Sport

Auf die Plätze, fertig – los!

Dabei sein ist nicht alles: Wie diese Beachvolleyballerinnen wollen auch die meisten Sportler bei den Europäischen Makkabi-Spielen in Wien Medaillen gewinnen. Foto: imago

Der Tischtennisspieler Jair Zelmanovics trainiert derzeit fünf Mal pro Woche. Im Juli wird er gemeinsam mit rund 1.800 Sportlern aus 39 Ländern an den 13. Europäischen Makkabi-Spielen in Wien teilnehmen.

Zelmanovics ist aber auch Head of Delegation der österreichischen Mannschaft: Mit knapp 200 Sportlern ist das Gastgeberland bei diesen Spielen stark vertreten. Die größte Mannschaft kommt allerdings aus Großbritannien: 231 jüdische Sportlerinnen und Sportler reisen von der britischen Insel nach Wien. Deutschland ist mit 186 Teilnehmern zu Gast, die Schweiz mit 42.

Oskar Deutsch, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien und Vorsitzender der diesjährigen Makkabi-Spiele, freut sich, dass das Sportereignis erstmals nach 1945 in einem deutschsprachigen Land stattfindet. »Viele haben gemeint, nach dem Holocaust darf man hier keine jüdischen Wettkämpfe austragen«, so Deutsch. Doch nun sei der Bann gebrochen.

»Wir zeigen, dass Hitler nicht gewonnen hat und wir Juden heute da sind. Wir sind nicht nur geistig, sondern auch körperlich fit.« Für durchaus möglich hält es Deutsch, dass die Makkabi-Spiele in vier oder acht Jahren in Deutschland ausgetragen werden. »Das Eis ist gebrochen.«

Finanzkrise Die »Spiele der Superlative«, wie Deutsch sie im Vorjahr angekündigt hatte, dürften es aber in Wien doch nicht werden. Denn die Finanzkrise hat den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung gemacht. Bei den letzten Spielen 2007 in Rom waren 1.800 Sportler am Start.

Für die Wiener Wettkämpfe hatte man ursprünglich 2.200 Athleten erwartet. Doch die Teilnahmegebühr in Höhe von 920 Euro – hinzu kommen die Flug- oder Bahnkosten – dürfte manchen davon abgehalten haben, nach Wien zu reisen. Zwischenzeitlich hatten sich über 2.200 Sportler registriert, erzählt Deutsch. Tatsächlich werden nun an die 1.800 teilnehmen. 500 von ihnen sind Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren. Dreißig Madrichim kümmern sich während der Spiele um sie.

Die Eröffnungszeremonie am 6. Juli wird auf dem Rathausplatz im Zentrum Wiens abgehalten. Ein Novum ist, dass ein Staatsoberhaupt, in diesem Fall Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer, die Spiele eröffnet. »In Israel ist das selbstverständlich«, betont Deutsch. Durch das Showprogramm führen die Wiener Sängerin Timna Brauer und der österreichische Fernsehmoderator Volker Piesczek.

Mehrfach soll an diesem Abend der Bogen von Wien nach Israel gespannt werden: Geboten wird eine Zeitreise mit Theodor Herzl zu den Meilensteinen jüdischer Geschichte in Österreich. Dabei ist unter anderem Maximilian Schell zu sehen. Das Musikprogramm wiederum reicht von den Wiener Sängerknaben bis zur israelischen Musikerin Sarit Hadid. Wiens Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg wird das Jiskor-Gebet sprechen.

Event Eisenberg kam bereits im Vorfeld der Spiele eine tragende Rolle zu: Er war einer der Läufer, der die aus Israel eingeflogene Makkabiflamme Ende Mai im Rahmen des alljährlichen jüdischen Straßenfestes bei einem Fackellauf durch die Wiener Innenstadt trug. Im Rahmen dieses Fests präsentierten sich die Spiele auch als Großevent, das fast vollkommen ehrenamtlich organisiert und dann auch mithilfe von Freiwilligen durchgeführt wird.

250 Freiwillige haben die Brüder Rafael und Benjamin Gilkarov in den vergangenen anderthalb Jahren motivieren können, sich während der Spiele zu engagieren. Für Mitglieder der jüdischen Gemeinde sei es vor allem die Möglichkeit, hier in der ersten Reihe mit dabei zu sein, betont Rafael Gilkarov. Denn allen sei klar, dass es ein so großes jüdisches Event in Wien so bald nicht wieder geben werde. Aber auch nichtjüdische Freiwillige haben sich gemeldet.

Die Aufgaben der Ehrenamtlichen sind mannigfaltig: Sie sorgen dafür, dass an den Sportstätten das nötige Equipment vorhanden ist, setzen die Teilnehmer in die richtigen Busse (vor jedem der insgesamt fünf Hotels wird ein Minibus-Terminal eingerichtet), betreuen die Informationsstände in den Hotels und die elektronische Datenverarbeitung, schauen, dass bei der Essensausgabe kein Chaos ausbricht, und kümmern sich um die 500 Jugendlichen.

Für sie wurde ein besonderes Programm ausgearbeitet. So wird es am Schabbat Begegnungen mit Zeitzeugen geben, denn, so Deutsch, die Erinnerung an die Schoa sei untrennbar auch mit Wien verbunden. Eine Jewish Walking Tour macht die angereisten Jugendlichen, aber auch jene, die in Österreich leben, mit namhaften jüdischen Persönlichkeiten bekannt. Schauspieler schlüpfen dabei etwa in die Rolle von Sigmund Freud oder Theodor Herzl.

International Kultur, in einem ganz anderen Rahmen, wird auch bereits am Vorabend der Eröffnung großgeschrieben: Im Prunksaal der Nationalbibliothek führt das international besetzte Ensemble Shir Ami am 5. Juli Stücke jüdischer Komponisten auf, deren Kunst unterdrückt, verleugnet oder totgeschwiegen wurde. Manche von ihnen wurden von den Nazis ermordet, anderen gelang die Auswanderung. Ihre Geschichten wird an diesem Abend Gergely Sugar, Hornist der Wiener Symphoniker und treibende Kraft von Shir Ami, erzählen.

Sportliche Wettkämpfe werden bei den Spielen in 17 Disziplinen ausgetragen: Badminton, Basketball, Beachvolleyball, Bridge, Schach, Fechten, Feldhockey, Fußball, Futsal, Golf, Squash, Schwimmen, Bowling, Tischtennis, Volleyball und Zielschießen. Spitzensportler sind unter den Wettkampfteilnehmern nicht zu erwarten.

Deutsch freut sich allerdings über den Besuch einer jüdischen Schachspielerin von Weltrang während der Makkabi-Spiele: Die Ungarin Judit Polgár tritt am 10. Juli simultan gegen 20 Gegner an. Vor dem Spiel wird der Platz vor dem Büro des Schachverbands umbenannt. Er erhält den Namen des österreichischen Schachmeisters Rudolf Spielmann (1883–1942).

Heiratsmarkt Neben dem sportlichen sind Makkabi-Spiele auch immer gesellschaftliche Großereignisse. Hier kommen Juden aus vielen Ländern zusammen. »Zum Teil werden da auch recht nette Bande geknüpft«, bringt es Robert Uri, der 2003 in Antwerpen im Basketball-Team antrat, auf den Punkt. Und Zelmanovics ergänzt: Er wisse von einigen Leuten, die während der Spiele ihren späteren Ehepartner kennengelernt hätten. Dazu beitragen kann auch das große Abschlussfest, eine Israel-Party, zu der die Veranstalter in eine Location in Vösendorf im Süden Wiens einladen.

Von der Eröffnung bis zur Party am Ende hat eines oberste Priorität: die Sicherheit. Der Sportarzt und ehemalige Leistungsschwimmer Paul Haber, der für die medizinische Betreuung während der Spiele verantwortlich ist, bezeichnet einen Terroranschlag als »Worst Case Szenario«, auf das man sich aber nicht vorbereiten könne und auch nicht wolle. Deutsch betont, dass die Koordinierung zwischen den staatlichen und den Sicherheitskräften der IKG Wien bestens funktioniere.

Als größte Herausforderung sieht der Vorsitzende der Spiele die Versorgung aller Teilnehmer mit koscherem Essen. Hier habe mit Eurest eine Großküche gewonnen werden können, die zuvor komplett gekaschert werde und während der Spiele die nötigen mehr als 5.000 Portionen pro Tag liefere.

Wenn alles so reibungslos abläuft, wie Deutsch sich das erhofft, werden die Spiele aus seiner Sicht eine »Visitenkarte« für die IKG Wien. Hier könne man die jüdische Infrastruktur der Stadt präsentieren, die frommen Juden die Einhaltung der Kaschrut ermöglicht und säkularen Juden ein breites Veranstaltungs- und Kulturprogramm bietet. »Es ist für jeden etwas dabei.«

www.emg2011.eu

Zahlen und Fakten
Die 13. Europäischen Makkabi-Spiele finden vom 5. bis 13. Juli in Wien statt. Erwartet werden 1.800 Sportlerinnen und Sportler aus 39 Ländern. Über neun Tage treten die Amateursportler in 17 Disziplinen gegeneinander an. Der jüngste Teilnehmer ist zwölf Jahre alt, die Älteste 100. Die Veranstalter erwarten rund eine Million Zuschauer. Das erste Mal fanden die Spiele 1929 in Prag statt, zuletzt vor vier Jahren in Rom. Die Europäischen Makkabi-Spiele werden alle vier Jahre ausgetragen. Ebenfalls alle vier Jahre geht die Makkabiade, die große Schwester der europäischen Spiele, über die Bühne. Die Makkabiade ist die größte jüdische Sportveranstaltung weltweit. Das Konzept ähnelt dem der Olympischen Spiele. Erstmals ausgetragen wurden die Makkabi-Spiele 1932 in Tel Aviv.

Pilot Adam Edelman (links) und Bremser Menachem Chen auch Israel, was noch keinem israelischem Bob-Team vor ihnen gelang: eine Olympia-Qualifikation ohne Trainer

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