Türkei

Angriff auf Synagogen

Streitobjekt Tempelberg: Anti-Israel-Demo in Istanbul Foto: Reuters

Auf den gewalttätigen Protest von Ultranationalisten in Istanbul reagierte die jüdische Gemeinde noch am selben Abend mit einem Tweet. Am Donnerstag um 21.13 Uhr verschickte sie folgende Zeilen: »Wir verurteilen die provokante Demonstration vor unserer Neve-Schalom-Synagoge und erwarten von den zuständigen Behörden das Erforderliche.«

Drei Tage dauerte es, bis sich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu den antisemitischen Demonstrationen vor zwei Synagogen in Istanbul äußerte. In der Zwischenzeit hatte eine Gruppe von Männern eine weitere Synagoge attackiert. Organisiert wurden die Proteste von einer Gruppierung, die den Namen »Alperen Ocaklari« trägt. Es handelt sich dabei um eine ultranationalistische und islamistische Vereinigung, die auch in Deutschland aktiv ist.

Metalldetektoren Anlass für die gewalttätigen Demonstrationen waren die Metalldetektoren, die Israels Regierung vorübergehend am Jerusalemer Tempelberg installiert hatte. »Wer unsere Glaubensbrüder vom Beten in der Al-Aksa-Moschee abhalten will, den halten wir auch vom Beten ab«, erklärte der Anführer des Protests in einem Video über den Überfall auf die Neve-Schalom-Synagoge, das in den sozialen Netzwerken im Umlauf ist.

Es kursierte dort aber nicht nur dieses Video. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi verwendete noch am Donnerstagabend in einer Twitter-Nachricht zu landesweit geplanten Anti-Israel-Protesten ein Foto vom Angriff auf die Neve-Schalom-Synagoge. Der staatliche Sender TRT wiederum gestaltete mit demselben Foto einen Tweet zu einem Beitrag, der sich mit den Auseinandersetzungen am Tempelberg befasste.

Die jüdische Gemeinde twitterte daraufhin, dass die Nachrichtenagentur die türkischen Juden zur Zielscheibe mache. Eine der vielen antisemitischen Reaktionen darauf: »Wem es hier nicht gefällt, der soll nach Israel (gehen)!« Inzwischen haben sowohl TRT als auch die staatliche Nachrichtenagentur die Tweets gelöscht.

Antisemitismus Eine Diskussion über den Antisemitismus in der Türkei findet derzeit vor allem in den sozialen Medien statt. Die Reaktionen auf die Vorfälle der vergangenen Woche machen deutlich, wie stark der Antisemitismus in der türkischen Bevölkerung verbreitet ist, dass türkische Juden nicht als Bürger des Landes gelten, und wie wenig unterschieden wird zwischen der israelischen Politik und den türkischen Juden.

Einige wenige türkische Medien berichteten über die jüngsten antisemitischen Übergriffe, darunter auch die Tageszeitung Hürriyet. Der Kolumnist Murat Yetkin traut sich zu schreiben, was wohl viele türkische Juden denken. Am Tag nach der Demonstration vor der Neve-Schalom-Synagoge, bei der das Gebäude mit Steinen beworfen und mit Schlagstöcken auf die Eingangstür eingehauen wurde, erinnert Yetkin in der Online-Ausgabe von Hürriyet an die Übergriffe vom 6. und 7. September 1956 auf Gotteshäuser, Geschäfte und Wohnhäuser von Nichtmuslimen in Istanbul. Dieses Datum ist eine Zäsur für die Minderheiten in der Türkei. Viele verließen nach diesem Pogrom das Land. Yetkin schreibt: »Wir sollten von der Vergangenheit lernen und uns davor hüten, zu Ähnlichem beizutragen; anstatt zu provozieren, sollten wir beschwichtigen.«

Der Anthropologe Aykan Erdemir, Mitarbeiter der Foundation for Defense of Democracies, weist auf einen Aspekt hin, der in den Medienberichten kaum auftaucht: Sicherheitskräfte hielten die Demonstranten nicht ab und schritten nicht ein, als die Synagoge mit Steinen beworfen wurde. »Die türkischen Behörden erlaubten diesen gewalttätigen antisemitischen Protest«, schreibt Erdemir in einem Policy Paper, das er auf der Internetseite der Stiftung veröffentlichte. Erstaunlich sei das insofern, weil Polizisten sonst sogar friedliche Demonstrationen brutal niederschlügen.

Die jüngsten Angriffe und das Versagen der Regierung deutet Erdemir, der zwischen 2011 und 2015 Parlamentsabgeordneter der Oppositionspartei CHP war, als weiteres Zeichen »für den alarmierenden Anstieg von antisemitischer Hetze und Hassverbrechen sowie der Einschränkung der Religionsfreiheit unter Präsident Recep Tayyip Erdogan«.

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