Redezeit

»Unser Krankenhaus ist nur teilweise geschützt«

Frau Malul, Aschkelon ist auch am heutigen Montag nicht von Raketen aus dem Gazastreifen verschont geblieben. Wie ist die Situation jetzt?
Die Lage ist unverändert. Seit der vergangenen Woche – wie auch in Sderot – ist es nachts meist ruhig. Am Morgen beginnt der Raketenbeschuss. Es ist nur schwer zu ertragen, die Stadt so leer zu sehen. Die meisten Menschen bleiben im Moment zu Hause. Und viele Familien mit kleinen Kindern sind zeitweise in weiter entfernte Städte oder Ortschaften gezogen. Aber niemand, den ich hier kenne, ist irgendwie erbost oder aufgeregt. Alle warten, dass es so schnell wie möglich vorüber ist. Und wir hoffen, dass es ein für alle Mal erledigt ist. Ganz im Ernst: Wir haben genug.

Dennoch geht der Beschuss weiter.
Das ist richtig. Heute Nachmittag, so gegen 1 Uhr 30, ist eine Grad-Rakete auf einem Parkplatz in der Nähe meines Hauses heruntergekommen. Ich wohne hier in Aschkelon direkt am Strand. Und fast zur gleichen Zeit ist eine Rakete direkt hier neben der Kinderabteilung unseres Krankenhauses explodiert – Gott sei Dank auf freier Fläche. Insofern haben wir in diesen beiden Fällen keine größeren Schäden zu beklagen.

Hat Ihre Notaufnahme mit Verletzten anderer Raketeneinschläge zu tun?
Wir versorgen hier nicht nur die Menschen aus Aschkelon, sondern auch aus dem weiteren Umkreis. Allein heute sind bis zum Nachmittag zwölf Verletzte zu uns gekommen. Sechs davon haben körperliche Verletzungen davongetragen, von Schrapnellen und Raketensplittern. Sechs Menschen mussten mit Schockzuständen behandelt werden. Insgesamt sind seit Donnerstag 130 Verletzte der Raketenangriffe im Barzilai-Hospital aufgenommen worden.

Versorgen Sie jetzt auch – wie in den Vorjahren – palästinensische Patienten aus dem Gazastreifen?
Nein, im Moment nicht. Wir sind seit vielen Jahren auch ein Krankenhaus für den Gazastreifen. Bis die Hamas die Macht übernahm, hatten wir von dort etwa 400 Patienten im Monat. Die Zahl ist inzwischen auf 20 bis 30 zurückgegangen, die Hamas lässt die Menschen nicht mehr zur Behandlung zu uns. Aber grundsätzlich haben wir das Privileg, dass wir jeden Patienten ohne Rücksicht auf seine Hautfarbe, Herkunft oder Religion versorgen.

Ist das Krankenhaus vor Raketeneinschlägen geschützt?
Unser Krankenhaus hat das Problem, dass es in Reichweite der Geschosse liegt, aber nur teilweise geschützt ist. Insofern haben wir das Hospital so weit wie möglich geräumt. Es gibt zu wenige unterirdische und geschützte Bereiche. Einige Abteilungen haben wir genau dahin verlegt. Zudem haben wir für die Kinder der Mitarbeiter eine Betreuung eingerichtet, die sich in der Nähe eines Schutzraumes befindet.

Wie ist die Stimmung beim Krankenhauspersonal?
Im Moment ist es wirklich nicht einfach, weil auch ein Teil der Ärzte, Pfleger oder Sicherheitsleute zum Reservedienst einberufen wurde. Die Stimmung ist irgendwie seltsam. Einerseits kennen wir die Aufregung, wenn die Sirenen wieder losheulen, wir unsere Familien anrufen, fragen, ob alles in Ordnung ist. Andererseits sind wir – wie auch die anderen Menschen hier in Aschkelon – in guter Stimmung. Wir wollen, dass sich endlich etwas zum Guten verändert. Aber seit elf Jahren stets mit der Gewissheit zu leben, dass alles ungewiss ist, dass man nicht weiß, was als Nächstes kommt, das ist sehr schwer.

Was sollte jetzt passieren?
Wir hoffen, dass nun endlich etwas Entscheidendes geschieht. Natürlich wünschen wir uns, dass keine Bodenoffensive notwendig wird, sondern dass man auf diplomatischem Wege zu einer Verständigung kommt. Aber wenn das nicht möglich ist, sollten wir eben die militärische Option weiter nutzen. Wir müssen unser Land verteidigen, wir haben kein anderes.

Sie haben bereits 2008 eine ähnliche Situation erlebt. War sie vergleichbar?
Nein. Ich glaube, die Menschen haben heute mehr Vertrauen in die politische und militärische Führung. Wir wissen, dass dort jeder Schritt mit Überlegung und Vernunft unternommen wird. Ich habe zwei Söhne in der Armee. 2008 hatte ich das Gefühl, dass man unsere Kinder umsonst opfern würde. Heute habe ich die Sicherheit, dass sie jetzt etwas tun, was unser Volk wirklich braucht.

Mit der Direktorin Public Affairs des Barzilai-Krankenhauses in Aschkelon sprach Detlef David Kauschke.

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