Polen

Aufstand der Chancenlosen

Das Mahnmal von Sobibor Foto: Gabriele Lesser

Doppelte Stacheldrahtzäune rundum, bewaffnete SS-Männer auf Wachtürmen, und aggressive Schäferhunde, die jeden Flüchtenden zerfleischen würden – wie sollte in einem so bewachten Konzentrationslager ein Aufstand gelingen? Und doch leisteten Juden während der Schoa immer wieder Widerstand. Die größte Massenflucht gelang vor genau 75 Jahren im SS-Vernichtungslager Sobibor im deutsch besetzten Ostpolen. Weder das Sumpfgebiet noch der verminte Todestreifen hinter den Lagerzäunen konnte die Aufständischen abschrecken.

Lejb Felhendler aus Polen und Sascha Petscherski aus der Ukraine planten Aufstand und Flucht bis ins Detail. Nicht alles klappte. Doch am 14. Oktober 1943 gelang es, den stellvertretenden SS-Kommandanten mit einem gezielten Axthieb zu töten, dann den Kommandanten der ukrainischen Wachmannschaft, insgesamt ein Dutzend Uniformierte.

Kampf Die Telefonleitungen werden gekappt. Ein Pfiff aus der Trillerpfeifer ruft zum Appell, Petscherski, der als Offizier der Roten Armee viel Kampferfahrung sammeln konnte, weiht alle rund 600 Gefangenen ein und gibt das Zeichen zum Kampf um Leben und Freiheit. Felhendler übersetzt ins Jiddische. Jubelnd und mit lauten »Hurra!«-Rufen stürmen knapp 400 Männer und Frauen aus dem Lager in den rettenden Wald. Die meisten schaffen es nicht.

Über 100 sterben bereits im Kugelhagel der verbliebenen Wachleute, werden von den Minen vor dem Lager zerfetzt oder versinken im trügerischen Moor. Doch die im Lager verbliebenen Gefangenen haben überhaupt keine
Chance. Körperlich zu schwach zur Flucht, zu überrascht vom plötzlichen Tumult oder auch eingeschlossen in anderen Lagerbereichen, suchen sie in den Baracken Schutz, werden aber allesamt von den zurückkehrenden oder neu nach Sobibor beorderten SS-Männern erschossen.

Rund 200 Aufständische erreichen den Wald. Doch der Hetzjagd durch die SS schließen sich auch deutsche Wehrmachtssoldaten an, die polnische und mit den Nazis kollaborierende »blaue Polizei« sowie antisemitische oder um ihr Leben fürchtende Dorfbewohner.

Todesstrafe Tatsächlich hatten die Deutschen im besetzten Polen jegliche Hilfe für Juden unter Androhung der Todesstrafe verboten. So ist es auch für geflüchtete Juden in Polen beinahe unmöglich, dem Tod zu entrinnen – ohne Geld und Waffen, ohne geografische Kenntnisse und ohne polnische Freunde oder Bekannte. Dennoch überleben am Ende 62 Sobibor-Flüchtlinge, darunter 49 aus Polen, zwei Niederländer, neun aus der Sowjetunion, ein Tscheche und ein Franzose. Es sind 54 Männer und acht Frauen.

Petscherski gelang die Flucht über den Bug nach Osten, wo er sich sowjetischen Waldpartisanen anschloss. Zwar litt der studierte Musikwissenschaftler nach 1945 wiederholt unter Repressalien, da Josef Stalin, der sowjetische Kriegs-»Generalissimus« und Diktator bis 1953, ehemalige deutsche Kriegsgefangene zu »Verrätern an der Sowjetunion« erklärt hatte. Doch emigrierte Petscherski nicht nach Israel, wie es später viele der Sobibor-Flüchtlinge taten, sondern blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1990 in Rostow am Don wohnen.

Vor zwei Jahren zeichnete ihn Russlands Präsident Wladimir Putin posthum mit einer Tapferkeitsmedaille aus. Lejb Felhendler aus der polnischen Landgemeinde Zółkiewka bei Lublin hatte weniger Glück. Zwar gelang auch dem zweiten Anführer des erfolgreichen Sobibor-Aufstandes die Flucht durch die Wälder, er gründete sogar ein Geschäft in Lublin und wähnte sich bereits in Sicherheit, als ihn ein Soldat der Polnischen Heimatarmee (AK) erschoss. Das Kriegsende am 8. Mai 1945 erlebte er nicht mehr.

Zeugnis Doch die anderen Aufständischen legten immer wieder Zeugnis ab, identifizierten in Nachkriegsprozessen deutsche, österreichische und ukrainische Täter und publizierten – wie Toivi Blatt oder Jules Schelvis. Nach dem Aufstand und der Massenflucht in Sobibor machte die SS auf Befehl Heinrich Himmlers das Vernichtungslager dem Erdboden gleich. Die Nazi-Schergen sprengten die Gaskammern, in denen sie zuvor rund 200.000 Juden ermordet hatten, vernichteten alle Spuren und pflanzten auf dem Gelände Kiefern und Pinien an.

Doch Zeitzeugen, Archäologen und Historiker konnten viel rekonstruieren. In zwei Jahren will Polens Regierung auf der neu gestalteten Gedenkstätte auch ein neues Museum eröffnen. Die Bundesrepublik will die Ausstellung mit einer Million Euro mitfinanzieren. Das Gebäude steht schon.

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026

Österreich

Hamas-Narrative im ORF?

Für die Österreichische Medienbehörde ist klar, dass der ORF den Krieg im Gazastreifen in einer ausgestrahlten TV-Dokumentation verzerrt hat

von Nicole Dreyfus  30.03.2026

Porträt

Challa vom Prinzen

Idan Chabasov wurde mit seinen kunstvollen Zopfkreationen auf Instagram berühmt. Sein simples Rezept: Mehl, Wasser, Hefe und Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft. Seine ersten Challot hat er in Berlin gebacken

von Nicole Dreyfus  29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026

Großbritannien

Wegen Hamas-Lob: Polizei nimmt Ärztin zum fünften Mal fest

Immer wieder machte die britisch-palästinensische Medizinerin Rahmeh Aladwan mit antisemitischer Hetze von sich reden. Doch auch dieses Mal wurde sie nicht in Haft genommen

 27.03.2026

Krieg gegen Iran

USA könnten Abfangraketen für die Ukraine nach Nahost umleiten

Schicken die USA für die Ukraine vorgesehene Rüstungsgüter in den Nahen Osten? Ein Bericht der »Washington Post« sorgt Aufsehen - vor allem, weil eine Nato-Initiative betroffen sein könnte

 26.03.2026

Großbritannien

Angriff auf Ambulanzen

Eine iranisch-islamistische Terrorgruppe bekennt sich zu einem Anschlag auf den jüdischen Rettungsdienst Hatzola

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  25.03.2026