Schweiz

Angekommen

Die israelische Sängerin Ella Ronen hat in Zürich musikalisch und persönlich ihren Ort gefunden

von Nicole Dreyfus  15.11.2020 10:31 Uhr

»Liebe befreit«, sagt Ella Ronen, hier an einem der letzten warmen Herbsttage in Zürich. Foto: Massimo Rodari

Die israelische Sängerin Ella Ronen hat in Zürich musikalisch und persönlich ihren Ort gefunden

von Nicole Dreyfus  15.11.2020 10:31 Uhr

»Willkommen im Universum / Bitte hab’ einen schönen Tag / Willkommen im Universum / Wir hoffen, dass du deinen Aufenthalt genießt / Du hast so lange gebraucht, um hierherzukommen / Aber du hast es trotzdem geschafft«, singt Ella Ronen auf Englisch in ihrem neuen Song »Welcome to the Universe«.

Auch wenn nicht klar ist, an wen sich die Worte der Sängerin richten, erinnern die Zeilen an ihren persönlichen Werdegang. Denn auch Ella hat lange gebraucht, um anzukommen, »als Mensch, als Mutter, als Sängerin«, sagt sie. Aber sie hat es geschafft – eine Israelin, die in der Schweiz Fuß gefasst hat, musikalisch und privat. Seit fast zehn Jahren wohnt sie dort, mittlerweile in Zürich, davor einige Jahre in der Westschweiz. Zwischendurch war sie immer wieder für eine gewisse Zeit in Israel.

zuhause Das Hin und Her, die Suche nach einem Zuhause und damit die Suche nach Identität verarbeitet die 33-jährige Sängerin, die das Deutschschweizer Publikum über die Talentshow The Voice of Switzerland kennengelernt hat, auf ihrem dritten Studioalbum »Motherland«, das voraussichtlich im kommenden Frühjahr erscheint.

Ihre Songs verbinden Folk, Rock und Blues mit orientalischen Klängen.

Zwei Single-Auskopplungen − das Video dazu wurde in Zürich und am Sihlsee gedreht − hat sie bereits daraus veröffentlicht: »Welcome to the Universe« und »Bubble«, ein Song, der mit seinen Folkelementen eine, man könnte fast sagen, schüchterne Liebesbeziehung mit orientalischen Klängen eingeht. Diese Kombination entspricht der Sängerin, verinnerlicht sie doch beide Welten, jongliert mit ihnen und tastet sich immer wieder aufs Neue an die eine oder andere heran.

Auf die Frage, was denn Heimat für sie bedeutet, antwortet sie: »Liebe befreit«, und meint damit, dass Heimat oft das Individuum packe und nicht mehr loslasse.

Viele, besonders auch Israelis, blieben einfach an dem Ort, von dem sie meinen, von Geburt an zu Hause zu sein. Doch Ella hat sich auf einer Reise mit Zwischenstopp Schweiz verliebt – nicht in das Land, wohl aber in einen Mann, der später ihr Mann und noch etwas später der Vater ihrer beiden Kinder geworden ist.

Darum befreie Liebe. »Es geht weniger um die Frage, wo, als vielmehr darum, wie man ein Zuhause gründen will.« Ella hat es in Zürich-Enge gegründet, wo sie mit ihrer Familie heute wohnt.

FERNBEZIEHUNG Geplant war dies nicht. Nach einiger Zeit Fernbeziehung entschied sich Ella Ronen, für ihre Liebe in die Schweiz zu ziehen. Vevey war die erste Station. »Es war schön, die Leute nett, die Kleinstadt am Genfersee hübsch. Aber zu Hause habe ich mich dort nicht gefühlt«, erzählt sie von dieser Zeit, als sie bereits erste musikalische Erfolge in Israel hatte – ihr zweites Studioalbum »Toska« war auf Hebräisch getextet – und in der Schweiz noch einmal komplett von vorn beginnen musste.

Hinzu kam die Sprache. Die französischsprachige Schweiz habe einen völlig anderen musikalischen Fokus, sie orientiere sich nach Frankreich. Und Ella, die bisher hauptsächlich auf Hebräisch gesungen hatte, wurde sich bewusst, dass sie in Europa ohne englische Songtexte kaum Erfolg haben würde.

»Das Musikstudium in Tel Aviv war mein Fundament. Songwriting, Harmonielehre und die ganze Basis der klassischen Musik trug ich in meinem Rucksack. Was mir allerdings fehlte, war die englische Sprache. Obwohl ich mich darin ganz gut artikulieren konnte, war es zu wenig, um auf Englisch einen guten Song zu schreiben.« Also entschied sich Ella, an der Universität Lausanne englische Literatur zu studieren. »Nur so konnte ich die Tiefenstruktur der Sprache wirklich erlernen.«

corona-krise Mittlerweile denkt die Künstlerin, die ihren Master an der Universität Tel Aviv abgeschlossen hat, sogar daran, vielleicht irgendwann eine Doktorarbeit zu schreiben. Derzeit fokussiert sie sich aber vor allem auf das Schreiben neuer Songs. Doch die Corona-Krise hat die Sängerin ausgebremst. Sie stand kurz vor der Veröffentlichung von »Motherland«.

Beflügeln Krisen nicht die Kreativität? Ella schüttelt den Kopf: »Im Gegenteil, am Anfang befand ich mich wie in einem Stillstand. Ich war gerade am Ende meines zweiten Mutterschaftsurlaubs und wollte mich wieder mit aller Kraft in die Musik hineinstürzen, vor allem in die Live-Musik.« Doch ohne Konzerte könne man in der Musikbranche heute nicht überleben. »Früher wollte jeder einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma.« Doch durch das Musikstreaming habe sich das geändert, es seien die Konzerte, womit man das Geld verdiene.

»Doch dann kam Corona, und ich fragte mich, ob ich mit der Musik überhaupt noch eine Zukunft habe. Wenn ich ehrlich bin, habe ich bereits darüber nachgedacht, welcher Beruf mich glücklich machen könnte außer der einer Musikerin.«

HOFFNUNG Irgendwann habe sich dann aber wieder etwas Hoffnung in ihr breitgemacht. Sie konnte wieder an einzelnen Gigs spielen. Aber sie weiß auch, »dass das Virus seine Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen hat. Und wir müssen die Veränderungen akzeptieren«. Ob sie die Krise in ihren Songs verarbeiten wird, wisse sie noch nicht, sagt sie.

Aber sie nutze ihre Songs auf jeden Fall dazu, »ungehörten Stimmen eine Plattform zu geben. Insofern manifestiert sich die Krise auch in meiner Musik.« Damit spricht Ella all das an, was sich durch die Krise auf einen Schlag konkretisiert hat: die Black-Lives-Matter-Debatte oder auch die Proteste in Israel.

»Wir müssen vom Gas heruntergehen«, ist sie überzeugt. Die großen Fragen lassen ihr wenig Ruhe. Sie engagiert sich politisch und hat zusammen mit anderen Künstlerinnen die Plattform »Minomusiccollective« gegründet, die sich für mehr Sichtbarkeit von Minderheiten in der Musikbranche einsetzt. Verschiedene Projekte hat sie zusammen mit Brandy Butler und Sarah Palin bereits gegründet und geleitet.

Das Kollektiv wird von der Stadt Zürich und der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich unterstützt und möchte eine nachhaltige Zukunft für die Musikindustrie schaffen. »Wir haben eine integrative feministische Agenda und legen großen Wert darauf, Talente zu präsentieren, die nicht unbedingt weiß und/oder männlich sind, wie bis heute die Musikbranche hauptsächlich strukturiert ist.«

MUTTERSEIN Und dann lebt Ella Ronen wieder im Kleinen, in ihrer Welt als Mutter. Der erste Lockdown habe sie zu einer Vollzeitmutter gemacht, dem sie auch vieles abgewinnen konnte. So wurde sie sogar beim Schreiben von Songs ökonomischer. Wo sie sich früher mit Stift und Papier hingesetzt habe, um zu texten und einem Lied formal eine Struktur zu geben, singe sie nun den Text immer wieder vor sich hin.

»Meine Kinder finden das natürlich gar nicht lustig, wenn ich rund um die Uhr, beim Windelwechseln oder beim Kochen stets dieselbe Melodie oder neue Texte wiederhole. Aber nur so kann ich mir den Song merken. Und wenn ich mich nicht daran erinnere, war es kein guter Song.«

In ihrer Band, die «beste der Welt«, wie Ella sagt, singt sie nicht nur, sondern spielt auch Ukulele und Klavier. Mit ihrer Stimme hat sie damals das Team von Rapper Stress bei der ersten Staffel von The Voice of Switzerland überzeugt − bis sie am Ende der Battles ausschied, was sie aber nicht störte. »Im Gegenteil, als ich neu in der Deutschschweiz war, dachte ich, das wäre eine gute Gelegenheit, ein neues Publikum zu gewinnen.«

werbespot Das gelang ihr auch. Ihre Musik klingt anders, als man von einer ehemaligen »The Voice«-Kandidatin erwarten würde. In ihren Songs vermischen sich nahöstliche Klänge mit Jazz und Rock, und auf dem letzten Album Mirror Maze (deutsch: Spiegellabyrinth) gesellen sich Indie-Pop- und Folk- zu Blues-Elementen. Einige ihrer Lieder werden regelmäßig von Radiostationen in der Schweiz und in Israel gespielt. Der Song »Please« ging in einem Werbespot um die ganze Welt.

Im nächsten Frühjahr erscheint ihr drittes Album: »Motherland«.

Natürlich machten ihre Eltern, die Mutter kommt ursprünglich aus Ungarn, der Vater aus dem Iran, nicht gerade Luftsprünge, als sie verkündete, Israel zu verlassen. Und doch hätte ihre Mutter nach dem Tod des Großvaters − er war Holocaust-Überlebender und am Aufbau des Staates Israel beteiligt − das Projekt vorangetrieben, dass alle ihre fünf Kinder einen EU-Pass erhalten, »um einen Zugang zur Welt« zu erhalten, wie Ella erzählt.

Aufgewachsen in Neve Monosson, einer kleinen Siedlung am östlichen Rand von Tel Aviv, wurde sie in jeder Hinsicht von ihren Eltern unterstützt, so auch im musikalischen Bereich. Schon früh ermutigen sie ihre Tochter, Gesangsunterricht zu nehmen oder in einem Chor mitzusingen.

inspiration »Meine Mutter sagt, ich hätte bereits in ihrem Bauch gesungen.« So wirkt es auch keinesfalls übertrieben, wenn Ella Ronen behauptet, für die Musik geboren zu sein. »Wenn man wirklich für etwas leuchtet, so kann man andere damit anstecken.« Das sei ihr Ziel, andere mit ihrer Musik zu inspirieren oder zumindest durch die Musik eine Verbindung herzustellen.

Und Ella Ronen kann wirklich etwas. Ihre Stimme hat eine ganz besondere Klangfarbe. Die einen nennen sie samtig, andere gefühlsstark oder charismatisch. Ein wenig erinnert sie an Regina Spektor, doch ist es ganz klar Ella: »Du brauchst keine Angst zu haben, siehst du, du bist jetzt zu Hause / So viel ein Zuhause wie man haben könnte / Nehmen Sie sich also Zeit, es gibt genug davon.«

Ella Ronen nimmt sich Zeit: für ihre Musik, für ihre Kinder, für sich selbst. Sie hat ihr Zuhause gefunden − dort, wo sie glücklich ist.

Am Freitag, 27. November, tritt Ella Ronen um 21 Uhr in einem Online-Konzert auf. Infos unter: www.ellaronen.com

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