langen Kinderzuges, müde, gebeugt und schwerkrank. Kinder aus knapp einem Dutzend weiterer jüdischer Waisenhäuser im Ghetto mussten sich dem Zug anschließen. Stunden später am Umschlagplatz wurden er, die Erzieherin Stefania Wilczynska und die Kinder zum letzten Mal gesehen.

Ob er in den Gaskammern von Treblinka umkam oder schon vorher auf der Zugfahrt in einem Güterwaggon unter der sengenden Augustsonne, konnte nie geklärt werden. Jahre später legte ein Gericht in Lublin seinen Todestag auf den 7. August 1942 fest.

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war Janusz Korczak dreimal nach Palästina gereist, um zu prüfen, ob es dort für ihn und die Waisenkinder ein neues Zuhause geben könnte.

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war Henryk Goldszmit dreimal nach Palästina gereist, um zu prüfen, ob es dort für ihn und die Waisenkinder ein neues Zuhause geben könnte. Denn der Antisemitismus, der Goldszmit sein ganzes Leben lang begleitete, wurde nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland auch in Polen immer aggressiver.

Der Pädagoge sah für die junge Generation der polnischen Juden keine Zukunft mehr in Polen. Doch er kam zurück. »Ich liebe die Weichsel bei Warschau, und ich habe brennendes Heimweh nach Warschau, wenn ich fern von ihm bin«, schrieb er im Mai 1942 in sein Ghettotagebuch.

HERKUNFT Hineingeboren in eine wohlhabende jüdische Anwaltsfamilie, schien der kleine Henryk das große Los gezogen zu haben. Die Familie wohnte auf dem Boulevard Krakowskie Przedmiescie zwischen Universität und altem Königsschloss.

Doch als er fünf Jahre alt war und seinen geliebten Kanarienvogel unter einem Baum begraben wollte, begriff er, dass man anscheinend nicht Pole und Jude zugleich sein konnte. Die Hausangestellte verbot ihm, auf das Grab ein kleines Kreuz zu stellen, da der Vogel kein Mensch sei, sondern weit unter ihm stehe. Schlimmer noch aber sei der Ruf des katholischen Hausmeistersohnes gewesen: »Der Kanare ist ein Jude!«

Der Pädagoge sah für die junge Generation der polnischen Juden keine Zukunft mehr in Polen.

Im Ghettotagebuch von 1942 schildet Korczak alias Goldszmit seinen damaligen Schock: »Aber ich bin doch auch Jude. Bin ich also kein Mensch?« Als Jahre später in Warschau ein Literaturwettbewerb ausgeschrieben wird, bewirbt sich der jüdische Abiturient Henryk Goldszmit unter dem polnisch klingenden Pseudonym Janusz Korzcak mit einem eigenen Text. Er gewinnt den ersten Preis.

absturz Prägend für sein ganzes weiteres Leben ist der soziale Absturz der Familie. Der Vater kommt von seiner Spielsucht nicht los und verliert sehr viel Geld. Zudem muss er immer öfter in die Psychiatrie eingewiesen werden. Als er stirbt, ist vom einstigen Vermögen nichts mehr übrig, und die kleine Familie muss in eine billige Mietwohnung umziehen. Goldszmit, der sich seit dem Literaturwettbewerb nur noch Korczak nennt, wird sein ganzes Leben dem Kampf für die Würde und Rechte der Kinder widmen.

Das Andenken an Korczak und seine Reformpädagogik ist in Polen sehr lebendig. Obwohl die Nazis die Innenstadt Warschaus zerstörten, erinnern bis heute etliche Gebäude und Denkmäler an sein Wirken. So steht das jüdische Waisenhaus »Dom Sierot«, dessen Direktor er war, bis heute. 1912 war es nach seinen Entwürfen gebaut worden.

1993 fand hier die Forschungsstelle »Korczakianum« ihr Domizil, mitsamt einer kleinen Ausstellung. Seit einiger Zeit ist das Haus allerdings geschlossen.

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026