Redezeit

»Wir sind zuallererst Menschen«

Herr Mautner, das fünfte »Jerusalem Season of Culture«-Festival läuft in Israels Hauptstadt an. Worum geht es dabei?
Wir wollen die Komplexität, Schönheit und Vielschichtigkeit Jerusalems zeigen, denn Jerusalem ist eine der faszinierendsten, aber eben auch komplexesten Städte weltweit. Und wir möchten in der Sprache darüber erzählen, die wir alle sprechen, nämlich in der der Kunst, Kultur und Kreativität. Die Festivals, die während des Kultursommers stattfinden, zeigen die vielen Gesichter der Stadt und der Menschen, die in ihr leben. Man sieht Dinge, die man eben nur hier findet.

Es gibt insgesamt sieben Festivals, können Sie einige beschreiben?

Da gibt es beispielsweise das »Inhouse«-Festival, das die Möglichkeit bietet, verschiedene Häuser und ihre Bewohner aufzusuchen. Man kann sich also zum Beispiel in einem alten palästinensischen Dorf wiederfinden und dort eine feministische Muslima treffen, die eine Kooperative mit anderen palästinensischen Frauen gegründet hat. Sie alle kochen gemeinsam, und das Geld, das sie verdienen, investieren sie in soziale Projekte. Am gleichen Abend kann man ins Haus einer ultraorthodoxen Frau gehen, die sieben Kinder hat und die, meines Erachtens die erste ultraorthodoxe Filmkritikerin ist. Zu guter Letzt kann man in eine öffentliche Bibliothek gehen und sehen, was passiert, wenn 25 verschiedene Nachwuchskünstler aus Jerusalem diese Bibliothek übernehmen. Mit Video-Kunst, Spoken-Word-Performances, Installationen, Gedichten.

Ist es nicht eine große Herausforderung, in dieser Stadt ein solches Festival auf die Beine zu stellen?
Doch, das ist für uns die größte Aufgabe überhaupt. Jerusalem ist nicht Berlin, London oder Hamburg. Es ist nicht der Ort, an dem man sofort weiß: Kultur ist ein Teil des Alltags. Zwei Drittel von Jerusalems Bevölkerung können an kulturellen Events nicht teilnehmen oder haben kein Interesse. Es ist nun einmal anders als in Tel Aviv, wo die jungen Leute sich für moderne Kunst interessieren. Aber dieser Raum, in dem wir in Jerusalem leben, inspiriert uns zu unserer Kunst.

Das Festival findet zum fünften Mal statt. Wer kommt eigentlich zu den Aufführungen?
Das hängt von den einzelnen Festivals ab. Zu Konzerten kommen viele junge Leute, aber mit anderen Veranstaltungen muss man auch auf die Menschen zugehen. Kulturliebende, die ein einzigartiges Festival suchen, sind bei uns richtig, und natürlich haben wir viele Gäste, die mit Jerusalem emotional verbunden sind.

Hat es in den letzten Jahren Veränderungen in der Stadt gegeben, die sich auch auf das Festival ausgewirkt haben?
Das Programm versucht, jedes Jahr eine Metaebene zu behandeln. Die Realität kann uns allerdings immer einen Strich durch die Rechnung machen.

Wie sind Sie damit im vergangenen Sommer während des Gaza-Kriegs umgegangen?

Es war ein schlimmes Jahr für die Einwohner von Ost- und Westjerusalem und für die Menschen in Gaza. Das hat sich auch auf unser Programm ausgewirkt. Wir haben alles abgesagt, was wir vorhatten, denn es war Krieg. Stattdessen haben wir in einem anders ausgerichteten Programm über den Krieg gesprochen: Wie sollten sich Künstler verhalten, welche Aufgabe hat die Kunst? Was können wir tun? Ein Projekt zum Beispiel – es hieß »We are here« –, das auf Arabisch, Hebräisch und Englisch stattfand, setzte sich mit den Grundwerten auseinander, auf die wir alle bauen müssen, wenn wir zusammenleben möchten. Ganz gleich, ob wir säkular, orthodox, palästinensisch oder jüdisch sind. Es war für alle sehr berührend. Denn bevor ich Künstler, Mann, Jude oder säkular bin, bin ich zuallererst ein Mensch – das gilt für alle. Das ist der Kern von allem, und darum geht es während des Festivals.

Es geht auch um Musik. Was hat es mit dem »Jerusalem Sacred Music Festival« auf sich?
Bis zum 4. September kommen internationale Künstler in die kleine, private Stadtatmosphäre Jerusalems: um zu feiern, wer man ist, woran man glaubt. Egal, ob man Muslim, Christ, Jude, ob man säkular, orthodox, Buddhist oder Rastafari ist. Das Festival ist farbenfroh, ausgelassen. Die Leute tanzen die Nächte durch, sind zusammen. Und es zeigt, dass Jerusalem wirklich das Haus für alle ist.

www.jerusalemseason.com

Mit dem Direktor des »Jerusalem Season of Culture«-Festival sprach Katrin Richter.

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