Fussball

»Wir spielen professionell«

Herr Klein, Israels Fußball kann international immer besser mithalten. Hapoel Tel Aviv hat sich jetzt sogar für die Champions League qualifiziert, in einer Gruppe mit Schalke 04. Was bedeutet dieser Erfolg?
Wir sind sehr stolz darauf. Es ist das vierte Mal, dass eine israelische Mannschaft in der Champions League mitspielt, für Hapoel Tel Aviv sogar das erste Mal.

Wie sind die Chancen?
Wenn ein Spiel angepfiffen wird, spielen elf Spieler gegen elf Spieler. Alle haben die gleiche Chance. Natürlich ist Schalke 04 ein großer Name im internationalen Fußball. Aber Hapoel Tel Aviv hat in Salzburg drei Tore geschossen, das war auch exzellent!

Ist das Spiel einer deutschen gegen eine israelische Mannschaft immer noch etwas Besonderes?
Nein, nicht mehr. Es gibt ja eine gute Zusammenarbeit zwischen dem israelischen Fußballverband und dem Deutschen Fußball‐Bund. Auch ein Schiedsrichteraustausch kam zustande: Der deutsche Schiedsrichter Manuel Gräfe hat ein Spiel der ersten israelischen Liga gepfiffen.

Gab es in Israel keine Kritik, dass ein Deutscher kommt, um zu pfeifen?
Nein, das ist mittlerweile normal. Das war früher anders. Ich habe ja 1968 das Spiel von Bayern Hof in Israel gegen eine israelische Auswahl gepfiffen, damals gab es noch Ressentiments. Aber Sport ist Sport und hat mit Politik nichts zu tun.

Israel ist des Öfteren Opfer von Boykottaufrufen. Wie sehr schadet das der sportlichen Entwicklung?
Erst neulich, bei den Olympischen Jugendspielen in Singapur, hat ja ein israelischer Taekwondo‐Kämpfer Gold gewonnen, weil sein iranischer Konkurrent im Finale nicht gegen ihn antreten wollte. Das ist schlimm. Aber im Fußball gibt es das nicht. Die Uefa verbietet das, daher ist das im Europapokal beispielsweise nicht möglich.

Zurück zum Fußball: Israel war zuletzt 1970 bei der WM: 40 Jahre lang fehlte das Land bei Welt‐ und Europameisterschaften. Zuletzt sah es immer knapp nach Qualifikation aus, aber am Schluss fehlte es dann doch. Was fehlt genau?
Nicht mehr viel: Wir haben viele gute Spieler, wie zum Beispiel Yossi Benayoun, der für Chelsea spielt, und wir haben mit Luis Fernandez einen guten Trainer. Ich bin optimistisch. Aber Sie dürfen auch nicht vergessen, dass wir lange beinah nirgends spielen konnten. Wir flogen aus dem asiatischen Verband raus, weil man uns politisch nicht wollte. Doch Europa ließ uns nicht rein. Ich durfte nur Fifa‐Spiele pfeifen, keine Uefa‐Spiele, also keinen Europapokal und keine EM.

Dass Hapoel Tel Aviv in der Champions League mitspielt, war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Woran liegt’s?
Das hat viele Gründe. Der wichtigste ist, dass wir mittlerweile in der ersten Liga vollständig professionell spielen. Es gibt 400 Spieler, und die sind alle Vollprofis. Vor 20 oder 25 Jahren dominierten noch die Halbprofis. Der zweite Grund ist, dass wir viele ausländische Spieler haben: Die sind gut, und die können ja bei Klubspielen auf europäischer Ebene alle eingesetzt werden. Der Torwart von Hapoel Tel Aviv, Vincent Enyeama, ist Nigerianer, der ist so ein Beispiel. Und der dritte Grund ist, dass wir gute Trainingsmöglichkeiten und auch gute Stadien haben. Leider wird Hapoel, wenn Schalke kommt, das Bloomfield‐Stadion nicht nutzen dürfen. Die Mannschaft muss ins Nationalstadion in Ramat‐Gan umziehen.
Ist das für Hapoel ein Nachteil?
Das sage ich Ihnen nach dem Spiel. Vorher weiß man das doch nicht.

Warum darf die Mannschaft nicht in ihrem angestammten Heimstadion spielen?
Es erfüllt die Uefa‐Auflagen nicht. Aber die Stadien in Israel werden immer besser. In Haifa etwa, wo ich wohne, wird gerade eines der modernsten Stadien Europas gebaut. 30.000 Menschen werden da hineinpassen, und im Jahr 2013 wird es fertiggestellt. Es wäre doch eine tolle Idee, wenn aufgrund der guten Beziehungen zwischen dem israelischen und dem deutschen Fußballbund zur Einweihung die israelische und die deutsche Nationalelf gegeneinander spielen könnten. Oder wenn der deutsche Meister dann nach Haifa käme.

Mitte August hat Itay Schechter beim Champions‐League‐Qualifikationspiel von Hapoel Tel Aviv gegen Red Bull Salzburg nach seinem Tor – dem entscheidenden 3:2-Treffer – eine Kippa aus dem Stutzen gezogen und gebetet. Dafür gab’s Gelb. Was sagt ein erfahrener Schiedsrichter dazu?
Der Schiedsrichter hatte recht. Gemäß den Regeln der Fifa musste er eine Gelbe Karte zeigen: Man darf nichts in seinem Stutzen mittragen. Aber man muss natürlich ehrlich dazu sagen, dass der Spieler niemanden beleidigt hat und auch niemanden beleidigen wollte: nicht die anderen Spieler, nicht das Publikum. Er wollte sich halt nach seinem Torerfolg bei Gott bedanken, und im Judentum zieht man zum Gebet eine Kopfbedeckung auf. Ich schätze, dass er es nie wieder tun wird.

Haben Sie eine solche Szene schon mal gesehen, etwa in einem israelischen Liga‐Spiel?
Nein, so etwas habe ich in meinem ganzen Schiedsrichterleben noch nie erlebt. Und ich werde es wohl auch nie mehr sehen, denn spätestens jetzt ist ja jedem klar, dass es verboten ist.

Mit dem früheren israelischen WM‐Schiedsrichter sprach Martin Krauß.

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