Jerusalem

»Warum können wir von euch keine Waffen bekommen?«

Wolodymyr Selenkskyj bei seiner Rede vor der Knesset (Screenshot) Foto: privat

Während die Bombardierungen seines Landes durch Russland weitergingen, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zur Knesset gesprochen. Die wenige Minuten dauernde Rede begann am frühen Sonntagabend kurz nach 18 Uhr Ortszeit (17 Uhr deutscher Zeit).

ZOOM-LINK Eine große Zahl von Abgeordneten versammelte sich über einen Zoom-Link. Die Rede wurde außerdem live im offiziellen Knesset-Kanal übertragen und simultan vom Ukrainischen ins Hebräische übersetzt. Einige Parlamentarier wollten in einem Ausschuss-Raum zuhören, Premierminister Naftali Bennett von seinem Büro aus.

Die Ansprache an die Knesset wurde gleichzeitig auch auf dem Platz des Habima-Theaters in Tel Aviv ausgestrahlt. Bürgermeister Ron Huldai sagte, er habe angeboten, Selenskyjs Rede per Videoverbindung auf diesem Platz – im Herzen der Stadt – zu übertragen, »damit jeder die Äußerungen des Präsidenten live hören kann«.

»Es ist eine Ehre, den ukrainischen Präsidenten vor der Knesset sprechen zu lassen.«

knessetpräsident mickey levy

Knessetpräsident Mickey Levy begrüßte Selenskyj vor Beginn der Rede per Videoschaltung. Er wolle seine Identifikation mit dem Schmerz des ukrainischen Volkes zum Ausdruck bringen, das angegriffen werde und »schwere Verluste an Leib und Seele« erleide, sagte Levy.

»Von Jerusalem, unserer Hauptstadt, sende ich mein Beileid an die Familien der Opfer und die ukrainischen Verletzten des Krieges«, erklärte der Knessetpräsident. Der russische Angriff auf die Ukraine bedeute eine klare Verletzung der internationalen Ordnung. Alles müsse unternommen werden, um so schnell wie möglich einen Waffenstillstand und ein Ende des Krieges herbeizuführen.

JESCHAJAHU Er hoffe, dass die Vermittlungsversuche des israelischen Regierungschefs Naftali Bennett sowie anderer Faktoren Früchte tragen und eine Ende der Tragödie des ukrainischen Volkes bewirken könnten, unterstrich Levy im Anschluss an ein Zitat aus dem Buch Jeschajahu: »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.« (Jeschajahu 2,4)

Selenskyj zitierte zu Beginn seiner Rede die ehemalige israelische Ministerpräsidentin Golda Meir. »Wir wollen leben, da gibt es keinen Kompromiss«, auch wenn die Nachbarn »uns tot sehen wollen«, habe Meir gesagt, so Selenskyj laut deutscher Übersetzung (durch die Redaktion) der hebräischen Simultanübersetzung seiner Rede im Livestream der Knesset.

NSDAP Der 24. Februar, der Beginn der russischen Invasion in die Ukraine, sei auch das Gründungsdatum der NSDAP, der Partei der deutschen Nationalsozialisten, im Jahr 1920, erklärte Selenskyj. Genau 102 Jahre später sei der Befehl zu einer totalen russischen Invasion in die Ukraine erteilt worden.

Tausende von Menschen seien seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar getötet und Millionen heimatlos geworden. Flüchtlinge seien in Dutzende von Länder gelangt: »Unser Volk wandert zurzeit in der Welt umher, sucht Sicherheit und sucht, in Frieden in der Welt zu leben – so wie auch ihr es gesucht habt«, sagte der ukrainische Präsident an die Adresse Israels gerichtet.

Es handele sich nicht einfach um eine »Militäroperation«, wie man es in Moskau darstelle, sondern um einen umfassenden und ungerechten Krieg, dessen Ziel es sei, das ukrainische Volk, seine Kultur und seine Kinder zu zerstören – und die ganze Welt schaue diesem bösartigen Versuch zu.

ENDLÖSUNG Daher könne er die ukrainische und die jüdische Geschichte vergleichen, sagte Selenskyj weiter. »Hört auf die Worte des Kreml. Sie benutzen die Terminologie, die die Nazi-Partei benutzte. Es ist eine Tragödie. Als sie versuchten, ganz Europa zu unterwerfen und zu zerstören, wollten sie nichts von euch übrig lassen. Sie nannten es die ›Endlösung der Judenfrage‹. Ich bin sicher, ihr erinnert euch gut daran und werdet es nie vergessen.«

In Moskau benutze man heute erneut diesen Begriff und spreche von der Endlösung: »Aber diesmal ist es auf uns gemünzt«, so Selenskyj. »Jüdisches Volk, ihr habt gesehen, wie russische Raketen Kiew und Babyn Jar trafen. Ihr wisst, dass es sich um ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer der Schoa handelt, einen jüdischen Friedhof. Russische Raketen haben diesen Ort getroffen und auch die Stadt Uman, den Zehntausende von Israelis jedes Jahr besuchen, die Stadt, wo das Grab von Rabbi Nachman liegt«, sagte Selenskyj.

»Was wird von unseren Städten in der Ukraine nach diesem entsetzlichen Krieg übrig bleiben? Ich bin sicher, dass ihr unseren Schmerz nachfühlt. Aber könnt ihr erklären, warum wir immer noch die ganze Welt und viele Länder und euch um Hilfe bitten, sogar um Aufnahmevisa, und warum wir auf Gleichgültigkeit, Bedenken oder Vermittlung ohne Festlegung auf eine Seite stoßen?«

Er überlasse den Israelis die Antworten auf diese Frage, sagte Selenskyj, wolle aber feststellen: »Gleichgültigkeit tötet«. Man könne zwischen Staaten vermitteln, aber nicht zwischen Gut und Böse.

IRON DOME In Israel wisse man, dass »Iron Dome« das beste Raketenabwehrsystem sei und dass man die eigenen Interessen verteidigen, aber auch der Ukraine helfen könne –und damit auch die Juden der Ukraine verteidigen könne.

»Warum können wir von euch keine Waffen bekommen, warum hat Israel keine ernsthaften Sanktionen gegen Russland verhängt?« Die Israelis müssten auf diese Fragen »Antworten geben und danach mit den Antworten leben«, so der ukrainische Präsident. Die Ukraine habe vor 80 Jahren Juden gerettet, heute müsse das jüdische Volk seine Wahl treffen.

BUNDESTAG Selenskyj hatte in der vergangenen Woche per Videoschalte vor dem britischen Parlament, vor dem US-Kongress und dem Bundestag Reden gehalten. Er versucht, die westliche Welt dazu zu bewegen, seinem Land während der russischen Invasion mehr Unterstützung zu gewährleisten.

Nach Angaben des israelischen Fernsehkanals zwölf hat Russland Israel gewarnt, weiterhin neutral zu bleiben. Sonst könnte Jerusalem die Fähigkeit als Vermittler in dem Konflikt zwischen Kiew und Moskau verlieren, hieß es in dem Bericht. Die Warnung sei angeblich vom russischen Botschafter in Israel, Anatoly Viktorov, während eines Treffens mit Knessetsprecher Mickey Levy ausgesprochen worden, so Kanal zwölf.

OFFENSIVE Am Dienstag hatte der israelische Außenminister Yair Lapid zum ersten Mal seit der russischen Offensive mit seinem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba gesprochen. In einem »langen und positiven« Gespräch informierte Lapid Kuleba über die anhaltenden Bemühungen Israels, im andauernden Krieg in der Ukraine zu vermitteln und Hilfe zu leisten.

Immer wieder wird auch Jerusalem als möglicher Ort von Friedensgesprächen erwähnt, da Israel gute Beziehungen sowohl zur Ukraine als auch zu Russland unterhält.

Jom Jeruschalajim

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