Als er am 4. Januar vor dem Kabinett sprach, wählte Israels Premier Benjamin Netanjahu Worte, die weit über Jerusalem hinaus Beachtung finden sollten. Er sprach über die Unruhen im Iran. »Israel steht solidarisch an der Seite des iranischen Volkes und seinem Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit«, erklärte er. Möglicherweise werde man Zeuge eines historischen Moments, »in dem das iranische Volk sein Schicksal selbst in die Hand nimmt«.
Hinter diesen Sätzen stand eine offensichtlich sorgfältig überlegte Botschaft: moralische Unterstützung für die iranische Bevölkerung – jedoch ohne den Ruf nach einer Intervention von außen. Diese vorsichtige Position spiegelt Israels derzeitige Lage wider. Die Proteste im Iran schwächen einen erklärten Erzfeind, bergen zugleich aber Risiken einer Eskalation, die in der hochsensiblen Region schnell außer Kontrolle geraten könnte. Zudem soll Teheran kein Vorwand geliefert werden, die Proteste als »ausländische Verschwörung« zu diskreditieren.
Rapider Wertverfall der iranischen Währung
Die Auslöser der aktuellen Proteste sind im Land selbst zu finden. So begannen am 28. Dezember 2025 Händler und Kaufleute, im Großen Basar von Teheran gegen den rapiden Wertverfall der iranischen Währung, des Rial, zu demonstrieren. Denn die Inflation liegt bei über 40 Prozent, weshalb die Lebensmittelpreise explodieren. Innerhalb weniger Tage schlossen sich Studenten, Arbeiter und die Bewohner von Städten wie Isfahan und Maschhad an. Aus einem wirtschaftlichen Protest wurde ganz offene Systemkritik.
Inzwischen hat sich das alles zu den größten landesweiten Protesten seit drei Jahren ausgeweitet. Bei Redaktionsschluss waren mindestens
36 Protestierende getötet worden, darunter nach Angaben der amerikanischen »Human Rights Activists News Agency« auch vier Kinder. Mehr als 1200 Menschen sollen festgenommen worden sein. Die Proteste erstreckten sich auf 23 der 31 Provinzen und mindestens 40 Städte.
Auch innerhalb der Führung in Teheran wächst offenbar das Bewusstsein für die Ernsthaftigkeit der Lage.
Auch innerhalb der Führung in Teheran wächst offenbar das Bewusstsein für die Ernsthaftigkeit der Lage. Hochrangige iranische Regierungsvertreter räumten gegenüber der »New York Times« ein, dass sich die Islamische Republik angesichts der Eskalation im »Überlebensmodus« befinde. Die wirtschaftliche Lage ist prekär. Internationale Sanktionen wegen des Atomprogramms wurden wieder verschärft. Die Strom- und Wasserversorgung fällt immer wieder aus, und für 2026 wird eine schwere Rezession erwartet.
Während Präsident Masoud Pezeshkian einen »wohlwollenden und verantwortungsvollen« Umgang mit den Demonstranten ankündigte und wirtschaftliche Missstände einräumte, machte Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei klar, dass der Iran dem »Feind nicht nachgeben« werde. Randalierer müssten entschieden gestoppt werden. Parallel meldeten die Sicherheitsbehörden gezielte Festnahmen mutmaßlicher Anführer, die insbesondere durch Posts in sozialen Netzwerken ins Visier geraten waren.
Deutliche Drohungen aus den Vereinigten Staaten
Zusätzliche internationale Brisanz erhielt die Lage durch deutliche Drohungen aus den Vereinigten Staaten. Präsident Donald Trump erklärte, dass man »zu Hilfe kommen« werde und »bereit zum Eingreifen« sei, sollten iranische Sicherheitskräfte »friedliche Demonstranten gewaltsam töten«. Trump ließ dabei offen, wie eine solche »Rettungsaktion« konkret aussehen könnte. Auch Außenminister Marco Rubio meldete sich zu Wort und betonte die Notwendigkeit entschiedener Konsequenzen, wenn der Iran die Gewalt im In- oder Ausland eskalieren werde.
Am Dienstagabend drohten die Mullahs vor einem Präventivschlag gegen Israel. Man werde nicht erst reagieren, »wenn bereits ein Angriff stattgefunden habe, sondern auch konkrete Anzeichen von Bedrohungen als Teil der Sicherheitslage betrachten«, hieß es seitens des neu gegründeten Verteidigungsrates. Ein britischer Geheimdienstbericht spricht unterdessen von einem Evakuierungsplan für Khamenei nach Moskau – eine Parallele zur Flucht des syrischen Machthabers Baschar al-Assad, nachdem sein Regime Ende 2024 gefallen war.
Ajatollah Khamenei soll seine Flucht nach Moskau schon vorbereitet haben.
In Israel werden all diese Entwicklungen aufmerksam verfolgt. Oppositionsführer Yair Lapid sandte auf X eine Warnung in Richtung Teheran: »Das iranische Regime sollte die Entwicklungen in Venezuela genau beobachten«, schrieb er und fügte hinzu, dass die Proteste nichts an der grundsätzlichen Notwendigkeit änderten, Irans regionalen Bedrohungen etwas entgegenzusetzen. In Venezuela waren am Samstag Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores durch US-Spezialkräfte in einer völlig überraschenden Aktion entführt, verhaftet und nach New York ausgeflogen worden.
Nahostexperten meinen, dass sich das Geschehen in Südamerika insbesondere durch eine mögliche Intervention der USA auch auf den Nahen Osten auswirken könne. Die Feindseligkeit zwischen Israel und Iran war erst im Juni in einen offenen Krieg eskaliert. Israel hatte koordinierte Sabotageakte und Luftschläge gegen iranische Raketen- und Nuklearanlagen durchgeführt. Die Angriffe, teilweise ermöglicht durch Mossad-Operationen direkt vor Ort, fügten dem Iran erheblichen Schaden zu.
Ungewöhnliche Botschaft
Vor diesem Hintergrund sorgt eine ungewöhnliche Botschaft für Aufsehen. Ein persischsprachiger Social-Media-Account, der mit dem Mossad in Verbindung stehen soll, hat die Iraner offen dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen, verbunden mit der Erklärung direkter Solidarität. »Wir stehen an eurer Seite – nicht nur mit Worten, sondern auch vor Ort«, hieß es darin.
Teheran wertete dies als Einmischung und meldete kurz darauf die Festnahme eines angeblichen Mossad-Agenten in der Hauptstadt. Zusätzlichen Zündstoff lieferte schließlich der frühere US-Außenminister Mike Pompeo, der den Protesten ebenfalls seine Unterstützung bekundete. »Ein frohes neues Jahr an jeden Iraner auf den Straßen – und jeden Mossad-Agenten, der neben ihnen geht«, textete er.
Ob die Unruhen im Iran einen Wendepunkt markieren oder weiter brutal niedergeschlagen werden, ist offen. Sicher ist nur: In Israel wird genau beobachtet, was in Teheran geschieht. Denn kaum ein anderes Land ist so direkt von der Frage betroffen, ob das iranische Regime ins Wanken gerät oder seine Macht wieder einmal mit Gewalt sichert.