Antik

Zehn Gebote unterm Hammer

52 Kilogramm schwer: die Tafel mit dem »Samaritanischen Dekalog« Foto: dpa

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Zehn Gebote unterm Hammer

Die älteste erhaltene Steintafel mit dem Dekalog wurde in den USA versteigert

von Sabine Brandes  21.11.2016 17:23 Uhr

Für 850.000 Dollar ging sie über den Ladentisch – die älteste vollständige Version der Zehn Gebote, in Stein gemeißelt. Obwohl sie als nationales Kulturgut Israels gilt, ist die Tafel jetzt bei einer für jedermann zugänglichen Auktion in den USA verkauft worden. Der Käufer möchte anonym bleiben. Allerdings ist mit dem Kauf auch die Verpflichtung verbunden, die Tafel permanent auszustellen.

»Nun ist es nicht so, dass sie vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt wird«, beruhigte David Michaels, Leiter der Abteilung Münzen und Antiquitäten des Auktionshauses »Heritage Auctions«, im Anschluss an die Versteigerung. Denn Bedingung für den Verkauf sei gewesen, dass die Tafel in einem öffentlichen Museum präsentiert werden muss. Die israelische Antikenbehörde (IAA) hatte den Export des Artefaktes per Sondergenehmigung bereits im Jahr 2005 genehmigt. Einen Kommentar nach dem Verkauf in Beverly Hills gab sie nicht ab.

»Es ist bemerkenswert, da dies das einzige Stück dieser Art ist, das eine unumstrittene Herkunft hat, die immerhin sieben Jahrzehnte lang von namhaften Fachleuten untersucht wurde. Und trotzdem kann sie heute legal von einer dritten Person gekauft und außerhalb Israels ausgestellt werden«, merkt Michaels an. Die öffentliche Zurschaustellung sei die einzige Auflage der IAA gewesen.

Samaritaner Die rund 60 Zentimeter hohe und 52 Kilogramm schwere Marmorplatte stammt den wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge aus dem 2. bis 5. Jahrhundert n.d.Z. Es wird angenommen, dass sie den Eingang des Gebäudes einer samaritanischen Synagoge oder eines Privathauses zierte, das entweder zwischen 400 und 600 von den Römern oder im 11. Jahrhundert von den Kreuzrittern, die durch das Heilige Land zogen, zerstört worden war.

Die Tafel ist mit den Zehn Geboten aus dem Buch Exodus der Tora beschriftet. Alle Worte sind in der samaritanischen Konsonantenschrift geschrieben, die auf einer Variante des Althebräischen beruht. Ein Gebot allerdings – »Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen« – fehlt und ist stattdessen durch ein spezielles für die Samaritaner ersetzt. In diesem Gebot wird den Gläubigen aufgegeben, einen Tempel auf dem Berg Gerizim zu bauen.

nablus Die Glaubensgemeinschaft der Samaritaner praktiziert eine alte Version des Judentums. Ihre rund 700 Anhänger leben noch heute auf dem für sie heiligen Berg in der Nähe der Stadt Nablus im Westjordanland und in der israelischen Stadt Cholon.

Vor 103 Jahren bereits, im Jahr 1913, war die Platte bei Ausgrabungsarbeiten vor dem Bau von Eisenbahntrassen in der Nähe der Stadt Javne entdeckt worden. In antiker Zeit lag hier ein berühmtes Zentrum des Judentums. Ein Anwohner dekorierte anschließend sein Haus mit der Platte. Die Tafel wurde – mit den Buchstaben nach oben – in einen Ausgang eingebaut, der zu einem Garten führte. Dadurch sowie durch die jahrhundertelange Lagerung unter Erdreich und Geröll ist die Oberfläche stark abgenutzt; in der Mitte der Platte sind die Buchstaben nur noch unter Speziallicht zu entziffern.

Der Eigentümer verkaufte die Tafel drei Jahrzehnte später an den Tel Aviver Archäologen Isaac Kaplan, der die Tafel sofort als extrem seltenen »Samaritanischen Dekalog« erkannte. Damit gehört sie zu den fünf bekannten Steininschriften, die in die Zeit zwischen 300 bis 600 n.d.Z. eingeordnet werden. Kaplan präsentierte sie seinem berühmten Kollegen Yitzhak Ben-Zvi, dem späteren Staatspräsidenten, und gemeinsam verfassten die Archäologen einen wissenschaftlichen Aufsatz über die Herkunft des Artefaktes.

museum Viele Jahre später verkaufte Kaplan den bedeutenden Fund an den amerikanischen Rabbiner Saul Deutsch, der die Zehn Gebote in seinem »Living Tora Museum« in New York ausstellte. Deutsch will jetzt mit dem Verkaufserlös der Tafel und weiterer 50 Artefakte aus seiner Ausstellung Erweiterungsarbeiten an dem Museum ausführen lassen. Das Mindestgebot war mit 300.000 Dollar angegeben.

Immer noch werden in Israel regelmäßig Altertümer im Erdreich entdeckt. Nicht selten sind spektakuläre Funde dabei, wie jüngst der eines 2500 bis 2800 Jahre alten Papyrus, dessen darauf verfasste Zeilen die zentrale Rolle Jerusalems als wirtschaftliche Hauptstadt des Königreiches belegen sollen. Im September dieses Jahres fanden Archäologen bei Ausgrabungen eine 2000 Jahre alte Gewichtsstaffel (einen Stein zur Bestimmung des Gewichts) mit einer hebräischen Inschrift. Die Buchstaben belegen, dass das Gewicht der Familie eines Hohepriesters gehörte.

schätze Nur einen Monat später präsentierten begeisterte Forscher in der Nähe des Sees Genezareth die Überreste einer Synagoge aus der Zeit Jesu. Vor wenigen Tagen schließlich war ein arabischer Ladenbesitzer in der Jerusalemer Altstadt völlig überrascht, als er unter seinem Geschäft einen alten Lagerraum, schätzungsweise aus dem 12. Jahrhundert, freischaufelte. Die Kammer steckt voller antiker Schätze.

Doch die in Stein gemeißelten Zehn Gebote sind etwas ganz Besonderes. Das meint auch der Auktionator: »Die Bedeutung der Tafel zeugt von den tiefen Wurzeln und der Macht der Gebote, die noch heute die Basis der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam darstellen«, so Michaels. Zwar sei die Oberfläche verschmutzt und verschlissen durch die Jahrhunderte, »doch wenn man mit einem behandschuhten Finger über die Zeichen fährt«, sagt er ehrfürchtig, »verleiht es vielen sicher ein erhebendes Gefühl, so ein Stück biblischer Geschichte zu berühren«.

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