Hongkong

Aus der Synagoge zum Zelt

Bunte Regenschirme, Zelte und Tausende leuchtender Mobiltelefone als Zeichen für friedlichen Protest – diese Bilder prägten seit Ende September das Bild der Hongkonger Innenstadt rund um das Regierungsviertel und den Finanzdistrikt. Seit dem vergangenen Wochenende jedoch drohen die bisher friedlichen Proteste zunehmend zu eskalieren. Die Innenstadtviertel muss man durchqueren, wenn man nach Mid-Levels in die Robinson Road will, ins Zentrum der jüdischen Einheitsgemeinde Hongkong.

Bis auf einige alteingesessene Familien, die einst aus Bagdad kamen und deren Wurzeln bis 1840 zurückreichen, sind die wenigsten der rund 5000 Gemeindemitglieder chinesische Staatsbürger. Die meisten Juden in Hongkong sind »permanent residents« mit dauerhafter Aufenthaltserlaubnis.

kehila Dazu gehört auch Erica Lyons. Die New Yorker Journalistin lebt seit zwölf Jahren in der südchinesischen Wirtschaftsmetropole. Hongkong sei ein Ort, an dem man gut leben könne, sagt Lyons. Nicht nur wegen seiner bunten Mischung aus westlichen und asiatischen Kulturen und seiner ausgesprochen vielfältigen jüdischen Gemeinde mit sieben Synagogen, sondern auch wegen seines Sonderstatus: Seit der Rückgabe der früheren britischen Kronkolonie 1997 an China wird Hongkong nach dem Grundsatz »ein Land, zwei Systeme« als eigenes Territorium autonom regiert.

Lyons ist Herausgeberin der Zeitschrift »Asian Jewish Life« und Mitglied im Leitungsgremium der Synagoge Ohel Leah, der ältesten Synagoge der Stadt. Den Weg zur Arbeit legte sie wegen der Proteste in den vergangenen zwei Wochen lieber zu Fuß zurück. Denn der Highway, den sie sonst mit dem Auto überquert, glich bis vor Kurzem eher einem Campingplatz als einer sechsspurigen Autobahn – bis die Polizei Anfang dieser Woche dazu überging, die Blockaden zu räumen, nachdem die Proteste der Demokratiebewegung »Occupy Central« wieder aufgeflammt waren. Die Demonstranten begehren vor allem gegen den Beschluss der kommunistischen Führung in Peking auf, der vorsieht, bei der Wahl des Hongkonger Verwaltungschefs 2017 nur vorab bestimmte Kandidaten zuzulassen.

»Das ist nicht unser Kampf, sondern der der Hongkonger«, betont die Amerikanerin. Daher gebe es unter den Protestierenden auch keine offiziellen jüdischen Stimmen. Aus lokalen politischen Angelegenheiten hält sich die jüdische Gemeinde eher heraus. Dennoch haben die Proteste auch unter den Hongkonger Juden Spuren hinterlassen – bei den einen als Erinnerung an eine schulfreie Woche und organisatorische Schwierigkeiten vor Jom Kippur, bei anderen als beispielloses Vorbild für eine bislang auffällig friedvolle Demokratiebewegung. So musste beispielsweise die liberale Synagoge ihre Vorbereitungen zu Jom Kippur in viel kleinere Räumlichkeiten verlagern – zu dem ursprünglich geplanten Saal gab es einfach kein Durchkommen. Und die Kinder der jüdischen Schule hatten eine Woche lang frei.

Mut »Nichts weiter als ein paar Unbequemlichkeiten«, winkt Erica Lyons verständnisvoll ab. Diese Auswirkungen aufs Gemeindeleben hält sie für minimal angesichts der aus ihrer Sicht berechtigten Anliegen von Occupy Central. So wie Lyons unterstützen viele Gemeindemitglieder die Demonstranten auf ihre Weise, indem sie Sympathie ausdrücken, die Protestierenden mit Lebensmitteln versorgen oder einfach nur zuhören. Lyons selbst war vom ersten Tag der Proteste an dabei, zusammen mit ihren drei Kindern. »Für uns ist Demokratie selbstverständlich. Doch hier gehen Menschen dafür auf die Straße. Das wollte ich meinen Kindern zeigen – den Mut und die Ausdauer von Menschen, die aktiv für Demokratie eintreten«, so die Journalistin.

Auch Simon Goldberg besucht die Protestierenden täglich und zeigt so seine Solidarität. Der 23-Jährige, der in Israel und den USA aufwuchs und selbst als Student das internationale Studentennetzwerk »Triangles of Truth« gründete, unterrichtet Jüdische Studien an der Hongkong International School und baut hier ein »Holocaust and Tolerance Centre« mit auf. Aus seiner Sicht zielt die Protestbewegung zwar auf lokale Interessen ab, doch liege die historische Dimension auf der Hand. Indifferenz, habe Elie Wiesel kürzlich gesagt, sei eine ebenso große Bedrohung für eine Gesellschaft wie offener Hass, zitiert Goldberg.

Anders als Lyons identifiziert er sich sehr wohl mit dem Protest der Hongkonger. »Wir haben durchaus ein Eigeninteresse hier: Wir wissen, dass nicht erst Genozid, Gewalt und Extremismus, sondern schon die geringsten Übergriffe auf Demokratie uns alle angehen.« Daher geht es laut Goldberg vor allen Dingen darum, durchzuhalten – auch wenn die Hongkonger Polizei mittlerweile die Straßenbarrikaden auf dem Highway abgebaut hat. Er glaubt nicht, dass Peking Zugeständnisse machen wird. Umso mehr beeindruckt ihn der Zusammenhalt der Menschen, auch jetzt: »Sie handeln nicht als verrückter Mob, sondern aus Liebe zu ihrem Zuhause, das sie sich hier aufbauen wollen.«

Facebook Goldberg ist davon überzeugt, dass die Wirkung der Proteste weltweit zu spüren sein wird. Unter den Demonstranten ist auch Goldbergs Kollegin Nicole Izsak. »Es ist das erste Mal, dass ich es erlebe, dass ein paar von uns sich in einer lokalen Angelegenheit engagieren, erzählt die Britin, die seit sechs Jahren für diverse jüdische Organisationen in Hongkong arbeitet. Seit Beginn der Proteste war sie jeden Tag dabei, hörte zu, postete Bilder auf Facebook und brachte Regencapes und Decken. Sie blieb auch dann, als die Polizei Tränengas gegen die Demonstranten einsetzte.

Was sie bis jetzt am meisten beeindruckt habe, so Izsak, seien die Leidenschaft, Friedfertigkeit, Kreativität und Selbstorganisation der Demonstranten – und der unerschütterliche Glaube an ihre Ideale. »Da war nicht nur dieses Feuer in ihren Augen. Die jungen Leute haben aufgeräumt, Stände aufgebaut, Essen, Wasser und Medikamente verteilt, sie waren bis jetzt einfach unglaublich diszipliniert«, berichtet Izsak. Wie viele Beobachter hofft sie, dass das so bleibt.

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