Ikea

Zuhause ohne Mütter

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine schöne, heile Welt: eine moderne, neue Küche in Weiß mit braunem Holzboden, alles ist ordentlich hergerichtet. Zwei Jungen sitzen am Tisch, der Vater schenkt ihnen Orangensaft ein. Die Buben lächeln. Die Familie ist religiös: Vater und Söhne tragen schwarze Hosen, weiße Hemden, Kippot und Schläfenlocken. Doch ein elementarer Bestandteil dieser religiösen Familie fehlt: die Mutter.

Diese religiöse Männerwelt präsentiert der schwedische Möbelhersteller Ikea in einem neuen Prospekt, speziell angepasst an die Lebensweisen und Bedürfnisse der Ultraorthodoxen. Auf der Titelseite steht ein religiöser Mann neben einem dunkelbraunen Holzschrank mit religiösen Schriften, in der Vitrine glänzt ein großer silberfarbener Chanukkaleuchter. Auf dem Boden spielen zwei Jungen. Und wieder: keine Frauen, keine Mädchen. Tatsächlich sind sie auf keiner einzigen Seite des Prospekts zu finden.

Denn Bilder fremder Frauen und Mädchen anzusehen, ist für strengreligiöse Männer absolut tabu, der Blick in den neuen, normalen Ikea‐Katalog mit seinen Mann‐Frau‐Kind‐Familien ist verboten. »Damit auch die ultraorthodoxen Männer sich die Broschüre anschauen können, haben wir sie auf die speziellen Bedürfnisse angepasst«, erklärte Pressesprecherin Gali Zander zunächst vergangene Woche kurz nach Bekanntwerden, und betonte: »Ikea ist ein Unternehmen für alle. Eben auch für die Charedim.«

reaktionen Man wolle niemanden ausschließen, respektiere die Lebensweise der Religiösen und habe sich deshalb für das frauenlose Heft entschieden. Verteilt werde es ausschließlich an ultraorthodoxe Haushalte, hauptsächlich in Jerusalem, aber auch anderswo. Alle anderen Israelis fänden den üblichen Katalog in ihrem Briefkasten. So recht wollte die Pressesprecherin die Aufregung nicht verstehen. »Es ist auch nicht das erste Mal, vor ein paar Jahren haben wir schon einmal so einen Prospekt herausgebracht.«

Was die israelische Ikea‐Pressesprecherin zunächst so beiläufig abwiegelte, war 2012 ein Skandal: Damals hatte Ikea für einen Katalog in Saudi‐Arabien Frauen wegretuschiert und sich später nach massiver Kritik dafür entschuldigt.

Die Aufregung in Israel ist jedenfalls groß: Alle Medien berichten darüber, TV‐Journalisten geben sich empört, und auch in den sozialen Netzwerken machen die Bilder aus der Broschüre die Runde. Die Kommentare dazu sind teilweise sehr kritisch: »Schäm dich, Ikea. Ein Zuhause ohne Frauen ist kein Zuhause«; manche sind zynisch: »Oh, das ist wunderbar, ich wusste gar nicht, dass es im charedischen Sektor Alleinerziehende gibt.« Aber auch Zuspruch gibt es: »Was ist falsch an fokussiertem Marketing? Die Einzigen, die glauben, dass das anti‐irgendwas ist, sind frei denkende Liberale, die alle Ideologien akzeptieren, solange sie mit ihren eigenen freien liberalen Gedanken übereinstimmen. Meine Frau behält ihr Exemplar.«

zensur Die Empörung von Säkularen und weniger Strenggläubigen ist wohl auch deshalb so groß, weil es nicht das erste Mal ist, dass sich die rigorosen Regeln und Werte der Charedim auszuweiten drohen: ob auf Krankenhäuser, Supermärkte oder Buslinien. Immer wieder machen auch Fälle von männlichen ultraorthodoxen Flugpassagieren Schlagzeilen, die sich weigern, neben Frauen zu sitzen und damit den Abflug verzögern.

Seit einigen Jahren kommt es in der Zeit vor den Gedenktagen zu Diskussionen, ob Frauen öffentlich singen dürfen oder nicht: Für Ultraorthodoxe ist auch der Gesang von Frauen anstößig, da betörend. So berichtete die Tageszeitung Haaretz vergangenes Jahr von dem Fall einer studentischen Frauenband, die bei der Veranstaltung der Bar‐Ilan‐Universität zum Holocaust‐Gedenktag zwar spielen, aber nicht singen sollte.

Das war nicht immer so. »Ich habe angefangen, die Zensur von Frauen auf Bildern Anfang der 80er‐Jahre zu bemerken«, berichtet David Golinkin, Rabbiner, Professor und Präsident des Schechter‐Instituts in Jerusalem. Damals habe er illustrierte Traktate der Mischna in Mea Schearim gekauft, um mit seinen Kindern zu lernen. »Die Reihe heißt Mishnayot Meirot. Da waren überhaupt keine Frauen in all diesen Büchern, sogar dann nicht, wenn Frauen das Thema waren.« Golinkin hält dieses neue Phänomen für eine Verfälschung der »Tzniut«, der Sittsamkeitsgesetze. Er erinnert an altertümliche Schriften, in denen die Abbildung von Frauen dazugehörte.

In einem seiner Bücher zeigt der Historiker 115 Haggada‐Illustrationen seit dem Jahr 1300. »Frauen und Mädchen tauchen dort regelmäßig auf den Bildern über den Exodus und mit den Familien beim Seder auf.« Und einige der alten Schriften, zum Beispiel die Mishne Tora von Maimonides, gedruckt im Jahre 1702 in Amsterdam, gehen sogar noch weiter: »In vielen früher gedruckten hebräischen Büchern sind nackte Frauen auf der Titelseite.«

geschäftsfrauen Heute schaffen es noch nicht einmal mehr züchtig gekleidete Frauen auf die Seiten religiöser Zeitungen. Ob Hillary Clinton oder Angela Merkel – Frauen werden aus Pressefotos herausretuschiert. »Der neue Ikea‐Katalog zeigt, wie seltsam diese neue Handhabung ist: Bilder von Männern und Jungen am Schabbat‐Tisch ohne Frauen und Mädchen! So einen Schabbat‐Tisch, wie er da gezeigt wird, gibt es gar nicht in der charedischen Welt«, meint Golinkin.

Doch woher kommt dieser Wandel? Er widerspricht einem anderen Trend, der in der charedischen Welt eingesetzt hat: dem der erfolgreichen ultraorthodoxen Geschäftsfrauen, die Computerwissenschaften studieren, in Hightech‐Unternehmen arbeiten oder sich selbstständig machen.

So kommen etwa bei der Temech‐Konferenz in Jerusalem jährlich Tausende ultraorthodoxe Unternehmerinnen zusammen, um neue Kontakte zu knüpfen, ihre Start‐ups und Firmen vorzustellen und die Vorträge anderer erfolgreicher Religiöser anzuhören. Gleichzeitig aber werden die Frauen aus der Öffentlichkeit verbannt.

ausgrenzung Esti Rieder Indursky sieht darin einen Zusammenhang: Frauen hätten heute mehr Macht und mehr Geld und würden nun anderweitig unterdrückt – indem man sie öffentlich unsichtbar macht. »Ich fühle mich verletzt und wütend, dass Ikea nun 50 Prozent der ultraorthodoxen Bevölkerung ausgegrenzt hat«, sagt die 44‐Jährige, die selbst ultraorthodox ist.

Den neuen Ikea‐Prospekt hatte sie nicht in ihrem Briefkasten. Doch ihre Postfächer auf Facebook und die Whatsapp‐Gruppen quellen über von Nachrichten zu der Broschüre. Die Reaktionen in der Welt der Charedim seien zwiegespalten, erzählt Rieder Indursky. »Leider kooperieren viele Frauen mit dem System und finden, dass Ikea das Richtige getan hat. Andere Frauen kochen vor Wut.«

Esti Rieder Indursky zählt zu Letzteren. Sie ist das, was man eine orthodoxe Feministin nennen könnte: Sie trägt eine Perücke, die wie echtes Haar aussieht, ihre Röcke reichen bis über die Knie, wenn auch nur knapp, und zu ihren langärmeligen Blusen trägt sie kräftigen Nagellack. Sie will religiös und züchtig leben, aber nicht ausgegrenzt und unterdrückt werden.

kampagne Esti ist Teil einer Gruppe charedischer Frauen, die vor der letzten Wahl 2015 eine Kampagne gestartet hat: »Wenn wir nicht gewählt werden, wählen wir auch nicht«. Heute heißt die Gruppe »Nivcharot«, damals rief sie Frauen dazu auf, die ultraorthodoxen Parteien im Parlament bei der Wahl zu boykottieren, weil diese Parteien Frauen als Politikerinnen nicht zulassen.

Denn auch das gilt in den Augen einiger charedischer Rabbis als unzüchtig: Frauen auf dem politischen Parkett, die mitdiskutieren, Entscheidungen treffen und sich öffentlich zeigen – so wie etwa die frühere Jerusalemer Stadträtin Rachel Azaria, die sich schon vor Jahren gegen den wachsenden Einfluss der Ultraorthodoxie starkmachte und heute als Abgeordnete in der Knesset sitzt.

Esti selbst hat einige Zeit als Journalistin für eine religiöse Zeitung geschrieben – unter einem Männerpseudonym, weil sie als Frau nicht öffentlich schreiben sollte. Doch gerade weil es nun solch einen großen Aufschrei gab, glaubt Esti, dass die Situation für Frauen sich etwas verbessert: »Bevor wir den Kampf um die Rechte der Frauen begonnen haben, blieben solche Dinge unkommentiert. Dieses Mal wurde es nicht stillschweigend hingenommen.«

Auch Anat Hoffman, Mitgründerin und Anführerin der Women of the Wall und Geschäftsführerin des Israel Religious Action Center (IRAC) sieht diesen positiven Trend. Mehr als der Ikea‐Katalog stört sie derzeit jedoch etwas anderes: »Am 28. Februar findet die Konferenz zur Zukunft des jüdischen Volkes statt. Und die wenigsten unter den Sprechern sind Frauen.«

fortschritte Hoffman beklagt, dass die säkulare Welt sich zu leicht über die Ultraorthodoxen aufregt, während sie selbst noch viel zu tun hätte. Israel sehe sich gerne als ein Land, in dem Frauen stark sind und alles erreichen können, meint Hoffmann. »Aber im Kabinett sitzen nur drei Frauen. Und obwohl 50 Prozent aller Doktoranden Frauen sind, sind die wenigsten Professoren weiblich.«

Im Vergleich dazu habe es bei den Orthodoxen Fortschritte gegeben: So gibt IRAC seit 2012 jedes Jahr einen Report unter dem Titel »Ausgegrenzt um Gottes Willen« heraus, der anfangs immer dicker wurde. 2016 fiel der Report zum ersten Mal aus. »Wir hatten schlicht nicht genug Material«, so Hoffman. Wenn es Vorfälle gibt – wie nun bei Ikea –, dann würde sofort reagiert: »Die Reaktionen auf den Katalog sind extrem, das zeigt: Das Phänomen wird nicht länger als normal hingenommen; es wird nicht länger akzeptiert, dass Frauen aus der Werbung verbannt werden, selbst wenn diese Werbung sich an den ultraorthodoxen Sektor richtet. Das ist ein Wandel.«

Und Ikea? Trotz anfänglicher Rechtfertigung seitens der israelischen Ikea‐Sprecherin kam einige Tage nach dem Medienwirbel prompt die offizielle Entschuldigung vom Hauptkonzern in Schweden: Das Prospekt sei nicht durch die Zentrale gegangen und sei auch nichts, wofür die Marke Ikea stehe. Ikea Schweden räumte ein, das israelische Franchise‐Unternehmen habe bei dem Versuch, eine Konsumentengruppe zu erreichen, einen Fehler gemacht.

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