Schoa

An einem Tag im April

Warschauer Ghetto: Die Deutschen deportieren die wenigen Überlebenden des Aufstands. Foto: dpa

Um 6 Uhr am Morgen des 19. April rückten die deutschen Truppen und ihre Helfershelfer ins Warschauer Ghetto ein, um die noch verbliebenen 70.000 Juden in die Todeslager zu verschleppen. Diese »Aktion« war – wie so oft bereits – auf einen jüdischen Feiertag gelegt worden. Man schrieb das Jahr 1943, und es war der Rüsttag zu Pessach.

Trotz der unbeschreiblichen Not hatte man im Ghetto versucht, sich mit wenigen Mazzen und etwas Wein auf das Fest vorzubereiten. Aber nicht nur das. Denn auch auf die bevorstehende Deportation waren die Juden dieses Mal vorbereitet und konnten deshalb unter Führung des Zionisten Mordechai Anielewicz heldenhaft Widerstand leisten. Unter Verlusten mussten sich die Deutschen zurückziehen. Noch am selben Abend feierten die Juden Pessach – oder, wie der Feiertag auch heißt, die »Zeit unserer Freiheit« (Sman Cherutenu).

ghettoaufstand Auf der nichtjüdischen Seite dagegen genossen die nichtjüdischen Polen weiterhin den Frühling. Der Aufstand in unmittelbarer Nachbarschaft interessierte die wenigsten. Und nahe der Ghettomauer drehte sich weiterhin das Riesenrad. Dazu der polnische Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz in seinem Gedicht »Campo di Fiori«: »Der Wind von den brennenden Häusern/ Blies in die Kleider der Mädchen,/ Die fröhliche Menge lachte/ Am schönen Warschauer Sonntag«.

Um 9 Uhr desselben Tages fand im Kleinen Sitzungssaal Nr. 216 des Münchner Justizpalastes der Prozess gegen den Philosophieprofessor Kurt Huber sowie die Medizinstudenten Alexander Schmorell und Wilhelm Graf statt. Zwei Monate zuvor waren Hans und Sophie Scholl beim Verteilen eines regimekritischen Flugblattes Hubers im Lichthof der Münchner Universität gefasst worden. Es schloss mit den Worten: »Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus, im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre.«

In früheren Flugblättern hatten die Mitglieder der Weißen Rose offen den Massenmord an den polnischen Juden angeprangert. Wie einst Sokrates vor den Richtern in Athen stand nun ihr geistiger Mentor vor den Blutrichtern des Volksgerichtshofes. Nach Verkündung des Todesurteils hatte Huber noch einmal das Wort. Unter dem Gebrüll des Gerichtsvorsitzenden erklärte er: »Ich fordere die Freiheit für unser deutsches Volk zurück. Wir wollen nicht in Sklavenketten unser kurzes Leben dahinfristen.« Das war sehr mutig – und leider ebenso aussichtslos wie der Ghettoaufstand.

flüchtlingsfrage Am gleichen Tag noch nahm auf den Bermuda‐Inseln eine Konferenz zur Lösung der Flüchtlingsfrage ihren Anfang. Die Alliierten waren über den Judenmord mittlerweile informiert. Zudem häuften sich öffentliche Proteste, weshalb wenigstens dem Anschein nach etwas unternommen werden musste. Aber sowohl Austragungsort als auch Tagesordnung und Teilnehmerliste der Konferenz signalisierten bereits: Man wollte nicht wirklich etwas für die jüdischen Flüchtlinge tun.

Ihre Ergebnisse verschwanden im sprichwörtlichen Bermuda‐Dreieck. Und während die Propaganda der Nazis Briten und Amerikaner als »Judensöldlinge« darstellte, unternahmen beide wenig zur Rettung von Juden. Die Zusammenkunft auf den Bermuda‐Inseln war also definitiv keine Antwort des Westens auf die Wannsee‐Konferenz, sondern viel eher das fatale Signal an die Mörder, dass sie ungestört weitermachen können.

Gegen 22 Uhr desselben Tages verließ im belgischen Mechelen der 20. Judentransport Richtung Auschwitz den Bahnhof. Unter den 1631 Menschen im Zug im Alter von sechs Wochen bis 90 Jahren befand sich auch die Krankenschwester und Widerstandskämpferin Régine Krochmal. Nach der Abfahrt konnte sie sich aus dem Viehwaggon, wo sie mit den anderen eingepfercht war, befreien und sprang in eine Böschung neben dem Bahndamm. Genau in diesem Moment überfielen mutige Untergrundkämpfer den Zug und retteten so einige wenige Menschen vor dem sicheren Tod. Es war einer der ganz wenigen Akte des Widerstands in Europa, der gezielt Juden helfen sollte.

auschwitz Im Durcheinander gelang auch Régine Krochmal die Flucht. Welches Schicksal sie in Auschwitz erwartet hätte, davon zeugen die Dokumente. Von den 631 erwachsenen Frauen dieses Transports, der am 22. April Auschwitz erreicht hatte, wurden 386 sofort vergast und 112 weitere zu Menschenversuchen in den berüchtigten Block 20 überstellt. Dazu Régine Krochmal: »Ich glaube nicht an Zufälle.« In der »Magie dieses Tages« suchte sie nach Erklärungen für die Koinzidenz des einmaligen Überfalls auf den Deportationszug und ihrer Rettung.

Ghettoaufstand, Weiße Rose, Bermuda‐Konferenz und die Flucht von Régine Krochmal – all das geschah an einem einzigen Tag, am 19. April 1943. Auch in dunkelster Zeit lassen sich also Konturen des Exodus wiedererkennen. In diesem Sinne: MeAwdut LeCherut – von der Sklaverei zur Freiheit.

Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Religionslehre, -pädagogik und -didaktik an der Hoschschule für Jüdische Studien Heidelberg.

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