USA

50 kamen bis Stewart County

Kartografiert: jüdische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten (Stand 2011) Foto: populationmapping.com

Zum ersten Mal gibt es jetzt eine Landkarte, auf der genau verzeichnet ist, wo Juden in Amerika leben. Die Angaben sind aufgeschlüsselt bis auf die Ebene des County, also der Distrikte, in die die amerikanischen Bundesstaaten von Florida bis Alaska, von Kalifornien bis Massachusetts unterteilt sind. Wir verdanken diese Karte der North American Jewish Data Bank des Mandell L. Berman Institute, das sie in Auftrag gegeben hat. Erstellt wurde sie von dem Geografen Joshua Comenetz von PopulationMapping.com.

Auf den ersten, noch etwas flüchtigen Blick hält diese Landkarte kaum Überraschungen bereit. Juden siedeln also vor allem an den Küsten. In der Mitte Amerikas – die aber ohnehin beinahe menschenleer ist – findet man kaum jüdische Siedlungsgebiete. Die beiden wichtigsten Ballungszentren liegen von Washington nordwärts bis Boston an der Ostküste und von San Diego bis San Francisco im Westen.

Ein paar dunklere Flecken erblickt man noch um Portland und Seattle herum. Dann sind da die alten Industriestädte Amerikas: Pittsburgh in Pennsylvania, die Zwillingsstädte Minneapolis und St. Paul in Minnesota und natürlich Chicago. Auch dort findet man bedeutende jüdische Gemeinden. Und dann sind da die jüdischen Gegenden in Florida (vor allem Miami Beach) und die alten Gemeinden in den Südstaaten wie in Atlanta, die in den vergangenen Jahrzehnten durch Zuzügler verstärkt wurden.

überraschung Hier nun aber die Überraschungen. Comenetz schätzt, dass es heute 6,74 Millionen jüdische Amerikaner gibt. Hier darf man ungläubig eine Augenbraue lüften. So viele! Die meisten Statistiker gehen davon aus, dass die Zahl sich knapp oberhalb der fünf Millionen bewegt (und dass es in Zukunft immer weniger amerikanische Juden geben wird – 50 Prozent heiraten nichtjüdische Partner).

Die zweite Überraschung ist, dass man Juden in Amerika an sehr merkwürdigen Orten findet. Rund 1500 leben in Kalamazoo County im Süden von Michigan, 100 in Livingston County unterhalb von Rochester im Norden des Bundesstaats New York und immerhin noch 50 in Stewart County, Texas. Was tun die da? Wie lebt es sich als Jude in diesen ländlichen Gebieten? Wie gestalten sich die Beziehungen zu den nichtjüdischen Nachbarn? Wo bekommt man sein koscheres Fleisch her? Wie weit ist es bis zur nächsten Synagoge?

Man kann fragen, was aus alldem folgt; und ob überhaupt etwas daraus folgt. Alex Joffe meint in einem Beitrag auf der Webseite »Jewish Ideas Daily«, es sei engstirnig, wenn die innerjüdische Diskussion sich in Amerika immer nur auf die Juden an der Küste konzentriere. In Zukunft müsse man mehr darauf hören, was etwa die Juden in Kalamazoo County zu sagen hätten.

Allerdings widerspricht sich Joffe im nächsten Absatz. Er schreibt, der Trend gehe wohl eher dahin, dass die Juden sich in den urbanen Siedlungsgebieten konzentrieren und aus den kleineren Gemeinden wegziehen.

Der andere Trend ist die Assimilation. Im Jahr 1960 schätzte das American Jewish Year Book, dass es 5,37 Millionen Juden gibt. 179 Millionen Amerikaner gab es damals insgesamt. Bis heute ist diese Zahl auf beachtliche 310 Millionen gewachsen, die Zahl der Juden dagegen ist kaum gestiegen. Alle statistischen Voraussagen weisen deshalb in dieselbe Richtung: Künftig werden sehr viel weniger Juden in Amerika leben, und diese wenigen Juden werden ziemlich fromm sein.

Politik Eine andere Frage, die man sich anhand dieser Landkarte neu stellen kann, betrifft die politische Einstellung. Warum wählen amerikanische Juden beharrlich die Demokraten und denken sehr linksliberal? Die Erklärung des neokonservativen Norman Podhoretz (Why Are Jews Liberals?, 2009) war, dass Juden dabei halb von einer urwüchsigen Furcht vor dem Christentum getrieben seien, einer Erinnerung an die Pogrome der Alten Welt – halb aber auch von der spirituellen Leere in ihrem Inneren. Der Linksliberalismus sei ihre Ersatztheologie, die New York Times ihre neue Tora.

Vielleicht ist die Erklärung aber viel einfacher, wie Alex Joffe auf Jewish Ideas Daily konstatiert: Juden sind meistens so wie ihre Umgebung. Dass amerikanische Juden Demokraten sind, läge demnach vor allem daran, dass sie in Gegenden leben, wo überhaupt demokratisch gewählt wird. Würden Juden stattdessen in großer Zahl in den konservativen »Red States« leben, würden sie womöglich auch für Familienwerte und gegen die Abtreibung eintreten, die Homosexuellenehe ablehnen, Handfeuerwaffen besitzen und der Republikanischen Partei ihre Stimme geben.

Österreich

»Die schönste Synagoge der Welt«

Nach aufwendiger Renovierung wurde der Wiener Stadttempel feierlich wiedereröffnet

von Stefan Schocher  08.10.2026

7. Oktober

London: Maskierte Aktivisten protestieren gegen jüdischen Dachverband

Antiisraelische Aktivisten haben den Jahrestag des 7. Oktober 2023 zum Anlass genommen, das Board of Deputies of British Jews verbal anzugreifen. Es gab mehrere Festnahmen

 07.10.2026

Top 50

Die einflussreichsten Juden

Wie in jedem Jahr hat die »Jerusalem Post« ihr Ranking veröffentlicht – mit mehr Frauen und Gruppenplätzen

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Meinung

Seht her, Berlin und New York: Es geht auch anders

Gerade am 7. Oktober wäre von linker Seite mehr Feingefühl zu erwarten. Zürich zeigt es diesmal vor.

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Fußball

Boykott gegen Israel – schließt sich das Schweizer Frauennationalteam den irischen Männern an?

Der Schweizerische Fußballverband reagierte offen, betonte jedoch, dass der Sport im Zentrum stehen solle

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Schweiz

Leerstellen im Mengele-Dossier

Nicht nur geschwärzte Namen sorgen im Mengele-Dossier des Nachrichtendienstes für Fragen. Auch wichtige Unterlagen fehlen – und niemand kann heute mehr genau erklären, warum.

von Nicole Dreyfus  06.10.2026

Großbritannien

»Die Grünen sind jetzt eine extremistische Partei«

Ein Parteitagsbeschluss der englischen Grünen, in dem der Zionismus als eine Spielart des Rassismus bezeichnet und zur Befreiung Palästinas aufgerufen wird, ist nicht nur in Großbritannien auf heftige Kritik gestoßen

 05.10.2026

Nachruf

Weimer würdigt gestorbene Holocaust-Überlebende Irene Butter

Eine weitere jüdische Zeitzeugin des Holocaust ist tot. Irene Butter starb im Alter von 95 Jahren in den USA. Lange hatte sie nichts von ihren Erlebnissen im KZ erzählt. Dann berichtete sie jahrzehntelang Schülern von ihrem Leben

von Christoph Arens  05.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026