Fußball

Als Bayern gegen Prag verlor

Was müssen sie nervös gewesen sein, als dieser Brief bei ihnen eintraf! In München, ja, da hatten sie sich in den ersten Monaten ihrer Vereinsgeschichte schon einen guten Ruf erspielt, die Fußballer vom FC Bayern. Aber gegen den Deutschen Fußball-Club Prag (DFC), diesen legendären jüdischen Verein, waren sie nun wirklich ein Nobody.

Ausgerechnet diese Prager luden sie jetzt ein zu einem Kräftemessen. Höflich war das Schreiben formuliert, und so machten sie sich auf den 350 Kilometer langen Weg von München in die böhmische Metropole zu ihrem ersten Auslandsspiel. Es war Dezember im Jahr 1900, und tatsächlich sollte der FC Bayern München eine krachende Niederlage kassieren – mit 0:8 endete seine Premiere auf der internationalen Bühne.

Dort, wo sich die beiden Mannschaften zum ersten Mal begegneten

Heute steht Thomas Oellermann an der Stelle, wo sich die beiden Mannschaften vor 125 Jahren zum ersten Mal begegneten. Er ist begeisterter Fußballer und hat vor einigen Jahren mit Freunden den DFC wieder ins Leben gerufen, der seit seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 schon fast in Vergessenheit geraten war. »Der Fußballplatz lag ziemlich genau da vorn«, sagt Oellermann und deutet mit der Hand vage in Richtung des Landwirtschafts-Museums, dessen klobiger Bau sich auf der einstigen Brachfläche erhebt.

Inzwischen befindet sich hier auf der Anhöhe über der Prager Altstadt und direkt neben dem Letná-Park eine der begehrtesten Wohnlagen der Stadt; damals war es ein Außenbezirk, in dem es einen Schlachthof gab, die Messehalle und drei Fußballplätze, die mit Bretterzäunen voneinander abgetrennt waren. Ein Platz gehörte Slavia Prag, ein weiterer Sparta Prag und der dritte dem DFC.

Und ebendort fand die Begegnung mit dem FC Bayern München statt – »ein paar Fans waren wohl dabei«, hat Thomas Oellermann rekonstruiert, »aber eher durch Zufall: Kurz zuvor spielte nämlich direkt nebenan Slavia Prag gegen First Vienna FC, das waren beides klangvolle Namen. Den FC Bayern kannte damals niemand, aber wenn die Zuschauer schon da waren, sind sie eben anschließend auch noch für das zweite Spiel geblieben«.

»Poetische Texte ohne den genauen Spielverlauf«

Wie genau diese Partie ablief, lässt sich heute nur noch lückenhaft nachvollziehen. Zwei deutschsprachige Zeitungen berichteten darüber, das »Prager Tagblatt« und das »Prager Abendblatt« – »aber die Sportberichte sahen damals anders aus als heute, es waren eher poetische Texte ohne den genauen Spielverlauf, ohne die Mannschaftsaufstellung und all diese technischen Aspekte«, sagt Oellermann.

Die Artikel über das Spiel fielen dennoch unmissverständlich aus – und mit einem Seitenhieb auf das Selbstbewusstsein, das die Bayern schon damals zur Schau getragen haben müssen: »Ein, wie die Engländer sagen, ›one sided game‹«, schrieb einer der Kommentatoren. »Den Gästen selbst dürfte die ihnen die ganze Woche vorher gemachte persönliche Re­clame unangenehm gewesen sein, die sie als Mannschaft von ausgezeichneter absoluter Spielstärke hinstellte, eine Voraussetzung, die sie mit bestem Willen nicht erfüllen konnten.«

Gegen den DFC Prag, diesen legendären jüdischen Verein, war Bayern ein Nobody.

Das eigentlich vernichtende Urteil kam aber erst ein paar Zeilen später. »Sie sind eine mittelgroße, aber sehr starke und schwere Mannschaft; einige Spieler könnten im Interesse ihrer Condition noch an Gewicht verlieren; ihr Laufen war anfangs gut, so daß sie hierdurch viel halten konnten und in der ersten Halbzeit nur drei Goale bekamen.«

»Profis gab es damals noch nicht, alle Spieler hatten einen Hauptberuf«

Diese Beobachtung lässt sich mit der Fußballgeschichte erklären: »Profis gab es damals noch nicht, alle Spieler hatten einen Hauptberuf und konnten deshalb nicht den ganzen Tag trainieren«, sagt der Prager Sporthistoriker Filip Bláha. Beim DFC seien viele Abiturienten und Studenten dabei gewesen, aber auch Handwerker. Vor allem aber: Der DFC ging 1896 aus einem Ruderverein hervor – entsprechend gestählt waren die meisten Spieler, und das schien ein gravierender Unterschied zu Bayern München zu sein.

Prag war in jener Zeit Teil der Habsburger Monarchie, und der DFC war der Verein der deutschsprachigen Juden. »Die Jahre bis zum Ersten Weltkrieg waren ohne Frage die Glanzzeiten des DFC«, sagt Historiker Filip Bláha. Allmählich entwickelte sich der Profi-Sport, nach und nach konnten die besten Spieler mit dem Fußball ihren Lebensunterhalt verdienen. Udo Steinberg zum Beispiel, einer der Stars beim DFC, wechselte später zum FC Barcelona und erzielte im heute legendären, historisch ersten Spiel von Barcelona gegen Real Madrid die ersten beiden Tore.

Im Dezember 1900 stand er vermutlich noch in Prag beim Spiel gegen den FC Bayern München auf dem Platz. Es war die Phase, in der sich eine erste Generation der europäischen Fußballer-Elite herausbildete. »Der beste Fußball jener Zeit wurde ohne Zweifel in England gespielt, das war eine ganz andere Kategorie«, sagt Filip Bláha. Auf dem Kontinent aber gehörte der DFC zu den führenden Mannschaften – und die eiferten ihren Vorbildern in England mit großem Ehrgeiz nach.

»Mit unheimlicher Schnelligkeit vor das Goal gebracht«

Wie erfolgreich die DFC-Spieler agierten, zeigt sich in einem anderen Spielbericht von jener ersten Begegnung mit den Bayern: »Der geschickte Thorwächter (der Bayern) hatte vom Beginn des Spieles an fortwährend zu tun, und es ist hauptsächlich ihm zuzuschreiben, dass die unausgesetzten Angriffe des DFC nicht die Goal­anzahl verdoppelten. Bayern war gleich von Beginn an eingeschnürt und musste sein ganzes Augenmerk auf die Verteidigung richten. Nach zwölf Minuten schoss Mayer das erste Goal, bald darauf das zweite und dritte. Mit Halftime stand das Spiel 3:0. In der zweiten Hälfte brachte kurzes verständnisvolles Passen dem DFC verdienten Lohn. Den Bayern wurde der Ball regelmäßig vor der Nase weggenommen und mit unheimlicher Schnelligkeit vor das Goal gebracht.«

Beim Rückspiel 1906 in München siegte der DFC Prag mit 11:1.

Es ist dieser fußballerische Zauber aus den Anfangsjahren, der Thomas Oellermann für den DFC begeistert. Auch deshalb hat er den Verein im Jahr 2016 wiedergegründet. Dass die Mannschaft heute weit entfernt ist von ihrem einstigen Glanz, ficht ihn nicht an. Eine Kindermannschaft gibt es, die hauptsächlich deutschsprachig ist, und dann das Altherren-Team, in dem auch Oellermann mitspielt. »Wir haben meistens nur ein Spiel pro Jahr«, sagt er – aber immerhin: Die Legende des DFC will er aufrechterhalten, und das gelingt ihm und seinen Mitspielern mittlerweile seit zehn Jahren.

»Der Fußball war um das Jahr 1900 herum eine regelrechte Bewegungsrevolution«, sagt Thomas Oellermann. Wer bis dahin Sport trieb, der tat das vornehmlich beim Turnen mit seinen streng reglementierten und kontrollierten Bewegungen. Das spontane Spiel, der wilde Lauf, die völlig anderen Bewegungen des Fußballs waren eine Neuigkeit – und auch der Grund dafür, dass der Sport so schnell die Massen begeisterte. Die Vereine jener Zeit lernten vor allem voneinander; das erklärt auch die Reisetätigkeit jener Jahre.

Einer der Vorreitervereine in Europa

»In München hatte der FC Bayern schnell die Vormachtstellung erobert und wollte sich dann mit den Mannschaften messen, die in Europa ganz oben standen, um sich weiterzuentwickeln«, erzählt Michael Fröhlich von der Kurt Landauer Stiftung. Diese Stiftung wurde von Bayern-Fans ins Leben gerufen, die an das Wirken des einstigen Vereinspräsidenten Kurt Landauer erinnern wollen – auch er war Jude. »Dass Prag zu den Vorreitervereinen in Europa gehörte, war damals ganz klar ein Ansporn für den FC Bayern München«, sagt Fröhlich.

Zuzana Martinová hat erst jetzt davon erfahren, wie eng die Geschichte des FC Bayern München mit ihrer Heimatstadt Prag verbunden ist. Martinová ist Vorsitzende des tschechischen Bayern-Fanklubs und freut sich vor allem an den gegenwärtigen Erfolgen ihres Vereins. Von der historischen Niederlage vor 125 Jahren ahnte sie lange nichts. Ihr Urteil heute: »Das war schon eine Schande damals, das 0:8 ist ja nun wirklich ein eindeutiges Ergebnis«, sagt sie. Und dann gewinnt bei ihr doch der Lokalpatriotismus die Oberhand: »Wenn es schon so kommen musste, dann ist es gut, dass es wenigstens hier in Prag passiert ist!«

In seiner weiteren Geschichte überflügelte der FC Bayern München in sportlicher Hinsicht seinen einstigen Angstgegner aus dem ersten Auslandsspiel: Zu insgesamt vier Partien trafen die beiden Mannschaften aufeinander. 1906 trat der DFC in München zum Rückspiel an, wieder war es ein haushoher Sieg für die Prager, das Spiel endete 11:1.

In der Zwischenkriegszeit aber wendete sich das Blatt: Bei zwei Spielen gewannen die Bayern jeweils mit 4:1. »Da hat sich das Kräfteverhältnis verändert, der DFC gehörte nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr zur absoluten Spitze in Europa«, räumt Thomas Oellermann ein. Bayern hingegen wurde 1932 zum ersten Mal deutscher Meister. Und dann geht ein Grinsen über Thomas Oellermanns Gesicht: »Wenn man sich die Tordifferenz aller vier Spiele anschaut«, sagt er, »liegt der DFC trotzdem eindeutig vorn!«

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