Interview

Wer könnte neuer Hamas-Chef werden, Herr Conrad?

Gerhard Conrad verhandelte für den BND im Jahr 2011 die Freilassung von Gilad Schalit. Foto: picture alliance / dpa

Herr Conrad, hat die Tötung Ismail Haniyehs die Hamas entscheidend geschwächt oder steht schon ein Nachfolger parat, der die Führung übernimmt?
Mit Ismail Haniyeh hat die Hamas einen wichtigen politischen Repräsentanten und langjährige Führungspersönlichkeit verloren. Die Organisation ist jedoch von ihrer Struktur her recht breit aufgestellt, sodass sich allein schon aus dem Politbüro rasch eine Interims- oder auch schon bleibende Lösung generieren wird, sei es nochmals über Haniyehs Vorgänger, Khaled Mashal, sei es aus den Reihen der stellvertretenden Vorsitzenden wie beispielsweise Mousa Abu Marzouk.

Wie sieht das konkret aus?
Natürlich wird es eine Übergangslösung mit einer geschäftsführenden Wahrnehmung der Führungsverantwortung geben, danach wird man weitersehen. Hamas wird den Verlust in jedem Fall, eventuell mit einer temporären Formschwäche, verkraften.

Welche Auswirkungen wird das alles auf die Geiselverhandlungen haben?
In der Sache erst einmal keine. Die Grundforderungen nach einer Rehabilitation der Hamas im Gazastreifen hängen vom Verlauf der Kämpfe vor Ort und damit auch von Yahya Sinwar und seinen Getreuen ab. Weitere Verzögerungen seitens Hamas sind allerdings naheliegend, allein schon aus Gründen der psychologischen Selbstbehauptung angesichts des schweren Schlags, zumindest, solange man glaubt, sich diese leisten zu können.

Glauben Sie, dass die Hisbollah jetzt ihre Angriffe auf Israel verstärken wird oder es sogar zu einem offenen Krieg kommt?
Das ist schwer zu sagen. Unbeantwortet dürfte dieser spektakuläre Schlag gegen Fuad Shukr allein schon aus Gründen der »Moral der Truppe« nicht bleiben. Deswegen den großen Krieg vom Zaun zu brechen, bleibt weiterhin eine problematische Option, auch für die Hisbollah. Entscheidend wird sein, wie sich der Iran verhält. Umgekehrt haben aber auch die Vereinigten Staaten bereits öffentlich signalisiert, dass man Israel gegen die Hisbollah militärisch beistehen wolle. Dies zielt natürlich auf den Iran, der seinerseits - bereits vor dem Mord an Haniyeh - mit einem militärischen Eingreifen gedroht hatte, sollte Israel im Libanon eine größere militärische Offensive gegen die Hisbollah starten. Man schreckt sich also gegenseitig so gut wie möglich ab. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

Lesen Sie auch

Wie wird der Iran auf die Ereignisse der Nacht von Dienstag auf Mittwoch reagieren?
Jedenfalls mit einer Symbolaktion, da die Blamage, auf dem eigenen Territorium den »Staatsgast« nicht schützen zu können, ausgewetzt werden muss. Aber auch in diesem Kontext gilt, dass ein großer Krieg letztendlich unverhältnismäßig wäre und dem Iran mehr Probleme bereiten würde als Teheran derzeit brauchen kann - so sollte man jedenfalls meinen. Auch hier bleibt aber ein hohes Maß an Skepsis und damit angemessenes politisches wie militärisches und sicherheitsdienstliches Contingency Planning geboten, um Angriffen bis hin zu ambitionierten Terroranschlägen selbst in Drittstaaten vorbeugen zu können.

Mit dem früheren BND-Agenten und Nahostexperten sprach Michael Thaidigsmann.

Westjordanland/Gaza

Umfrage: Unterstützung für Hamas in Gaza sinkt weiter

Eine palästinensische Studie zeigt wachsende Distanz zu der Terrororganisation und mehr Unterstützung für eine Zwei-Staaten-Lösung. Eine große Mehrheit lehnt die Entwaffnung vor einem israelischen Rückzug ab

von Sabine Brandes  15.10.2026

Bericht

Netanjahu soll Trump zu Iran-Angriff vor der Wahl gedrängt haben

Der israelische Premier hat angeblich den US-Präsidenten gebeten, den Krieg vor den Wahlen wieder aufzunehmen. In Washington sieht man dabei auch innenpolitisches Kalkül

von Sabine Brandes  15.10.2026

Israel

Vor Schicksalswahl: Eisenkot verspricht Ende der Hamas-Herrschaft in 18 Monaten

Ex-Generalstabschef Eisenkot wirft Benjamin Netanjahu vor, die Kriegsziele im Gazastreifen verfehlt zu haben. Sollte er Regierungschef werden, kündigt er einen klaren Zeitplan an

 15.10.2026

Untersuchung

ADL: Manipulierte Wikipedia-Einträge über Israel immer noch nicht korrigiert

Die Anti-Defamation League wirft den Betreibern der Online-Enzyklopädie vor, zu wenig gegen die Manipulation von Einträgen zu unternehmen, die sich mit Themen wie dem Nahostkonflikt und dem 7. Oktober befassen

 15.10.2026

Wirtschaft

Käsekrise

Was nach einem Lieferengpass im Supermarkt aussieht, steht für ein großes Problem. Weil ausländische Techniker Israel meiden, stehen immer häufiger Maschinen still

von Sabine Brandes  15.10.2026

Diplomatie

Kolumbien verlegt Botschaft nach Jerusalem

Unter dem linken Präsidenten Petro brach Kolumbien die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Nun schlägt die neue Regierung einen anderen Kurs ein

 15.10.2026

Luftfahrt

Wie sicher sind Israel-Flüge?

Nach dem vereitelten Anschlag an Bord einer flydubai-Maschine werden immer mehr gravierende Sicherheitslücken bekannt

von Sabine Brandes  14.10.2026

Meldungen

Studium, Korruption, Aquädukt

Kurznachrichten aus Israel

von Sabine Brandes  14.10.2026

Reaktionen

EU kritisiert Wahlaufschub in den Palästinensergebieten

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027

 14.10.2026