Organisation

Alles auf Anfang

Mancher Teilnehmer fühlte sich instrumentalisiert: ECJC-Konferenz im Euro-Disneyland bei Paris Anfang April Foto: Mike Minehan

Sind Dachorganisationen in der Lage, Juden und jüdische Institutionen von Dublin bis Dnjepropetrowsk zu vereinigen? Wenn ja, welche Form sollen sie haben, und worauf soll sich ihre Arbeit konzentrieren? Wie sollen sie geführt werden? Wer soll sie finanzieren? Im Gefolge der jüngsten Ereignisse, die europaweite jüdische Institutionen erschütterten, stehen diese im Raum.

Die zurückliegenden sechs Monate erlebten den Beinahe‐Untergang des European Council of Jewish Communities (ECJC) und die Gründung eines neuen Verbands, der European Jewish Union (EJU), die von einem ukrainischen Milliardär geleitet und finanziert wird. Die EJU rief kürzlich nach einem »Europäischen Jüdischen Parlament«, dessen Gestalt und Funktion erst noch bestimmt werden müssen.

Viele Menschen sind verwirrt und warten ab, was passiert. Auch wenn diese Entwicklungen das Alltagsleben gewöhnlicher Juden wenig tangieren, sind sie Teil einer umfassenderen Umwandlung, die das jüdische Europa zurzeit durchlebt.

Konflikt Im Mittelpunkt der jüngsten Auseinandersetzungen steht das ECJC. Gegründet vor mehr als 40 Jahren, um jüdische Kultur und Tradition, das jüdische Erbe ebenso wie Bildung und Gemeindeleben zu fördern, gewann das ECJC nach dem Untergang des Kommunismus immens an Bedeutung. Finanziert vom American Jewish Joint Distribution Committee (JDC), knüpfte es Verbindungen zwischen jüdischen Gemeinden in Westeuropa und den neu entstehenden Gemeinden im Osten.

Das JDC kürzte die Gelder jedoch, und aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten kamen die Aktivitäten des ECJC in den vergangenen Jahren beinahe ganz zum Erliegen. Im vergangenen Herbst glaubte der scheidende ECJC‐Präsident Jonathan Joseph, eine Lösung gefunden zu haben: Eigenmächtig ernannte er den ukrainischen Milliardär Igor Kolomoisky zu seinem Nachfolger. Im Gegenzug versprach Kolomoisky, Millionen Dollar in die Organisation zu stecken.

Aus Protest gegen Josephs Entscheidung – die er nicht mit dem Vorstand der Organisation abgesprochen hatte – trat eine Reihe von Mitgliedern aus. Die Rede war von einer »Übernahme nach sowjetischem Stil«. Viele befürchteten, Kolomoisky wolle das ECJC in eine politische Organisation umwandeln, deren Augenmerk mehr auf Israel als auf den traditionellen Aufgaben liegen wird. Dafür hatte es Anzeichen gegeben.

Kolomoisky und seine Verbündeten wurden von dieser Ablehnung überrascht. Am Ende beschlossen sie, sich vom ECJC zu trennen und eine neue Körperschaft zu gründen: die European Jewish Union (EJU).

Was die neue Gruppierung leisten will, ist noch unklar. Auf ihrer Website behauptet die EJU, sie sei »eine übergeordnete Einrichtung, die alle jüdischen Gemeinden und Organisationen in ganz West‐, Ost‐ und Mitteleuropa vereint«. Doch ihre Zusammensetzung und Arbeitsweise sind weiterhin nebulös.

Die Aufregung um ECJC und EJU wirft ein Licht auf die wachsende finanzielle und demografische Macht, die Juden aus osteuropäischen Ländern auf gesamteuropäischer Ebene ausüben. Auch die unterschiedlichen Vorstellungen, wie jüdisches Leben am besten zu fördern sei, treten in aller Schärfe zutage.

Beinahe‐Eklat Die EJU wurde Anfang April auf einer zweitägigen Konferenz ins Leben gerufen, die im Euro‐Disneyland in der Nähe von Paris stattfand und beinahe in einem Eklat endete. Die Organisatoren hatten die Veranstaltung als ECJC‐Konferenz zu den Themen jüdische Erziehung und Jugend und als eine Art Generalversammlung angekündigt. Es gelang ihnen, Clive Lawton, einen angesehenen Experten für jüdische Erziehung und Mitbegründer der Limmud‐Bewegung, zu gewinnen, der das Programm für Hunderte junger Juden gestalten sollte. Sie waren hauptsächlich aus Deutschland, der Ukraine und Russland zu der Veranstaltung eingeladen worden.

Mehrere Konferenzbesucher berichten, das Thema Erziehung sei von einem politischen Programmpunkt überschattet gewesen, der für sie völlig überraschend auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Statt sich auf die traditionellen Themen des ECJC zu konzentrieren, gipfelte die Konferenz in der Gründung der EJU und der Forderung nach einem vage definierten Europäischen Jüdischen Parlament, das »im Namen aller Juden in Europa sprechen und tätig« werden solle.

Clive Lawton sagte der Jewish Telegraph Agency, er befürchte, die Ankündigung des Erziehungsthemas sei reine Augenwischerei gewesen. Ein westeuropäischer jüdischer Student, der an der Sitzung teilgenommen hatte und nicht namentlich genannt werden will, sagte, er habe das Ge‐ fühl, manipuliert worden zu sein. »Unsere bloße Anwesenheit sollte den Anschein erwecken, wir würden die Vorgänge gutheißen«, sagte der Student. »Ich hatte das Gefühl, dass da irgendetwas über die Bühne gehen sollte, und wir waren eingeladen worden, um dem Ganzen einen Anstrich von Seriosität zu verleihen.«

Neugründung Das nächste Kapitel des Romans wird wohl am 29. Mai geschrieben, wenn Vertreter aus verschiedenen Ländern in Paris zusammenkommen, um den ECJC als demokratische Organisation neu zu gründen. »Wir wollen, dass die Vereinigung wieder mit Leben erfüllt wird und zu ihren demokratischen Wurzeln zurückkehrt«, so eine Person, die an den Neugründungsplänen beteiligt ist, aber nicht namentlich zitiert werden möchte. »Wir glauben, dass es Raum gibt für eine jüdische Organisation, die sich nicht auf die Politik, sondern auf das Gemeindeleben konzentriert.«

»Es ist schwer zu sagen, ob diese Dachorganisationen überhaupt irgendeine konkrete Auswirkung auf das jüdische Leben in Europa haben«, erklärt Rabbi Josh Spinner, Geschäftsführer der Ronald S. Lauder Foundation, die jüdische Kultur‐ und Bildungsprojekte in Mittel‐ und Osteuropa finanziert. »Lokale Gemeinden und nationale Vereinigungen neigen dazu, die Dinge im Alleingang anzugehen, und Einzelpersonen und Institutionen finden meistens einen Weg, in Kontakt zu kommen, ohne dass sie dafür die Vermittlung durch eine paneuropäische Vereinigung brauchen«, sagte er.

Dennoch, fügte Spinner hinzu, gibt es Herausforderungen, die auf gesamteuropäischer Ebene gemeistert werden müssen. Als Beispiele nennt er die jüngsten Versuche in mehreren europäischen Ländern, die Schechita einzuschränken oder zu verbieten. »Vielleicht würde eine bessere Zusammenarbeit und eine eindeutige Zuschreibung der Aufgaben zwischen den verschiedenen paneuropäischen Dachorganisationen dazu führen, dass auf solche Herausforderungen besser und wirkungsvoller reagiert werden kann«, so Spinner.

Die geplante Neugründung des ECJC, so Spinner, ist »für die Partnerorganisationen eine Chance, Ziele klarer zu definieren und einen Zeitplan für ihre Verwirklichung aufzustellen. Ich hoffe, sie werden diese Gelegenheit ergreifen, sodass aus dem ECJC eine tatsächlich hochrelevante Organisation wird.«

Evan Lazar, ein Rechtsanwalt aus Prag, der an der Neugründung beteiligt ist, zeigt sich hoffnungsvoll. »Die Führer verschiedener jüdischer Organisationen wissen, dass der ECJC existiert«, sagte er. »Ich bin mir nicht sicher, ob jeder Jude es wissen muss, aber ich hoffe, dass jeder Gemeindevorsitzender, Schulleiter oder sonstige Aktivist es weiß und dass es ihnen hilft, ihre Arbeit besser zu machen, weil sie Ressourcen und beste Praktiken teilen können.«

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