Hintergrund

»Unvorstellbare Brutalität«: Sexuelle Gewalt bei den Hamas-Angriffen

Große Teile des Kibbuz Kfar Aza wurden bei dem Angriff am 7. Oktober verwüstet. Foto: Uwe Becker

Er habe von seinem Versteck aus die Hilferufe einer Frau gehört, berichtet ein Besucher des Musikfestivals in Israel, das die Hamas am 7. Oktober überfiel. Sie werde vergewaltigt, habe die Frau gerufen, dann seien Schüsse gefallen, und die Stimme sei verstummt.

An anderer Stelle auf dem Gelände fand ein Sanitäter die Leiche einer offenbar ebenfalls vergewaltigen jungen Frau. Einige weibliche Opfer trugen nach Angaben eines Reservisten, der an der Identifikation der Toten beteiligt war, nur noch blutige Unterwäsche am Körper.

Vergewaltigungen waren offenkundig Teil der brutalen Terrorattacke der Hamas: Das machen diese und ähnliche Schilderungen von Augenzeugen deutlich. Bei dem Angriff hatten die Extremisten etwa 1200 Menschen getötet, die meisten von ihnen Zivilpersonen, und mehr als 240 Geiseln genommen.

Die Ermittler haben das gesamte Ausmaß der sexuellen Übergriffe noch gar nicht erfasst. Das kritisiert vor allem die israelische Regierung.

»Ich sage den Frauenrechtsorganisationen, den Menschenrechtsorganisationen: Ihr habt von den Vergewaltigungen israelischer Frauen gehört, von schrecklichen Gräueln, sexueller Verstümmelung – wo zur Hölle seid Ihr?«, sagte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Dienstag auf einer Pressekonferenz.

US-Präsident Joe Biden bezeichnete die Berichte über sexuelle Gewalt als »entsetzlich« und rief die Welt auf, die »unvorstellbare Brutalität« zu verurteilen.

Zwei Monate nach den Angriffen der Hamas auf das Musikfestival, Ortschaften und Militärposten im Süden von Israel versucht die Polizei noch immer, die Teile zusammenzusetzen. Unmittelbar nach den Anschlägen hatte die Identifikation der Toten Priorität vor der Beweissicherung.

Nun durchkämmt die Polizei nach eigenen Angaben 60.000 Videos, die aus beschlagnahmten Körperkameras von Hamas-Angreifern, sozialen Medien und von Überwachungskameras stammen. Auch 1000 Zeugenaussagen werden ausgewertet, um die Täter zur Rechenschaft ziehen zu können. Überlebende Vergewaltigungsopfer zu finden erwies sich als schwierig, da viele von den Angreifern getötet worden waren.

ERSTE BEWERTUNG

Die Organisation »Ärzte für Menschenrechte Israel«, die sich in der Vergangenheit auch für die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen eingesetzt hat, hatte im November ein erstes Gutachten veröffentlicht. Es sei sicher, dass sexuelle Gewalt während der Hamas-Angriffe weit verbreitet gewesen sei, sagte die Strategie- und Ethikdirektorin der Gruppe, Hadas Ziw, am Dienstag. Ob sie angeordnet und systematisch gewesen sei, werde derzeit von der Polizei geprüft. Die Hamas hat den Vorwurf sexueller Übergriffe durch ihre Terroristen zurückgewiesen.

Vor Beginn dieses Kriegs sei die Terrororganisation tatsächlich nicht dafür bekannt gewesen, Vergewaltigung als Waffe einzusetzen, erklärt Colin Clarke, Forschungsdirektor des globalen Sicherheitsunternehmens Soufan Group. Vielmehr hätten Selbstmordattentate und Angriffe mit Schusswaffen auf israelische Soldaten und Zivilpersonen zur Taktik der Hamas gehört.

Der Experte Nidhi Kapur kritisiert das Vorgehen der israelischen Ermittler nach dem 7. Oktober. Ein Land wie Israel sollte die Mittel haben, um systematischer gründliche Tests zur Bestätigung von Vergewaltigungen durchzuführen, sagt Kapur, der zu sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten arbeitet. »Forensische Analysen hätten Vorrang haben sollen, um sich ein vollständiges Bild von dem Angriff zu verschaffen«, betont er. »In einem Konflikt kümmert man sich zuerst um die Überlebenden, man zählt keine Leichen.«

BERICHTE DER GEISELN

Am Dienstag kamen Netanjahu und Mitglieder seines Kriegskabinetts zu einem angespannten und emotionalen Treffen mit kürzlich freigelassenen Geiseln und Angehörigen von Entführten, die noch im Gazastreifen festgehalten werden, zusammen. Einige der Freigelassenen berichteten nach Angaben aus Teilnehmendenkreisen von sexuellem Missbrauch während ihrer Gefangenschaft.

Davon unabhängig sagte ein Arzt, der einige der insgesamt 110 Freigelassenen behandelte, der AP, dass mindestens zehn der männlichen und weiblichen Geiseln Opfer sexueller Gewalt wurden.

Dem israelischen Militär zufolge befinden sich noch 138 Geiseln, unter ihnen 15 Frauen, in der Gewalt der Hamas und anderer Terror-Gruppen im Gazastreifen.

FEHLENDE HILFE FÜR FRAUEN

Am Montag war Israel Gastgeber einer Veranstaltung bei den UN. Dort beklagten unter anderen die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton, US-Senatorin Kirsten Gillibrand und die Tech-Managerin Sheryl Sandberg ein weltweites Versagen bei der Unterstützung weiblicher Opfer von sexueller Gewalt.

Doch manche Gruppen werfen auch Israel vor, Ermittlungen zu erschweren. Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte beantragte nach eigenen Angaben Zugang nach Israel und in die palästinensischen Gebiete, um Informationen zu den Hamas-Angriffen zu sammeln. Israel habe darauf jedoch nicht reagiert, sagte die Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros, Ravina Shamdasani.

Israel wirft dem Büro Voreingenommenheit gegen Israel vor und verweigert die Kooperation. Regierungsvertreter erklärten, man prüfe alle Optionen für unabhängige internationale Untersuchungen. Aus Sicht von Menschenrechtsexperten sind die UN am besten aufgestellt, um faire, glaubhafte und unparteiische Ermittlungen vorzunehmen.

»Diese Berichte sind fürchterlich und verdienen eine sofortige, gründliche und glaubwürdige Untersuchung«, sagt die Frauenrechtsexperten Heather Barr von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. ap

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