Essay

Warum?

Ein israelischer Soldat neben einem Panzer in der Nähe des Gazastreifens Foto: REUTERS

Die Nachrichten waren deprimierend. Wie jeden Tag. Am Wochenende hätte ich den Krieg gern vergessen. Aber ich wollte wissen, wie es meiner Freundin Alma (Name von der Redaktion geändert) geht. Ich kenne Alma seit über 30 Jahren. Sie lebt in Israel und hat drei Kinder. Ihr jüngster Sohn, ich nenne ihn hier Benjamin, ist 21 Jahre alt und Soldat.

WhatsApp, 4. Juni
»Liebe Alma, alles okay bei dir?«

»Den Umständen entsprechend recht okay. Nur ist Benjamin wieder zur Armee eingezogen. Er hat Probleme mit dem Knie, ich habe ihn zum Arzt geschickt, und er hat heute eine Untersuchung gemacht, aber es wird etwas dauern, bis wir die Ergebnisse bekommen. Viele Soldaten haben keine Lust mehr. Er wird öfter rauskommen, acht Tage drinnen und vier Tage draußen. Ich hoffe, dass es bald einen Waffenstillstand gibt. Es ist schrecklich, dass es alles immer so weitergeht.«

»Ich hoffe auch sehr, dass es endlich wieder einen Waffenstillstand gibt. Kann der Arzt Benjamin krankschreiben? Es tut mir so leid, dass dieser Stress nicht aufhört.«

»Sie wollen hier nur weitermachen. Jetzt werden noch 350.000 Soldaten bis August eingezogen. ›Gern‹ auch ein Krieg im Norden. Kein Ende in Sicht.«

»Ätzend. Ist Benjamin wieder in Gaza?«

»Auf dem Weg dorthin. Was soll ich machen.«

»Aber in acht Tagen ist er wieder draußen? Ich hoffe, die Zeit vergeht schnell.«

»Ja! Das ist viel besser als das letzte Mal.«

Das letzte Mal dauerte mehr als drei Monate. Benjamin leistete seinen Wehrdienst in einer Eliteeinheit ab. Das Wochenende vom 7. und 8. Oktober 2023 verbrachte er bei Freunden in Jerusalem. Seine Einheit war in einer Kaserne in der Nähe des Gazastreifens stationiert. Als Benjamin in Jerusalem von dem Massaker der Hamas hörte, machte er sich sofort auf den Weg in den Süden Israels.

Zu seinem Glück kam er später als andere in der Grenzregion an. Sonst wäre er vielleicht nicht mehr am Leben. Denn als die Soldaten seiner Einheit mit ihren Autos eintrafen, waren die Hamas-Kämpfer noch in Israel und töteten jeden, dessen sie habhaft werden konnten. Benjamin kämpfte gegen die Terroristen. Mann gegen Mann. Zu den Beerdigungen von Soldaten, die seine Freunde gewesen waren, konnte er nicht gehen. Später besuchte er Verletzte im Krankenhaus.

Das alles habe ich erst viel später erfahren. Nach dem 7. Oktober standen wir beide unter Schock, Alma in Israel und ich in Berlin. Ich zögerte, sie anzurufen. Weil ich mich nicht bei meiner Freundin ausheulen wollte. Was ist schon eine antisemitische Parole, ein Davidstern – auf das Straßenpflaster in Friedenau geschmiert – gegen einen Sohn im Krieg?
Ende Oktober telefonierte ich endlich mit Alma. »Wie hältst du das aus?«, fragte ich sie. Benjamin war in Gaza, natürlich ohne Mobiltelefon. Wochenlang hatte seine Mutter keine Nachricht von ihm.

Die Mütter aus der WhatsApp-Gruppe nahmen ständig Kontakt zu den Kommandeuren auf

Alma erzählte, es seien die anderen Mütter in der WhatsApp-Eltern-Gruppe von Benjamins Einheit, die sie um den Verstand bringen würden. »Sie nehmen ständig Kontakt mit den Kommandeuren auf.« »Wie in der Kita«, warf ich ein. »Wollen sie wissen, ob die Kinder genug gegessen haben? Warum geben die Kommandeure den Eltern überhaupt ihre Handynummer?« »Weiß ich nicht, sie haben jedenfalls die Telefonnummern. Und sie wollen, dass man Gaza noch stärker von oben bombardiert, damit unsere Söhne nicht in Gefahr sind. Was haben sie denn erwartet? Sie wussten doch, was eine Eliteeinheit ist. Wer sich dafür meldet, riskiert sein Leben, das musste den Eltern doch klar sein«, sagte Alma, scheinbar kaltblütig.

»Benjamin ist im Krieg. Er tut das, wofür er ausgebildet wurde. Es ist richtig, was er tut, er verteidigt unser Land. Es kann sein, dass er getötet wird. So ist das im Krieg.« Sie habe es geschafft, keine Diskussionen in der WhatsApp-Gruppe anzufangen, sondern gehe den anderen Eltern lieber aus dem Weg.

Alma versuchte, nicht ständig an ihren Sohn zu denken. Oder gar nicht an ihn zu denken. Denn Benjamin sei nicht geholfen, wenn seine Mutter sich Sorgen macht. Alma konzentrierte sich auf ihren Job und ihre Familie. Nach jedem Telefonat mit ihr war ich getröstet. Weil Alma viel mehr Probleme hatte und trotzdem stärker war als ich.

Sie brachte mir bei, wie man mit der Mutter eines Soldaten kommuniziert. Auf keinen Fall durfte ich, wenn israelische Online-Zeitungen Berichte über getötete Soldaten brachten, wenige Stunden darauf in einer WhatsApp nach Benjamin fragen. Ich sollte am besten überhaupt nicht nach ihm fragen. Alma wollte leichte Themen, die nichts mit Israel zu tun hatten. Ich erinnere mich an Telefonate mit meiner Freundin, in denen es um Kochrezepte ging, Belanglosigkeiten aus dem Büro oder um alte Zeiten.

Irgendwann im Winter durfte Benjamin für 24 Stunden den Gazastreifen verlassen. Ende Januar war Schluss mit seinem dreijährigen Wehrdienst, den die Armee – natürlich ohne ihn zu fragen – um einen weiteren Monat verlängert hatte. »Ich habe heute zum ersten Mal wieder Pilates gemacht«, sagte Alma damals am Telefon und klang wieder fast so wie früher. Vor dem Krieg.

Die Hälfte aller Soldaten in seiner Einheit hatte sich schon krankgemeldet.


Sie wisse, was ihr Sohn in Gaza getan habe, ließ sie anklingen. Er habe es ihr erzählt. Ich erfuhr einige der Details im Frühjahr, als ich nach Israel flog, um meine Familie und meine Freunde zu besuchen. Nicht von Benjamin, der ein loyaler Soldat ist und niemals ohne Erlaubnis mit der Presse sprechen würde, weder in Israel noch im Ausland. Nein, ich habe die Geschichten von seiner Mutter gehört.

»Sie haben in Wohnungen in Gaza kampiert. Manchmal war dort viel Bargeld. Benjamin hat einmal 20.000 Dollar gefunden, er hat das Geld abgegeben. Es gibt bestimmt auch Soldaten, die es nicht abgegeben hätten. Weil sie wussten, dass alles zerstört wird.«

»Wenn sie die Wohnungen wieder verlassen haben, haben sie alles zerstört. Manchmal haben sie die Häuser angezündet.«

»Es gibt Zonen, in denen sich niemand in Gaza bewegen darf ohne Gefahr, erschossen zu werden. Benjamin war zusammen mit einem anderen israelischen Soldaten unterwegs. Auf der Straße kam ihnen ein alter Palästinenser entgegen. Er hatte viele Kleider übereinander angezogen. Vielleicht war ihm kalt. Oder er wollte die Kleidung in Sicherheit bringen. Er hat auf Anruf nicht reagiert. Benjamin sagt, er wollte nicht auf einen alten Mann schießen, so ein ›Held‹ sei er nicht. Sein Kamerad hat auch nicht geschossen. Andere hätten es vielleicht getan. Der alte Mann hatte keinen Sprengstoff dabei.«

Benjamin kehrte zurück ins Haus seiner Eltern. Er erholte sich, machte den Führerschein und begann, über seine Zukunft nachzudenken. Anfang Juni, nicht einmal ein halbes Jahr nach dem Ende seines Wehrdienstes, bekam er wieder Post von der Armee: »Zav Schmone« (Befehl acht) – die Einberufung für Reservisten. Insgesamt drei Monate. Sechs Wochen Gaza, danach sechs Wochen im Norden Israels, nicht weit entfernt von der Grenze zum Libanon.

Telefonat mit Alma, 12. Juni
»Er hat gesagt, er will nicht. Er will keine Häuser räumen, in denen Sprengstoff versteckt sein könnte. Er will da nicht rein«, sagte Alma.

»Hat der Arzt ihn nicht krankgeschrieben wegen seines Knies?«

»So schnell geht das nicht. Die Ergebnisse kommen in drei Wochen. Er trägt jetzt weniger Gepäck und hat ein leichteres Gewehr genommen.«

»Kann er nicht zum Psychiater gehen?«

»Auf diese großartige Idee bin ich auch schon gekommen. Er hat einiges erlebt, was traumatisch ist. Aber sich selbst für verrückt erklären? Vergiss es. Das würde Benjamin niemals tun.«

Almas Sohn war nicht der Einzige, der nicht wieder an die Front wollte. »Er hat in seiner Einheit angerufen wegen seines Knies. Aber er war zu spät dran. Die Hälfte aller Soldaten hatte sich schon krankgemeldet, und der Hauptmann hatte genug von diesen Anrufen. Er sagte: Es reicht jetzt. Ich bin 25 und habe ein Baby zu Hause. Soll ich den Krieg allein führen?«

Es sei nicht so schlimm wie beim letzten Mal, tröstete sich Alma. Immerhin habe Benjamin jetzt ein Mobiltelefon, auch wenn er nicht immer antworte. Und er sei auch nicht an der Front, sondern bewache eine Straße, die durch Gaza führt. Mich packte trotzdem die Wut.

»Viele Experten sagen, dass der Krieg gegen die Hamas nichts mehr bringt. Anfangs musste Israel zurückschlagen. Aber jetzt? Man erobert Gebiete in Gaza, räumt sie wieder, und die Hamas rückt mit ihren Kämpfern nach.«

»Ja, es ist alles umsonst«, sagte Alma. »Es gibt keinen vollständigen Sieg.«

»Was Netanjahu aber immer noch behauptet. Weißt du eigentlich, was dieser Krieg mit uns Juden in der Diaspora macht? Wir verlieren eine Auseinandersetzung nach der anderen. Hast du von dieser TU-Präsidentin gehört, der Chefin der Technischen Universität Berlin? Sie hat einen Tweet mit einem Bild von Netanjahu samt Hakenkreuz gelikt. Und sie bleibt im Amt. Die Hochschulen, die Kultur, die ganze Gesellschaft … Antisemitismus ist wieder salonfähig.«

»Danke, dass du mich daran erinnerst, aber das ist die Schuld der Hamas.«

»Die Hamas gewinnt diesen Krieg. Das ist das Wahnsinnige. Die Terroristen gewinnen. In der UNO, in den Unis, überall. Netanjahu spielt ihr Spiel mit und tappt in ihre Falle. Warum muss dein Sohn seinen Kopf für diese Regierung hinhalten? Damit Bibi nicht wegen Korruption verurteilt wird?«

»Es ist unverschämt. Die Ultraorthodoxen werden nicht eingezogen – und alle anderen sollen mehr Reservedienst machen. Aber man kann keinen Zweifrontenkrieg mit einer Armee von Reservisten führen. Vor allem, wenn sie nicht motiviert sind. Wenn das die Hisbollah merkt, sind wir verloren. Es ist eine Katastrophe.«

»Immerhin ist Benny Gantz aus der Regierung ausgetreten. Besser spät als nie. Warum ist Yoav Gallant immer noch dabei?«

Ich will einen Waffenstillstand in
Gaza. Ich will keinen Krieg im Norden.


Warum habe ich diesen Text erst jetzt geschrieben? Weil ich Alma dazu brauchte. Das hat sie für mich getan: mir eine Stimme gegeben. Was kann ich für meine Freundin tun? »Du weißt ja, dass ich einen israelischen Pass habe. Ich komme auf jeden Fall zu den Wahlen.« Ein schönes Versprechen, aber wer weiß, wann die nächste Knesset gewählt wird?

Schon viele Wochen wollte ich über den Krieg schreiben. Aber ich war mir nicht sicher, hatte zwei Meinungen gleichzeitig. Und Angst vor Beifall von der falschen Seite, vor Hardlinern in unserer Bubble. Ja, die Situation für uns Juden in der Diaspora wird immer schwerer. Weil Israel von außen und von innen bedroht wird. Und weil wir nicht wissen, wer wir sind – ohne Israel. Aber was ist Israel ohne uns? Und warum sollen wir einen Krieg rechtfertigen, der keinen Sinn mehr ergibt?

Jetzt weiß ich, was ich sagen will, und es ist sehr einfach. Ich will einen Waffenstillstand in Gaza. Ich will, dass die Geiseln freigelassen werden. Ich will keinen Krieg im Norden. Und keine Regierung in Jerusalem, die an ihrer Macht klebt, ihre Bevölkerung längst aus den Augen verloren hat und ihre Soldaten falsche Dinge tun lässt.

Ich will vor allem, dass Benjamin gesund nach Hause zurückkehrt.

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